null Meditativer Impuls November 2022

Bei dir – bei mir


Die letzten Blätter fallen von den Bäumen. Der kalte Nebel zieht über das Land. Die Nächte werden lang. Die Natur zieht sich zurück. Es ist November. Die Feste des Monats verstärken manche Stimmungen zusätzlich: Allerheiligen und Allerseelen mit Besuch des Friedhofs, Gedenken an die Pogromnacht 1938, Volkstrauertag, Buß- und Bettag, Totensonntag. Da tut es gut, Zeichen menschlicher Nähe zu erfahren – über den lichtvollen Laternenumzug beim St. Martinsfest hinaus.

Wir sind bei dir – Geburtstagsgruß aus der Förderstätte der Eggenfeldener Werkstätten St. Rupert (Foto: Georg Deisenrieder)

Kaum ein anderes Wort kann heilsame Nähe so treffend ausdrücken wie das Wörtchen „bei“. Besonders wirkt es in Zeiten von Ängsten und Krisen, wenn die Hoffnung auszubleiben scheint. Und da unterscheidet uns in der Grundstimmung nichts von den Menschen in biblischen Zeiten, die sich nach Kraftworten mit „bei“ sehnten:


So spricht Gott beim Propheten Jesaja:

„Wenn du durchs Wasser gehst, bin ich bei dir, wenn durch Ströme, so reißen sie dich nicht fort“. (Jes 43,2)
Die zwei traurigen und verängstigten Emmausjünger (im Zentrum unseres KJF-Leitbildes)  bitten den Auferstandenen:

„Bleib doch bei uns, denn es wird bald Abend werden, der Tag hat sich schon geneigt. Und er ging hinein, um bei ihnen zu bleiben.“ (Lk 24,29)
Vor seiner Himmelfahrt festigte Jesus den Glauben seiner Jünger mit den Worten: „Seid gewiss: Ich bin bei Euch alle Tage bis zum Ende der Welt“. (Mt 28,20)
Und der Apostel Paulus tröstet alle, die um einen lieben Verstorbenen trauern: Auch „wir, die wir leben und übrig bleiben, werden auf den Wolken entrückt werden… Und so werden wir beim Herrn sein allezeit“. (1 Thess 4,17)


Bei einem Menschen sein kann durchaus eine Herausforderung bedeuten und Kräfte rauben, wenn es darum geht, sich ganz auf den anderen einzulassen. Dieses DU auszuhalten, in dunklen Zeiten nicht davonzulaufen, für menschliche Nähe zu sorgen - auch in den Abgründen des Lebens, bis zuletzt. So drückt es auch das Motto unserer KJF-Stiftung aus: „Auf der Seite junger Menschen… ein Leben lang“. Das macht nicht immer Freude und geht sogar an die gesundheitliche Substanz.
Doch wenn die gute Zeit gegeben ist, stiftet es auch Sinn, bringt zusammen, was zusammengehört und trägt durch alle Zeiten hindurch.
Gerade in diesen Novemberwochen kann das Wort „bei“ auch eine Einladung an uns sein, es auch im persönlichen Bereich einzulösen, vielleicht einen Besuch zu machen, einen Gruß zu schreiben, ein lang hergeschobenes Telefonat zu führen, sich mit Gott zu verbinden. So kann auch mitten in den grauen und kalten Tagen das eigene Herz hell und warm werden:

Bin ich bei dir, bin ich auch bei mir!
                            


Eine „Bei-Legende“:

„Eine Indianerin pflegte meiner Mutter stets ein paar Rebhuhneier oder eine Handvoll Waldbeeren zu bringen. Meine Mutter sprach kein Araukanisch mit Ausnahme des begrüßenden „Mai-mai", und die Indianerin konnte kein Spanisch, doch sie genoss Tee und Kuchen mit anerkennendem Lächeln. Wir Mädchen bestaunten die farbigen, handgewebten Umhänge, von denen sie mehrere übereinander trug. Wir wetteiferten bei dem Versuch, den melodischen Satz zu behalten, den sie jedes Mal zum Abschied sagte. Schließlich konnten wir ihn auswendig, ein Missionar hat ihn uns übersetzt: „Ich werde wiederkommen; denn ich liebe mich, wenn ich bei euch bin". (in: Der andere Advent, Hamburg 2007 )

Text: Georg Deisenrieder