6. Fachtagung des Kinderzentrums St. Vincent Regensburg

„Kannst du mich aushalten?"

Das Kinderzentrum St. Vincent der Katholischen Jugendfürsorge Regensburg (KJF), eine der größten Einrichtungen der Erziehungshilfe in Ostbayern, profiliert sich seit Jahren mit anspruchsvollen Fachtagungen. Gemeinsam mit dem Landesverband katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfe in Bayern e.V. (LVkE) und dem Amt für Jugend und Familie der Stadt Regensburg als Kooperationspartner widmeten sich ausgewiesene Expertinnen und Experten auch in diesem Jahr, am 9. Mai 2019, einem fachlich höchst interessanten und anspruchsvollen Thema: der Haltequalität in der Erziehungshilfe.



Bild v.li.: Dr. Volker Sgolik (Leiter des Jugendamts der Stadt Regensburg), Werner Kuhn (Leiter des Jugendamts Landkreis Regensburg), Prof. Dr. Romuald Brunner (Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie Regensburg), Klaus Schenk (stellvertretender Referatsleiter Jugendpolitik und Jugendhilfe im Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales), Ingoberth Roith (Regierung Oberpfalz, Sprecher der bayer. Heimaufsichten), Petra Rummel (Geschäftsführerin des LVkE), KJF-Direktor Michael Eibl, Ralf Bernowsky (Regierung Oberpfalz, Regierungsschuldirektor), Frank Baumgartner (Gesamtleiter Kinderzentrum St. Vincent), Prof. Dr. Michael Macsenaere (geschäftsführender Direktor des Instituts für Kinder- und Jugendhilfe in Mainz), Günter Lindner (stellvertr. Einrichtungsleitung St. Vincent)

Zum Fachtag „Bei uns ist jetzt Schluss! – Haltequalität in der Erziehungshilfe" begrüßten Michael Eibl, Direktor der KJF, und Klaus Schenk, stellvertretender Referatsleiter Jugendpolitik und Jugendhilfe im Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales, rund 250 Gäste in der Continental-Arena in Regensburg. Worum ging es? Um die Haltequalität in sozialen Einrichtungen und darum, so zitierte KJF-Direktor Michael Eibl aus dem schriftlich übermittelten Grußwort der Bundesministerin für Familien, Frauen, Senioren und Jugend, Dr. Franziska Giffey, Hilfeleistungen noch besser an die Bedürfnisse der jungen Menschen anzupassen, sie besser zu erreichen und zu begleiten. „Kannst du mich aushalten?", das ist der Hilferuf junger Menschen mit meist negativen Bindungserfahrungen, mit anderen traumatisierenden Erfahrungen oder Erlebnissen in der Familie. Für sie gilt es in der Erziehungshilfe Antworten und Lösungen zu finden, damit sie ihr Leben meistern können.


Wenn Kinderseelen zersprengt wurden

Beim Fachtag wurden Akteure, Helfersysteme, die Qualität der Angebote und die Haltung der Pädagoginnen und Pädagogen beleuchtet im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen, deren herausforderndes Verhalten pädagogische Systeme zu sprengen droht. „Sprengen sie das System oder wurde in den Seelen dieser Kinder und Jugendlichen nicht schon zuvor etwas gesprengt – durch Gewalterfahrungen, durch Vernachlässigung oder Missbrauch?", fragte Michael Eibl, Direktor der KJF und Vorstandsvorsitzender des LVkE, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im voll besetzten Saal der Continental Arena. Und sofort war klar, auch in schwierigsten Situationen geht es darum, den Kindern und Jugendlichen und ihren Familien jede nur erdenkliche Hilfe und Unterstützung zu geben. „Denn sie sind es uns wert", sagte Michael Eibl, „deshalb müssen wir uns gemeinsam verständigen und uns fachlich weiterentwickeln", wandte er sich an alle Kooperations- und Netzwerkpartner wie die zahlreich erschienen Fachkräfte. Dies bestätigte Klaus Schenk, der stellvertretende Referatsleiter der Abteilung Jugendhilfe des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales. Die Zielgruppe benötige insbesondere Verlässlichkeit und Beziehungskontinuität. Er lobte in seinem Grußwort ausdrücklich die Auswahl der Themenstellung des Fachtags.


Intensive Hilfen und interdisziplinäre Zusammenarbeit sind erforderlich

Professor Michael Macsenaere, geschäftsführender Direktor des Instituts für Kinder- und Jugendhilfe in Mainz, stellte Daten aus der EVAS Studie vor (https://www.ikj-mainz.de/index.php/EVAS.html), die eindeutig belegen, dass Dauer und Intensität einer Hilfemaßnahme ausschlaggebend für deren Gelingen sind – gerade bei den sogenannten „Systemsprengern". Dabei erweisen sich nach diesen Auswertungen spezifische und intensive Angebote für schwierige junge Menschen nochmals erfolgreicher als die der teilstationären (§32 SGB VIII) und stationären (§34 SGB VIII) Hilfen.

Dr. Volker Sgolik, seit 2017 Leiter des Amts für Jugend und Familie der Stadt Regensburg, und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Oberpfälzer Jugendamtsleitungen, erläuterte mögliche Konsequenzen für ein fallverantwortliches Jugendamt am Beispiel der Stadt Regensburg. „Gemeinsam heißt interdisziplinär und individuell", so Sgolik." Die Spirale des „Viel hilft viel" müsse durchbrochen werden und man müsse neue Wege in gemeinschaftlicher Verantwortung gehen. Ein genaues Hinschauen sei überdies erforderlich: Was braucht das Kinder oder der Jugendliche, was ist im Moment möglich? Auch die Fachkräfte müssten in den Blick genommen werden. Sie für diese herausfordernden Tätigkeiten zu gewinnen, zu halten und zu unterstützen, sei Gebot der Stunde.

„Gelingende Kooperationen setzen ein gegenseitiges Verständnis für die Möglichkeiten und Grenzen der jeweiligen Fachgebiete voraus", erklärte Prof. Dr. med. Romuald Brunner, seit Juli 2018 Lehrstuhlinhaber und Ärztlicher Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Regensburg. „Ein Verständnis für die Entwicklungsbedingungen kinder-psychiatrischer Erkrankungen sowie die Möglichkeiten klinisch-therapeutischer Interventionen erscheinen unabdingbar, um auch Übergänge in pädagogisch-therapeutische Versorgungstrukturen zum Gelingen zu bringen."


Junge Menschen nicht aufgeben

Frank Baumgartner, Gesamtleiter des Kinderzentrums St. Vincent in Regensburg, erzählte von Momenten des Scheiterns, der Ratlosigkeit, aber auch des Gelingens. „Obwohl manche Kinder und Jugendliche nicht mehr haltbar sind, werden sie über alle Grenzen hinweg gehalten, weil sie die Einrichtung und die Fachkräfte nicht aufgeben wollen. Das klingt in jeder Hinsicht richtig, doch vergisst man dabei häufig den Preis, den die anderen betreuten Kinder und Jugendlichen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dafür zahlen. Es stellt sich die Frage, ob das Halten durch Haltung in solchen Situationen zwangsläufig der richtige Weg ist", so Baumgartner. Er zeigte auf, wie die pädagogischen Fachkräfte in St. Vincent arbeiten, um in diesen Situationen den jungen Menschen Lösungen anzubieten. Zentrale Punkte dabei seien: Fachliche Differenzierung, Qualifizierung, Zusammenarbeit, Flexibilität und Deeskalation.


Zeit in Einrichtung wichtig und wertvoll

Besonders beindruckend war der Abschlusstalk der Fachtagung mit drei ehemaligen Heimkindern. Sie berichteten von ihrem Werdegang, Abbrüchen in ihrem jungen Leben und dem, was ihnen geholfen hat. Interessant war, dass alle drei äußerten, dass die Zeit in der jeweiligen Einrichtung für sie wichtig und wertvoll war. Diese Zeit hat sie dabei unterstützt, ihren ganz eigenen „gelingenden und für sie stimmigen Weg" zu finden. Das Gespräch mit diesen jungen Erwachsenen brachte die Kernaussage des Fachtags nochmals auf den Punkt: In der Erziehungshilfe geht es darum, die jungen Menschen in ihrer Vielfalt und Individualität, anzunehmen. Ihre Kompetenzen sind Ressourcen, die man zur Entfaltung bringen muss. Dieser biografische Ansatz lässt „Licht-und Schattenseiten" zu, hält und hält aus. Aber was bedeutet das für die Pädagoginnen und Pädagogen? Wie können sie Verlässlichkeit und Beziehungskontinuität geben? Wie kann ein Team dabei unterstützen, schwierige Situationen auszuhalten und zu bewältigen? Diese und weitere Fragestellungen könnten potentielle Themen für gemeinsame Fortbildungen sein.

Der 6. St. Vincent-Fachtag machte sich auf die Suche nach mutigen Ansätzen, die Kindern und Jugendlichen belastbare und flexible Lebensräume anbieten können. Es wurden alternative Hilfesysteme und Maßnahmen beleuchtet wie auch differenzierte Angebote vorgestellt, die aufzeigten, wie Betreuungen mit ähnlichen Ausgangslagen doch noch gelingen können. Nicht zuletzt stellt sich für die Einrichtungen der Erziehungshilfe die Frage, mit welchen Mitteln sie sich belastbar und flexibel für die Zukunft aufstellen können. Auch dies nahm der Fachtag in den Blick. Als ein erster wichtiger Schritt zur Professionalisierung darf der gemeinsame Wille aller Beteiligten aus den Jugendämtern, aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, den niedergelassenen Psychotherapeuten und Fachkräften in Einrichtungen verstanden werden, in bereichsübergreifenden Fortbildungen weiter an einer Verbesserung der Angebote zu arbeiten und die Fachkräfte gezielt für die Bedürfnisse dieser herausfordernden Klientel zu qualifizieren.


Text: Christine Allgeyer
Fotos: Christine Allgeyer