Podiumsdiskussion in den Eggenfeldener Werkstätten St. Rupert
null Podiumsdiskussion in den Eggenfeldener Werkstätten St. Rupert
Politik kann mitunter kompliziert sein… Gerade Menschen mit Beeinträchtigungen sind auf verständliche Informationen angewiesen, um sich eine Meinung zu bilden und eine fundierte Wahlentscheidung zu treffen. Deshalb haben die Eggenfeldener Werkstätten St. Rupert für die kommende Kommunalwahl eine Podiumsdiskussion in Leichter Sprache organisiert. Fünf Kandidaten aus dem Landkreis Rottal-Inn waren der Einladung gefolgt.
Martin Biber (CSU), Benjamin Lettl (SPD), Thomas Kinzkofer (FWG), Dr. Andreas Stegbauer (UWG) und Sepp Rettenbeck (ÖDP) stellten ihre Ideen vor und beantworteten die Fragen von rund 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der KJF Werkstätten. Sebastian Müller, der Leiter des Büros für Leichte Sprache der KJF, übersetzte während der Diskussionsrunde bei Bedarf einzelne Begriffe in Leichte Sprache.
Organisatorisch verantwortlich für die Podiumsdiskussion war Melanie Mettner vom Sozialdienst der Eggenfeldener Werkstätte. Sie übernahm auch die Moderation und dankte eingangs allen Kandidaten für ihre Mitwirkung. Einrichtungsleiter Alfred Miller war „überwältigt“ vom großen Interesse an der Veranstaltung und betonte, wie wichtig die Kommunalwahlen sind: „Seit 50 Jahren sind die KJF Werkstätten mitten in Eggenfelden und auch mitten im Landkreis Rottal-Inn. Beide sind für sehr wichtige und zuverlässige Partner. „Ich will mich bei allen Politikerinnen und Politikern bedanken, weil sie bereit sind Verantwortung zu übernehmen und sich für gute Lebens- und Arbeitsbedingungen für alle Menschen in der Region einsetzen.“
Respekt – und eine Einladung zum gemeinsamen Arbeiten
Dem schloss sich Holger Kiesel, der Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung an: „Respekt an alle fünf Kandidaten, dass sich den Fragen der Werkstätten-Beschäftigten stellen. Das ist umso wichtiger, denn Kommunalpolitiker treffen viele Entscheidungen, die sich auf das tägliche Leben der Menschen auswirken.“ Die Politik müsse „ein offenes Ohr für die Anliegen von Menschen mit Behinderung“ haben, forderte Bianka Widl, die Vorsitzende des Werkstattrats. Die Podiumsdiskussion sei „ein großer Schritt in diese Richtung“. Widl lud alle Kandidaten ein, einen Arbeitstag in den Eggenfeldender Werkstätten zu verbringen: „So können Sie sehen, wie wir in den Werkstätten arbeiten und welchen Beitrag wir für die Gesellschaft leisten.“
Martin Biber (CSU) ist amtierender Bürgermeister der Stadt Eggenfelden und tritt für seine Wiederwahl an: „Ich bin regelmäßig in den Werkstätten und kenne die Anliegen der Menschen. Es ist richtig und wichtig, dass Sie ihr Wahlrecht wahrnehmen und mitbestimmen, wer unsere Stadt in die Zukunft führt.“ Er will ein noch stärkeres Augenmerk auf die Barrierefreiheit legen – sowohl analog als auch digital. Den Vorschlag von Sebastian Müller, die Barrierefreiheit von öffentlichen Gebäuden gemeinsam mit Menschen mit Behinderung zu überprüfen will Martin Biber in absehbarer Zeit umsetzen. Auch die Homepage der Stadt Eggenfelden soll barrierefrei umgestaltet werden, damit die Informationen für alle Menschen zugänglich werden.
Sepp Rettenbeck (ÖDP) ist seit 20 Jahren im Kreistag und kandidiert um das Amt des Landrats für den Landkreis Rottal-Inn: „Die Wäscherei habe ich mir mit großem Interesse angeschaut: Der Landkreis ist mit den Rottal-Inn Kliniken ein großer Auftraggeber und wir sind sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit.“ Inklusion will Rettenbeck besonders in den Bereichen Bildung und Arbeit weiter voranbringen, etwa durch eine engere Zusammenarbeit mit dem Heilpädagogischen Zentrum Rottal-Inn der KJF über Partnerklassen an Regelschulen. Zudem will er sich dafür einsetzen, dass die Jobmesse in Eggenfelden Menschen mit Behinderung stärker in den Blick nimmt. Dafür will er Förderprogramme des Freistaats Bayern nutzen.
Benjamin Lettl (SPD) ist seit zehn Jahren im Stadtrat von Eggenfelden und kandidiert bei der Kommunalwahl als Landrat. „Diese Podiumsdiskussion ist für uns als Politiker sehr wichtig, um Entscheidungen treffen zu können, die die Wünsche und Interessen von allen Menschen gleichermaßen berücksichtigen“, sagte er. „Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass junge Menschen mit Behinderung, in Eggenfelden die Unterstützung finden, die sie brauchen, um hier gut leben und sicher unterwegs sein können.“ Vor allem im Bereich Freizeitgestaltung sieht er noch Handlungsbedarf, beispielsweise will er den Sportpark für Rollstuhlfahrer besser zugänglich machen.
Thomas Kinzkofer (FWG) ist stellvertretender Bürgermeister und lange Jahre Mitglied im Stadtrat von Eggenfelden. Er kandidiert als Bürgermeister. „Über meinen Onkel Franz Randak habe ich schon lange einen engen Bezug zum Thema Inklusion“, so Kinzkofer. „Wir haben hier viele Einrichtungen, die Menschen mit Behinderung fördern und unterstützen. Das ist ein Segen für unsere Stadt.“ Er will künftig beim Bau von öffentlichen und privaten Gebäuden noch mehr Wert auf Barrierefreiheit legen: „Gerade die öffentlichen Toiletten im Stadtgebiet sind noch nicht überall barrierefrei. Das soll sich ändern.“
Dr. Andreas Stegbauer (UWG) ist seit zwölf Jahren im Stadtrat von Eggenfelden und kandidiert erneut für dieses Amt. „Mein Schwiegervater war Leiter des Heilpädagogischen Zentrums Rottal-Inn. Daher kenne ich die Sorgen und die Leistungen von Menschen mit Behinderung. Man kann aber immer noch mehr tun, um die Situation zu verbessern. Deshalb ist der Austausch bei dieser Podiumsdiskussion sehr wichtig“, so Stegbauer. Das will er insbesondere im Bereich Mobilität und öffentlicher Nahverkehr erreichen: „Die Stadt könnte einen Hol- und Bringdienst mit ehrenamtlichen Fahrern organisieren. Das würde dazu beitragen, dass Menschen, die nicht selbst Auto fahren können, mobiler werden und besser am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Dafür gibt es Förderprogramme, damit die Fahrgäste nur eine kleine Zuzahlung leisten müssen.“
Anschließend hatten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Eggenfeldener Werkstätten Gelegenheit, den Kandidaten ihre Fragen zu stellen. Es entstand ein lebendiger Austausch auf Augenhöhe zu vielen verschiedenen Themen des täglichen Lebens: Mangelnde Barrierefreiheit im Stadtbild, etwa durch Kopfsteinpflaster oder welligen Straßenbelag kamen ebenso zur Sprache wie fehlende Informationen zu den Standorten der öffentlichen Toiletten oder hohe Preise im öffentlichen Nahverkehr. Ein Mitarbeiter sprach sich für mehr Fußgängerampeln im Stadtgebiet von Eggenfelden aus. Ein weiterer stellte eine Querungshilfe in der Landshuter Straße auf Höhe des Franz-Randak-Hauses zur Diskussion.
Stellvertretender Bürgermeister Thomas Kinzkofer hatte noch eine erfreuliche Nachricht zu verkünden: Der Stadtrat in Eggenfelden hat einstimmig beschlossen, das Freibad in Eggenfelden barrierefrei umzugestalten, insbesondere die Umkleiden. Über einen Lift soll der Zugang auch mit einem Rollstuhl uneingeschränkt möglich sein.
Text: Sebastian Schmid