null Meditativer Impuls Januar 2026

Ausschau halten mit Prälat Dr. Josef Schweiger

Eine Erinnerung an den am 30.11.2025 verstorbenen langjährigen Direktor, Vorsitzenden und Ehrenvorsitzenden der KJF

Prälat Josef Schweiger vor Walhalla blickt hinunter ins Donautal
Foto: Georg Deisenrieder

Prälat Dr. Josef Schweiger schaut vor der Kulisse der Walhalla mit seinem Gehstock in der Hand über die weite Landschaft der Donauauen hinweg bis zum Alpenkamm. Das Foto entstand in Anlehnung an den großen Maler der Romantik, Caspar David Friedrich (1774-1840) im Frühjahr des 250. Jubiläumsjahres des Künstlers im Jahr 2024.

Auf Initiative von Prälat Schweiger hin dehnte sich eine große, weite Landschaft der heute bestehenden Einrichtungen und Dienste der KJF in der Diözese Regensburg aus. Manche wurden unter seiner Führung von anderen Trägern und Ordensgemeinschaften übernommen. Wenn auch jüngere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Prälat Schweiger nicht mehr persönlich kennenlernen durften, haben letztlich doch viele ihr Arbeitsfeld seinem Weitblick, tatkräftigen Gründungsgeist und seiner Menschenfreundlichkeit zu verdanken. Zusammen mit ihm wollen wir zu Beginn des neuen Jahres 2026 Ausschau auf die Zukunft unserer caritativen Dienste halten.

Was vom Vermächtnis des langjährigen Direktors, Vorsitzenden und Ehrenvorsitzenden der KJF lässt uns nach seinem Heimgang am 1. Adventssonntag 2025 nach vorne blicken?

 

Glaube und soziale Arbeit bereichern sich gegenseitig:

Schon in frühen Jahren hatte Josef Schweiger ein Herz für Menschen in schwierigsten Lebenssituationen. Er suchte nach Ansätzen, ihnen helfend und beratend zur Seite zu stehen. Als junger Priester schlug er deshalb eine Brücke von der Theologie zu den Humanwissenschaften. Die im Jahr 1963 in der Hochschule der Jesuiten in Innsbruck eingereichte Dissertation im Fach Pastoralpsychologie trägt den Titel: „Der Selbstmord als Fehllösung konflikthaften Verhaltens: eine psychologische Untersuchung“. Damit war Josef Schweiger Wegbegleiter des II. Vatikanums (1962-65). Er erkannte die „Zeichen der Zeit“ und sah in den Human- und Sozialwissenschaften einen großen Segen für Kirche und Seelsorge. Bis zuletzt war für ihn diese Wechselbeziehung eine Selbstverständlichkeit.

Für uns in der KJF kann das nicht heißen: „Hier der Glaube, dort das caritative Tun und Handeln.“ Beides gehört zusammen wie die zwei Seiten der einen Medaille. Die Frage mit Blick auf unsere Zukunft bleibt: Wie können sich christlicher Glaube und soziales Handeln, Pastoral und Caritas gegenseitig bereichern?

 

Einladende Willkommenskultur mit christlichem Weitblick:

Als Schüler von Prof. P. Karl Rahner SJ wusste Josef Schweiger um die Bedeutung, aber auch die Kontroversen, die die Theologie vom „Anonymen Christsein“ auslöste. Sie besagt, dass auch Menschen, die sich nicht explizit als Christen bekennen oder nicht getauft sind, „gnadenhaft“ mit Christus verbunden sein können. Gottes Gnade wirkt bei jedem Menschen und ist kein Privileg von bekennenden Christen. Christliche Werte können auch gelebt werden, wenn der Name fehlt. Mit dieser weltoffenen und von Weitblick geprägten Haltung hat Prälat Schweiger für neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine einladende und tragfähige Willkommenskultur geschaffen Jahrzehnte bevor wir in der neu überarbeiteten Grundordnung des kirchlichen Dienstes (2022, Art. 2,2) lesen können: „Alle in den Einrichtungen der Kirche Tätigen, gleich ob … es sich um Christen, andersgläubige oder religiös ungebundene Mitarbeitende handelt, arbeiten gemeinsam daran, dass die Einrichtung ihren Teil am Sendungsauftrag der Kirche erfüllen kann“.

Mit Blick auf unsere Zukunft wird es eine bleibende Herausforderung sein, wie wir als Träger eines katholischen Sozialverbands das Fundament, auf dem wir bauen, bei allen gesellschaftlichen und religiösen Umbrüchen stabil und tragfähig halten können – mit Christus als unserem bleibenden Eckstein.

 

Der Mensch im Mittelpunkt - soziales Engagement als Kitt der Gesellschaft:

In den 1970er Jahren waren viele Hochschulabsolventen durch die Studentenunruhen der 68er-Bewegung, auch „Neue Linke“ genannt, geprägt. In der Pädagogik und Psychologie wurde viel experimentiert, von antiautoritärer Erziehung bis hin zur Festhaltetherapie. Josef Schweiger musste als Mann der Kirche und junger Direktor der KJF für sich einen Weg finden, der durch das Spannungsfeld von sich gegenüberstehenden gesellschaftlichen und politischen Kräften hindurch zu einem guten Ziel führt. Was wie eine Herkulesaufgabe scheint, gelang ihm vorbildlich, und im Nachhinein gesehen, einfach und klug zugleich: In der Gesinnung Jesu stellte er den Menschen in den Mittelpunkt.

Heute sind es in der KJF Kinder, Jugendliche, Menschen mit Behinderung, Familien, Menschen, die Unterstützung und Begleitung in ihren Lebenslagen erhalten. Mit dieser klaren Positionierung konnte Prälat Schweiger sowohl Verantwortliche aus Politik und Gesellschaft als auch seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überzeugen und gewinnen, so dass unzählig vielen Menschen professionell geholfen werden konnte.

Heute sehen die politischen Kräfte in unserem Land anders aus als vor 50 Jahren: Rechtsnationales Gedankengut, in dem Menschenwürde und Menschenrechte mit Füßen getreten werden, verbreitet sich in unserem Land. Den Menschen in den Mittelpunkt stellen, so wie es im Claim der KJF: „Auf der Seite junger Menschen… ein Leben lang“ heißt und insbesondere auch für die von Prälat Schweiger gegründete Stiftung "Für junge Menschen." gilt. Wäre das nicht im Jahr 2026 der Kitt, inmitten von Spaltung der gesellschaftlichen und politischen Kräfte wieder zusammenzufügen, was zusammengehört?

 

Wohl dem, der gute Freunde hat – sie sind das beste Korrektiv:

Das Eingebundensein in seine Familie bedeutete Prälat Schweiger sehr viel. Ebenso fühlte er sich seit seiner Gymnasialzeit bis zu seinem Lebensende vom Kreis seiner Schulkameradinnen und Schulkameraden mitgetragen. Auch mit manchen Führungskräften in und außerhalb der KJF pflegte er freundschaftliche Kontakte. Hier brauchte er abseits von allen Titeln, Ehrungen und Positionen weder eine Rolle spielen noch ein Amt bekleiden und durfte ganz und gar Mensch sein.

Mit Hochachtung sprach er von anderen und bewunderte deren Lebenseinstellungen und -leistungen. Für ihn blieb kein Raum für Überheblichkeit oder gar weltfremdem Klerikalismus. Der Kreis der Freundinnen und Freunde sorgte stets für gute Erdung. Hier durfte Prälat Schweiger sein, so wie er eben war: ein Mensch mit feinsinnigem Humor und voller Herzenswärme.

Es wäre sicherlich eine Bereicherung, würden Kolleginnen und Kollegen, besonders Verantwortliche in unseren Einrichtungen und Diensten von Zeit zu Zeit auf die Lebenshaltung von Prälat Schweiger schauen: Sie zeigt, wie wertvoll es ist, sich in einem Kreis eingebettet zu wissen, in dem Nachfragen, Beratung, Korrektur oder ein Sich-fallen-lassen und Mit-getragen-werden wie Selbstverständlichkeiten zum Leben dazugehören. Gesegnet, wer gute Freundinnen und Freunde hat!

 

„Werdet wie die Kinder“ und geht spielerisch in die Zukunft:

Prälat Schweiger hätte nicht unbedingt Priester werden müssen. Er hatte auch die Fähigkeiten und Begabungen eines Profi-Fußballspielers. Beim TSV Ingolstadt und anderen Vereinen war der Sieg sicher, wenn der „Sepp“ in der Mannschaft war. Dennoch schlug sein Herz für den FC Nürnberg, seinem „Club“, dem er bis zum Schluss verbunden blieb. Auch beim Skifahren und Bergwandern setzte der Naturliebhaber Maßstäbe. Sportlich und agil wäre er gerne noch im Alter geblieben, doch die körperlichen Kräfte schwanden in den letzten Monaten zusehends. Noch wenige Wochen vor seinem Tod ging er gerne Schwimmen. Dort lebte er auf, besonders, wenn er Kinder voll Freude im Wasser plantschen sah und quietschen hörte. Das erinnerte ihn an seine eigene Kindheit und Ausflüge an die Altmühl mit Kameraden aus der Nähe seines Elternhauses.

„Werdet wie die Kinder“ (Mt 18,3): Wie oft hat Prälat Schweiger bei den vielen Gottesdiensten in unseren Einrichtungen und Diensten über dieses Evangelium gepredigt? Wie Kinder sich im Spielen verlieren, sich von Herzen freuen und vertrauensvoll in die Hände der Eltern, auch in die Hände Gottes fallen lassen, so dürfen wir in dieses neue Jahr gehen – voller Mut und in dankbarer Erinnerung an einen wunderbaren Menschen!

Text: Georg Deisenrieder