Meditativer Impuls Oktober 2019

Holzskulptur Adler, Geisleralm im Villnösstal;
Foto: Hermann Scheuerer-Englisch, KJF Regensburg

Auf Adlerflügeln getragen

Vor drei Wochen waren einige Kolleginnen und Kollegen auf Bergexerzitien zum Thema „Auf Adlerflügeln getragen" in Südtirol. Keiner von uns hat den König der Vögel gesehen, aber die schönen biblischen Bilder von Gott, der uns wie auf Adlerflügeln durch das Meer der Zeit trägt, haben uns täglich begleitet. Bei den Impulsen und Betrachtungen wurde uns auch bewusst, was wir Menschen vom Adler lernen können.

Pädagogische Zumutungen und den Rücken hinhalten:
Wenn die Jungen eines Adlers heranwachsen und fliegen lernen sollen, machen die Eltern ihren Kindern das Leben ungemütlich: Sie werfen zuerst die weichen Zweige aus dem Nest und zuletzt sogar ihr Kind. Schluss mit Hotel Mama für Nesthocker! Wenn die verängstigten Adlerjungen jedoch wild und unkontrolliert mit ihren Flügeln schlagen und dabei nicht an Höhe gewinnen, sondern eher in die Tiefe fallen, stürzt der große Adler herab, um sein Kind aufzufangen. Dabei benützt er nicht die Krallen, sondern trägt es liebevoll mit seinem Gefieder im Rücken wieder nach oben.

Dieses Bild greifen christliche Gemeinden in dem bekannten, ökumenischen Kirchenlied auf: „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren…, der uns auf Adelers Fittichen sicher geführet …, hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet" (GL 392).

Für unsere Arbeit mag das heißen: Führungskräfte dürfen ihrem Kollegium und pädagogische Fachkräfte ihren Klienten viel zutrauen und immer wieder Mut zusprechen. Manches wird vielleicht auch als Zumutung empfunden. Wichtig ist, dass man im Blickkontakt bleibt. Und sollte jemand gefährdet sein, muss es inmitten von harten Winden und Stürmen ausreichend Kraft- und Zeitreserven geben, um aufzufangen und unterstützend, mittragend den Rücken hinzuhalten.

Aufwinde nützen statt gegen Stürme anzukämpfen:
Der Adler würde schnell seine Kräfte verbrauchen, wenn er ständig gegen die stürmischen Bergwinde ankämpfen würde. Vielmehr werden seine Flügel stark, indem er die Aufwinde nutzt, die ihn kreisend in die Höhen aufschwingen lassen.

Für uns will das heißen, dass wir nicht gegen Widerstände, die wir nicht ändern können, ankämpfen sollen. Suchen wir besser die Regionen, in denen es Aufwinde gibt, die über Höhen und Tiefen hinweg tragen. Der Geist Gottes zeigt, was uns in dieser Zeit weiterbringt, trägt und hält.

Selbstsorge und Erholung:
Ein ausgewachsener Adler benötigt mindestens eine Stunde pro Tag, um mit seinem Schnabel seine etwa 7000 Federn zu reinigen. Instinktiv weiß er, dass man mit schmutzigen Flügeln nicht weit kommt.

In der sozial-caritativen Arbeit laufen wir immer wieder Gefahr, dass wir neben den vielen schönen Erfahrungen in der tätigen Nächstenliebe auch seelischen-geistigen „Schmutz" ansammeln. So sind wir gut beraten, uns täglich eines Reinigungsprozesses zu unterziehen und gut für uns selbst zu sorgen. Gesund bleiben und führen beginnt zu allererst mit der Sorge um seine eigene seelische und leibliche Gesundheit! Viele Religionen dieser Welt haben solche besonderen Reinigungszeiten. In unserem Kirchenjahr sind es die Advents- und vorösterliche Bußzeit.

Loslassen und Erneuerung:
Sollten manche Federn verschlissen sein, reißt der Adler sie aus, damit neue nachwachsen können. So behält sich auch ein jahrzehntealter Adler ein jugendliches Aussehen. „Wie dem Adler wird dir die Jugend erneuert" (Ps 103,5).

In der Bereitschaft zum Ausreißen und vertrauensvollen Loslassen alter, verstaubter Gewohnheiten und Überlieferungen steckt eine große Chance für Erneuerung. Dies gilt für alle Bereiche des Lebens in Gesellschaft und Kirche, auch für unsere KJF-Einrichtungen und Dienste.

Öl, das schützt und stärkt:
Der Adler hat Drüsen, mit denen er seine Federn einölt. In dieser Weise imprägniert bleiben sie geschmeidig und gegen Witterungseinflüsse widerstandsfähig.

Öl kennen wir auch im Christentum – denken wir an das Salböl bei der Taufe, Firmung, Priesterweihe, Krankensalbung… Christus ist ein griechisches Wort und heißt übersetzt: „der Gesalbte". Christus ist es, der unsere religiös-spirituellen Flügeln salbt, stärkt und ihnen Glanz verleiht. So dürfen wir sie immer wieder festigen lassen, bevor wir uns aufschwingen und darüber freuen, wenn die Probleme und Sorgen des Alltags in der Weite des Himmels wie von selbst winzig klein werden.

 

Möglichkeiten zur Vertiefung im Team:

Wünsche für die Kollegeninnen und Kollegen

Ich wünsche Dir Adlerflügel,
die Dich tragen
über die Höhen und Tiefen
des Lebens hinweg.


Ich wünsche Dir Flügel,
die stark sind und decken können,
so dass in den Stürmen der Zeit
immer wieder Friede einkehren kann.

Vertraue auf die Kraft des Windes und des Geistes.
So gewinnst du neue Kraft und kannst dich emporschwingen
wie ein Adler.
Du läufst und ermattest nicht.
Du gehst und ermüdest nicht.
(nach Jes 40,31)

Wenn Winde und Stürme um dich brausen,
dann sieh, wie der Wind, der dich zurückhält,
dich auch nach vorne treiben kann.
Sei wie ein Adler, der nicht mit dem Wind kämpft,
sondern sich von ihm nach oben treiben lässt.

Wie der Adler sein Gefieder pflegt,
wünsche Dir jeden Tag genügend Zeit,
Leib und Seele zu pflegen.

Wie der Adler alte Federn ausreißt, damit neue nachwachsen können,
so wünsche ich dir,
dass du dich von Altem und Überholtem in aller Gelassenheit trennen kannst,
um dich neu auszurichten.

Wie der Adler auch stille Zeiten auf dem Felsen braucht,
wünsche ich dir Auszeiten zur Erholung und Selbstfindung.

Wie der Adler der König der Vögel ist,
so darfst auch du stolz sein auf das,
was du bisher in deinem Leben erreicht hast.

Wie der Adler mit seinen Flügeln seine Jungen beschirmt,
so denke auch du daran, dass du für andere Schirm und Schutz bist.

Es möge dir oft gelingen,
deine Probleme
aus der Adlerperspektive zu betrachten
und dabei ein Lied zu singen.

                                        Georg Deisenrieder

Siehe auch Geschichte zu den Potentialen eines Menschen: „Der Adler, der nicht fliegen wollte"
http://derblogfuerschueler.blogspot.com/2012/07/vielleicht-bist-du-der-adler-der-nicht.html