Modellprojekt zur Versorgung adipöser Kinder und Jugendlicher am Start

Professionelle Hilfen und Unterstützung bei einem ernsten Gesundheitsproblem:

Modellprojekt zur Versorgung adipöser Kinder und Jugendlicher in Stadt und Landkreis Regensburg

Eine unbeschwerte, glückliche Kindheit erleben Kinder, wenn sie gesund in einem stabilen familiären Umfeld aufwachsen. Stark übergewichtigen Kindern drohen ernsthafte soziale und gesundheitliche Probleme wie Diabetes, erhöhter Blutdruck, Arteriosklerose, Herz-Kreislauferkrankungen, Herzinfarkt und Schlaganfall, Depression, Fettleber und Gelenkschäden. Mit dem Modellprojekt Adipositas zur Versorgung adipöser Kinder und Jugendlicher in Stadt und Landkreis Regensburg sollen zum einen Kinder, Jugendliche und deren Eltern für die Prävention von Adipositas sensibilisiert werden, um einer sich entwickelnden Fettleibigkeit entgegenzuwirken. Andererseits ist es Aufgabe, die Chancen, Lebensmöglichkeiten und die Teilhabe von Betroffenen und deren Familien langfristig und nachhaltig zu verbessern. Neben gesunder Ernährung und Bewegung spielen dabei auch Verhaltensänderungen eine große Rolle.

Bild v.li: AOK-Direktor Richard Deml, Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer, KJF-Direktor Michael Eibl, Stifterin Erika Vielberth, Landrätin Tanja Schweiger, Oecotrophologin Dorothea Brenninger, Dr. med. Georg Leipold, Dr. Hermann Scheuerer-Englisch

Pionierarbeit in Regensburg

Die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Regensburg e. V. (KJF), die Sanddorf-Stiftung und die AOK Bayern – Die Gesundheitskasse haben das Projekt auf den Weg gebracht, Stadt und Landkreis unterstützen flankierend. Durch die Sanddorf-Stiftung und ihre Stifterin, Erika Vielberth, erfährt das Modellprojekt eine maßgebliche Förderung. Mithilfe aller Beteiligten wird das Projekt für zunächst drei Jahre umgesetzt. „Gemeinsam leisten wir hier Pionierarbeit, die deutschlandweit ihresgleichen sucht", erklärt Michael Eibl, Direktor der KJF beim Pressetermin zum offiziellen Startschuss für das Projekt: „Was uns in Regensburg gelungen ist, ist einzigartig, denn wir haben die Finanzierung sichergestellt, Strukturen und Zuständigkeiten geschaffen und bringen Erfahrungen und die notwendige Fachlichkeit ein. Dafür möchte ich allen Beteiligten herzlich danken." Regensburg ist damit tatsächlich Pionierstadt, weil es in Deutschland bisher keine integrierte und vernetzte Anlaufstelle für das vielschichtige Problem von Adipositas gibt.

Alarmierende Zahlen erfordern gezielte Hilfestellungen

Übergewicht und Adipositas (starkes Übergewicht) sind in Deutschland ein ernst zu nehmendes Problem. Laut der AOK Bayern sind 8,7 % der Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 3 und 17 Jahren übergewichtig; 6,3 % adipös. Die sog. KIGGS Studie (Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland) führt folgende absolute Zahlen auf: 1.719.599 übergewichtige Kinder und Jugendliche, davon 658.807 mit Adipositas. Für Stadt und Landkreis Regensburg nennt Diplom Oecotrophologin und Adipositas-Trainerin Dorothea Brenninger folgende Zahlen: 7.730 Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre sind übergewichtig, 2.961 Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre adipös.

Brenninger ist Mitarbeiterin und Mitglied im Steuerungsteam des Adipositas-Modellprojekts. Ebenfalls in der Steuerungsgruppe beteiligt, ist Dr. Hermann Scheuerer-Englisch von der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der KJF und Dr. med. Georg Leipold, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Kinderkardiologe. Mit Dr. Leipold arbeitet Dorothea Brenninger bereits seit einigen Jahren im Programm YoungStars für Kinder und Familien zusammen. Das Adipositas-Modellprojekt profitiert von den Erfahrungen der Experten. „Wir als Gesellschaft können nicht tatenlos zusehen, wie so viele von vorneherein in ihrer Lebensperspektive deutlich eingeschränkt sind. Die Beratungsstelle erfüllt hier erstmals ein seit Jahren dringend nötiges Engagement für ausgegrenzte Kinder und Jugendliche", erklärt Dr. Leipold. Aus der Beratungsarbeit an der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der KJF berichtet der Psychologe Dr. Hermann Scheuerer-Englisch: „Übergewichtige Kinder leiden häufig an ihrer Situation und werden auch von Gleichaltrigen gehänselt. Eltern und Kinder können sehr von der Familienberatung an unserer Beratungsstelle und nun in Zukunft noch viel spezifischer auch von den Hilfen der Adipositas-Beratung profitieren. Wir werden deshalb eng kooperieren. Es geht uns gemeinsam darum, dass sich Kinder, Jugendliche und ihre Familien als selbstbestimmt, kompetent für ihr Leben und als liebenswert empfinden."

Wertvoller Partner im Boot

Mit der Sanddorf-Stiftung, einer gemeinnützigen Initiative, die sich für einen ganzheitlichen Blick auf das Thema Gesundheit einsetzt, ist ein wertvoller Partner im Boot. Die Stiftung fördert eine Vielzahl an Gesundheitsprojekten; ein gesunder Ernährungsstil spielt dabei eine zentrale Rolle. Er beeinflusst nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch die geistige Leistungsfähigkeit. Gesunde Ernährung in Kombination mit ausreichend Bewegung vermindert das Risiko, an Zivilisationskrankheiten zu erkranken. Menschen die an Adipositas leiden, sind hiervon stark betroffen. Ein besonderes Anliegen der Sanddorf-Stiftung sind deshalb Projekte, die vor allem Kindern und Jugendlichen dabei helfen, einen Weg zu einem gesunden Lebensstil zu finden. So hat die Sanddorf-Stiftung bereits das Programm „YoungStars" von Dorothea Brenninger, unterstützt, das ein langfristig angelegtes und interdisziplinär gestaltetes Training für von Adipositas betroffene Kinder und Jugendliche anbietet. Aus diesem Programm und den darin gesammelten Erfahrungen entstand die Idee einer zentralen Adipositas Beratungsstelle, da die Adipositas häufig nur ein Symptom dafür ist, dass die betroffenen Familien mehr Hilfe benötigen. Dies hat die Stiftung von Anfang an mitgetragen. Birgit Hahn, Geschäftsführerin der Sanddorf-Stiftung, hält die im Modellprojekt Adipositas der KJF erreichte institutionelle Verankerung für besonders wichtig: „Mit der Beteiligung der Stadt Regensburg, dem Landkreis, einer gesetzlichen Krankenkasse (AOK) und natürlich allen voran mit einem in der Region gut vernetzten und in der Jugendarbeit sehr erfahrenen Träger, der KJF, ist diese gesichert. Nun freuen wir uns sehr, dass ein kompetentes Team mit seiner Arbeit beginnen kann." Stifterin Erika Vielberth unterstützt das Adipositas-Modellprojekt aus Überzeugung: „Als Heilpraktikerin halte ich ganz allgemein eine Ernährung mit natürlichen, frischen Lebensmitteln, ohne viel Fertigprodukte und zuckerhaltige Getränke für wichtig, besonders zur Vorbeugung von Übergewicht und anderen Zivilisationskrankheiten wie Herz- und Kreislauferkrankungen, Gelenkleiden und Karies."

Gesundheitsförderung und Vorbeugung so früh wie möglich

Bei der Entstehung von Übergewicht spielen viele Faktoren eine Rolle: Das Bewegungs- und Ernährungsverhalten, der Umgang mit Stress oder übermäßiger Medienkonsum und psychosoziale Probleme können daran beteiligt sein. In der Kindheit entwickeltes Übergewicht wird meist oft lebenslang beibehalten. AOK-Direktor Deml sieht die AOK gefordert: „Als Gesundheitskasse liegt uns das Thema Prävention sehr am Herzen.  Gesundheitsförderung und Vorbeugung sollen so früh wie möglich im Leben ansetzen und die Kinder und Jugendlichen in ihren Lebenswelten erreichen. Mit der Unterstützung des Adipositas-Modellprojekts möchten wir unseren Beitrag leisten. Die Kinder und Jugendlichen in unserer Region sollen durch gezielte Präventionsangebote in Kitas, Schulen und Horten zu einem gesunden Lebensstil angeleitet werden. Mit den Fachleuten, die an dem Projekt beteiligt sind, haben wir die besten Voraussetzungen, diese Ziele zu erreichen. Sie werden in den Einrichtungen gezielt passende Projekte begleiten und umsetzen. Es werden regelmäßig Multiplikatoren geschult und Kompetenzen zur Vorbeugung von Adipositas vermittelt."

Für ein gesundes, glückliches und selbstbestimmtes Leben

Arbeiten im Netzwerk, eine Kultur des Hinsehens und die Betrachtung des Umfelds spielen bei der Therapie von Adipositas eine wichtige Rolle. Dorothea Brenninger und ihr Team begleiten und unterstützen Kinder und Jugendliche darin, ein gesundes, selbstbestimmtes Leben zu führen. Sie aktivieren Ressourcen und Fähigkeiten, vermitteln Wissen und zeigen auf, wie man mit der industrialisierten Lebensmittelherstellung zurechtkommt. Das Stichwort ist hier: Einkaufs- und Ernährungsführerschein. „Wir möchten Kinder und Familien an ein bewegtes und freudiges Leben heranzuführen", so Brenninger, „mit Bewegung kommt vieles in Bewegung. Durch Bewegung entstehen soziale Kontakte, Selbstbewusstsein."

Auch Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer unterstützt das notwendige Projekt, denn: „trotz zahlreicher Aufklärungskampagnen und Programmen zu gesunder Ernährung in Schulen und Kitas, bleiben bundesweit seit elf Jahren die Zahlen übergewichtiger und adipöser Kinder konstant hoch", stellt sie heraus, „das heißt für mich: Wir müssen noch mehr für diese Kinder tun! Deshalb trägt die Stadt Regensburg sehr gerne zum Modellprojekt Adipositas bei – sowohl finanziell als auch mit der Sachkompetenz unseres Sozialpädagogischen Fachdienstes. Denn übergewichtige und adipöse Kinder werden häufiger ausgegrenzt, haben ein erhöhtes Krankheitsrisiko und nehmen meist weniger am gesellschaftlichen Leben teil. Ihre Chancen auf ein glückliches und gesundes Leben können durch das Modellprojekt nur steigen!"

In der Gesundheitsregionplus von Stadt und Landkreis Regensburg steht das Thema „Gesund aufwachsen" auf der Agenda. Hier liegt der Fokus vorrangig auf der Vernetzung bereits bestehender Angebote für Gesundheitsförderung im Kindesalter und gesundheitsförderlichen Verhältnissen, also zum Beispiel Bewegungsmöglichkeiten in der Schule. Für Landrätin Tanja Schweiger geht das Modellprojekt Adipositas mit den Zielen der Gesundheitsregionplus Hand in Hand. „Ich habe mich für die Realisierung eingesetzt, weil es mir am Herzen liegt, Familien dabei zu unterstützen, dass Kinder gesund aufwachsen können", so Landrätin Tanja Schweiger. „Das Projekt schafft vielfältige Angebote, möglichst frühzeitig gesunde Wege einzuschlagen."

„Es ist gut und wichtig, das Modellprojekt von so vielen Partnern unterstützt zu wissen", erklärt Dorothea Brenninger, „denn, was wir uns in einem zweiten Schritt wünschen, ist ein Versorgungsnetz in Stadt und Landkreis Regensburg aufzubauen. Wir wollen die gesamte, kommunale Welt, Beratungsstellen, Schulen und Ärzte, Vereine etc. einbinden, und gemeinsam dafür sorgen, dass in Stadt und Landkreis Regensburg fitte und gesunde Kinder die bestmöglichen Teilhabechancen haben."

Mitglieder im Steuerungsteam Modellprojekt Adipositas: Dr. med. Georg Leipold, KJF-Direktor Michael Eibl, KJF-Abteilungsleiter Robert Gruber, Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern Dr. Hermann Scheuerer-Englisch, Diplom Oecotrophologin Dorothea Brenninger, Vertreter der AOK – die Gesundheitskasse Bayern: Dieter Reisinger und Karin Germann-Bauer, Vertreter des Jugendamts Lorenz Schmidt.

Text und Bild: Christine Allgeyer