Meditativer Impuls März 2026
null Meditativer Impuls März 2026
In der Eröffnungsszene des Disney-Zeichentrickfilms von 1994 „Der König der Löwen“ bekommt das Löwenbaby Simba mit rotem Fruchtsaft einen Kreis auf die Stirn gezeichnet, wird mit Sand bestreut, bevor es dem Volk präsentiert wird. Jocelyn B. Smith singt dabei das Lied „Der ewige Kreis“, die deutsche Interpretation des von Elton John komponierten „Circle of Life“. Vielen Christen ist die gezeigte Ritualhandlung vertraut. Wir finden sie wieder bei der Salbung der Stirn mit Öl bei Taufe und Firmung, das Aufstreuen der Asche beim Aschermittwoch.
Nun fügte es sich, dass am vergangenen „Aschermittwoch der Künstlerinnen und Künstler“ über die Kontakte mit Isolde Hilt, freischaffende Mitarbeiterin in der Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Jocelyn B. Smith nach Regensburg kam. Bischof Rudolf Voderholzer leitete den Wortgottesdienst in der Kirche St. Anton. Jocelyn B. Smith sang in beeindruckender Weise das Vaterunser „Our Father“. Anschließend gab es im music college ein Podiumsgespräch, geleitet von Maria Baumann, Leiterin der Abteilung Kunst und Denkmalpflege im Bistum Regensburg, und Isolde Hilt. In einem kleinen Konzert faszinierte die Sängerin noch mit ein paar Liedern, die sie selbst auf dem Flügel begleitete, das Publikum. Dabei überraschte sie auch mit dem Lied „Der ewige Kreis“.
Die ursprünglich aus New York stammende Künstlerin wohnt seit 1984 in Berlin. Dort kennt man sie nicht nur als Jazz- und Opernsängerin, sondern auch wegen ihrer vielen sozialen Projekte. Mit ihrer ausdrucksstarken Stimme ermutigt sie, obdachlose und am Rand der Gesellschaft stehende Menschen ihre Stimme zu erheben. Auch in verschiedenen Schulen und Universitäten ist sie unterwegs und motiviert zu Empowerment und selbstbewusstem Auftreten. Die menschliche Stimme ist für Jocelyn B. Smith weit mehr als Klang, Ton und Kommunikationsmedium. Stimme steht für sie für das ganze Mensch- und Personsein, das sich der Welt mitteilt. Und für Vitalität in seiner ganzen Bandbreite!
In besonderer Weise setzt sich Jocelyn B. Smith auch für die Rechte von Mädchen und Frauen ein und bestärkt sie, zu ihrem Wort zu stehen: Mit Bezug auf Diskriminierung, Missachtung der Würde und Übergriffen aller Art sagte sie einmal: „Ein Nein muss ein Nein bleiben.“ So können Wege gefunden werden, mit sich selbst in gutem Kontakt zu bleiben und somit das Leben zu bejahen.
Eigentlich sollte es längst überholt sein, einen geschlechterspezifischen Gedanken zu bringen. Wissen wir doch seit Kindertagen, dass Gott alle Menschen liebt, so wie sie geschaffen sind. Doch es muss nachgehakt werden. Religiöse Fundamentalisten über alle Konfessionsgrenzen hinweg propagieren wieder verstärkt ein traditionalistisches Geschlechterrollenbild. Schaut man sich die Programme mancher politischen Parteien, muss man sich fragen, ob sie im 21. Jahrhundert angekommen sind. Besonders zu spüren bekommen dies beispielhaft Migrantinnen, Mädchen und Frauen mit Behinderung, Alleinerziehende, Musliminnen und Jüdinnen, Frauen im Rentenalter und queere Menschen.
Karrierewege vieler Frauen sehen immer noch anders aus als in der Welt der Männer, die zum Teil in alten Rollenmustern hängengeblieben sind - oder noch schlimmer, sie wieder aus der Mottenkiste holen. Ein kritischer Blick in die eigenen Reihen sagt: In den caritativen Einrichtungen und Diensten in Deutschland haben wir 80 Prozent Frauenanteil. Es ist leider nur eine Vision geblieben, dass sich dieses Verhältnis in der Besetzung von Führungspositionen abbildet. Auch wenn sich die Lage gebessert hat: Es gibt noch viel Luft nach oben! Was kann die Situation verbessern?
Eine Möglichkeit: Am 6. März 2026 findet zum 99. Mal der internationale Weltgebetstag der Frauen statt. Er trägt den Titel „Kommt! Bringt eure Last!“. In besonderer Weise kommen in diesem Jahr Christinnen aus Nigeria zu Wort. Über alle Ländergrenzen hinweg treffen sich Frauen zu Gottesdiensten, Gesprächs- und Begegnungsabenden und in digitalen Foren. Sie ermutigen und bestärken zum Engagement für Geschlechtergerechtigkeit, Frieden und Solidarität. Es ist erfreulich, dass in manchen unserer caritativ-sozialen Einrichtungen und Wohngruppen das Interesse geweckt wurde und sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Weltgebetstag der Frauen beteiligen werden.
Jocelyn B. Smith zeigt uns, was alles möglich ist. Was sie als Frau, die aus einem anderen Land kommt, katholisch sozialisiert, gott- und weltoffen, in Verbindung mit der eigenen Kraftquelle von Berlin bis Regensburg bewirken kann. Als sie sich in der Kirche St. Anton einreihte, um sich mit Asche bestreuen zu lassen, gab sie den Pressefotografen mit der Hand ein Zeichen: Nein, jetzt kein Bild – so als wollte sie sagen: Was jetzt kommt, ist für mich ganz persönlich. Eine Sprache ohne Worte: Klar. Deutlich. Stark!
Text: Georg Deisenrieder