„Die ganze Welt schaut auf euch.“

Kalabrische Dörfer zeigen Europa, wie man Menschen auf der Flucht mit offenem Herzen aufnimmt.

„Jenseits von Lampedusa – Willkommen in Kalabrien" ist der Titel einer aktuellen Ausstellung mit Begleitprogramm in der Kirche St. Rupert bei der Basilika St. Emmeram in Regensburg, die bis zum 24. Juli besucht werden kann. Menschen auf der Flucht stehen im Mittelpunkt und Menschen, die sie mit offenen Armen und offenen Herzen aufgenommen haben. So ist es in den kalabrischen Dörfern Badolato und Riace im südlichsten Teil Italiens geschehen. Begleitend zur Ausstellung erzählte Bürgermeister Gerardo Mannello, wie sein Dorf Badolato Menschen aufgenommen hat, die Furchtbares erlebt haben. Eine Geschichte, die uns alle im Innersten treffen und wachrütteln muss. Sie lehrt uns, was es wirklich heißt, Menschen auf der Flucht willkommen zu heißen.

Bild v.li.: Vorsitzende des Courage gegen Fremdenhass e.V. Anna Tüne, Journalistin Esther Koppel, Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer, KJF-Direktor Michael Eibl, Bürgermeister Gerardo Mannello, Oberbürgermeister Joachim Wolbergs, Generalvikar Michael Fuchs, Dr. Maria Baumann, Leiterin Kunstsammlungen des Bistums Regensburg.

Beispielgebendes Engagement – gelebte Humanität
Topographien der Menschlichkeit – unter diesem Projekttitel präsentiert der Berliner Verein Courage gegen Fremdenhass e.V. die Wanderausstellung „Jenseits von Lampedusa – Willkommen in Kalabrien"  zum ersten Mal in Regensburg. Anna Tüne, Vorsitzende Vereins, führte in die Ausstellung in der St. Rupert Kirche ein und bedankte sich bei allen Unterstützern des Projekts und bei den Veranstaltern, der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Regensburg e.V. und der Stadt Regensburg sowie der Kuratorin vor Ort,  Dr. Maria Baumann, Leiterin der Kunstsammlungen des Bistums Regensburg, sowie Stadtdekan Roman Gerl für die Ausstellungsfläche. Herzlich willkommen hieß sie auch Gerardo Mannello, den aktuell gewählten Bürgermeister des kalabrischen Dorfes Badolato. Er begleitete die Ausstellung persönlich, um davon zu erzählen, wie sein Dorf Flüchtlinge aufgenommen hat. „Das Engagement der Menschen dort ist beispielgebend und wir hier in Regensburg können von ihnen lernen", stellte Oberbürgermeister Joachim Wolbergs heraus.

„Wie soll es mit diesem oder einem anderen Europa weitergehen?", diese Frage stellte Generalvikar Michael Fuchs bei der Eröffnung. Die ankommenden Flüchtlinge an den Küsten Lampedusas und Kalabriens erinnerten ihn an den Heiligen Christophorus. „Die Kinder, das Wasser, das einfach viel zu tief ist für so viele." Und doch könne aus großer Gefahr große Frucht, ein strahlender Baum werden. „Das ist in ihrem Ort geschehen", wandte sich Generalvikar Fuchs dem Bürgermeister Badolatos zu. „Auf diese Werte müssen wir Europa bauen", so Fuchs weiter.

KJF-Direktor Michael Eibl ist es ein Anliegen, mit der Ausstellung einmal mehr die breite Öffentlichkeit zu sensibilisieren: Es muss uns wirklich jeder Mensch der Nächste sein." Die Katholische Jugendfürsorge setzt sich mit Nachdruck dafür ein, dass Menschen auf der Flucht bei uns echte Chancen bekommen, dass insbesondere junge Menschen eine Ausbildung absolvieren können und angemessene wie professionelle Hilfen in den Bereichen Wohnen, Spracherwerb und Kulturvermittlung erhalten.

„Mein Herz hat mich dazu gedrängt."
Das ist die Geschichte eines Machers, eines Pragmatikers mit – so muss es sein – schier unendlicher Energie. Gerardo Mannello erzählte in der St. Rupert-Kirche eine große Geschichte von Mitgefühl und Menschlichkeit. Marlene Schäffer, langjähriges Courage-Mitglied, Dramaturgin und Literaturwissenschaftlerin, und die Journalistin Esther Koppel aus Rom unterstützten ihn dabei, damit auch das deutsche Publikum folgen konnte.

Gerardo Mannello hilft zum ersten Mal kurdischen Flüchtlingen, die 1997 mit einem Schiff an der Küste im südlichsten und zugleich ärmsten Teil Italiens – in Kalabrien stranden. Die Bewohner unterstützten ihn dabei nach Kräften, brachten Lebensmittel und Sachen zum Anziehen. Zwei Jahre später kamen wieder Flüchtlinge in Badolato an. Geraldo Mannello beschloss, wie auch sein Amtskollege Domenico Lucani aus dem Nachbardorf Riace, die Flüchtlinge aufzunehmen und zu integrieren. Wie sollte das gelingen? 400 Menschen in ein Dorf aufnehmen, das selbst nur noch 300 Einwohner hat? Der Ortsteil Badolato superiore war zu diesem Zeitpunkt nahezu entvölkert. Als lokale Autorität vor Ort übernahm Mannello die Verantwortung für ein mutiges Projekt. „Ich wusste nicht, ob es richtig ist, aber mein Herz hat mich dazu gedrängt, es so zu machen." Mannello wollte keine Ghettoisierung der Flüchtlinge und schaffte es, dass Einheimische ihm 80 Schlüssel für Wohnungen überließen. Diese Geschichte ging in kürzester Zeit um die Welt und Badolato war damals voller Journalisten. Und weil Arbeit für Menschen der wichtigste Grund zum Bleiben ist, sorgte Mannello dafür, dass Einheimische und Neuankömmlinge gemeinsam arbeiten konnten. So wurden zum Beispiel ein Restaurant und ein Reisebüro eröffnet, eine Schmiede und eine Keramikwerkstatt in Betrieb genommen. Die Wirtschaft in Badolato wurde angekurbelt und Schulen wieder eröffnet. Die neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger gaben dem Ort gemeinsam mit den Einheimischen eine Chance, denn Badolato drohte wie andere Dörfer Kalabriens auch auszusterben.

Mannello war politisch aktiv, sprach in Schulen und Universitäten, akquirierte Gelder aus Brüssel und Straßburg. Seine Idee war es, das Projekt in andere europäische Länder zu multiplizieren. Als 2002 ein neuer Bürgermeister gewählt wurde, kam die von Mannello angestoßene Entwicklung zum Stillstand. Wie ein Wunder ist es nun, dass er, aktuell wiedergewählt, dort anknüpfen will, wo er vor Jahren aufhören musste. Heute leben ca. 30 Flüchtlinge in Badolato. Sie arbeiten in der Landwirtschaft, im Bauwesen und in der Viehzucht. Obwohl Mannello erneut einen Bankrott übernommen hat, will er weiter an der Zukunft seines Dorfes arbeiten – gemeinsam mit Menschen, die neu ankommen und bleiben wollen, und den Einheimischen, die dafür ihre Herzen öffnen.

Text und Bilder: Christine Allgeyer