null „Wir verlieren Teile einer Generation!“

Nach zwei Jahrzehnten Gremien- und Lobbyarbeit zur Verwirklichung von Teilhabe für Kinder, Jugendliche, Familien und Menschen mit Behinderung und deren Rechten, schlägt der Direktor der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Regensburg (KJF) Alarm: „Bildung und Teilhabe sind nicht verhandelbar. Wir dürfen die Errungenschaften der letzten 20 Jahre nicht aufs Spiel setzen, wir verlieren Teile einer Generation!“

KJF-Direktor Michael Eibl
KJF-Direktor Michael Eibl fordert ein Jahrzehnt für die Kinder von der Politik, konsequente Unterstützung von Familien und den Schutz junger Menschen. (Foto: Michaela Heelemann)

Mit Verweis auf die Bayerische Verfassung, die UN-Behinderten- und Kinderrechtskonvention macht Michael Eibl deutlich, dass staatliche Verpflichtungen und Rechtsansprüche betroffener Menschen missachtet werden, wenn aufgrund wirtschaftlicher Unsicherheiten öffentliche Haushalte an Leistungen in der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen sparen. „Damit geben wir unseren Anspruch an Inklusion und die Verwirklichung von Kinderrechten ein Stück weit auf, vergessen, wofür wir uns jahrzehntelang eingesetzt haben und gefährden den sozialen Frieden“, stellt er heraus.

Als Eibl im Mai 2006 vor 20 Jahren in der Nachfolge des im November 2025 verstorbenen Prälat Dr. Josef Schweiger das Amt des Direktors der Katholischen Jugendfürsorge antrat, fanden in den Folgejahren die Anliegen der Fachverbände in der Behindertenhilfe und der Kinder- und Jugendhilfe fruchtbaren Boden. So hat Bayern 2008 ein Gesamtkonzept zum Kinderschutz und 2013 den Aktionsplan Inklusion beschlossen. Diese Errungenschaften müssen aus Eibls Sicht gesichert und die dafür erforderlichen Mittel bereitgestellt werden. Er kritisiert, dass im Doppelhaushalt 2026/2027 viele freiwillige Leistungen enthalten sind, während gesetzliche Pflichtaufgaben im Sozial- und Bildungsbereich unterfinanziert sind.

 

Wer übernimmt soziale Verantwortung?

Diese Frage wirft Michael Eibl in den Raum. Wenn qualifizierte Fachkräfte fehlen, fehlen „die helfenden Hände“, wie Eibl sagt. Dies betrifft in Regensburg zum Beispiel die St. Vincent Kinder und Jugendhilfe oder das Bischof-Wittmann-Zentrum. „Sie fehlen den Familien, die sich eine gute Förderung und Perspektiven für ihre Kinder wünschen“, so Eibl weiter. Das Aussetzen der Wehrpflicht und damit des Zivildienstes hätte eine Lücke hinterlassen, die weit über den rein operativen Dienst hinausgehe. In der KJF gab es durchschnittlich 90 Zivildienstleistende jährlich, die sich wertvoll einbrachten. „Schwerwiegender ist, dass jungen Menschen die Chance genommen wurde, soziale Verantwortung zu lernen und einen Zugang zu helfenden Berufen zu finden.“ Dies verschärfe den heutigen Fachkräftemangel massiv.

 

Gremien- und Lobbyarbeit für Teilhabe – gegen Kürzungen im Sozialbereich

20 Jahre Direktorenamt, das sind Jahre für Michael Eibl in der KJF, in denen das Netz der Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Eltern im Bistum Regensburg flächendeckend mit 19 Außenstellen ausgebaut und zusätzliche Stellen geschaffen werden konnten. In der stationären Jugendhilfe hat die KJF intensivtherapeutische Gruppen eingerichtet, die jungen Menschen eine „Brücke“ aus der Psychiatrie bietet, zurück in einen Alltag, den sie bewältigen können. „Wir haben unsere Förderschulen inklusiv weiterentwickelt, Regelschulen unterstützt und inklusive Wohnangebote geschaffen“, zählt Eibl weiter auf. Mit den Ausbildungseinrichtungen, den KJF Werkstätten, den Inklusionsbetrieben und dem Integrationsfachdienst hat die KJF entscheidende Impulse für einen inklusiven Arbeitsmarkt gegeben. „Heute werden notwendige intensive Hilfen und Inklusion plötzlich infrage gestellt“ so Eibl, „es ist doch nicht vermittelbar, warum Milliarden in die Rüstung investiert werden, während man im nächsten Atemzug bei der Eingliederungs- und Jugendhilfe kürzen will“, kritisiert er, „das sind keine abstrakten Haushaltsposten, hier geht es um Kinder mit schweren Benachteiligungen, Gewalt- und Missbrauchserfahrungen oder Menschen mit Behinderung.“

Die Herausforderung besteht für Eibl darin, noch mehr politische Lobbyarbeit zu machen. Er will Abgeordnete auf Landes- wie auf Bundesebene informieren, warum diese Angebote so wichtig sind. „Es darf nicht so weit kommen, dass wir Dinge erleben, die uns erschrecken.“ Noch im Mai nimmt er an einem Netzwerktreffen „Soziales und Integration“ mit der Bundestagsabgeordneten Dr. Carolin Wagner in Regensburg teil, zu dem die freien Träger eingeladen sind. Es geht unter anderem um die derzeit diskutierte Strukturreform der Kinder- und Jugendhilfe.

Michael Eibl setzt auf den Dialog und auf Beteiligung. So ist er als Vorsitzender des Landesverbands katholischer Einrichtungen in Bayern stolz auf die Kinderparlamente in der Erziehungshilfe. Mit den jungen Menschen diskutierte er über deren Anliegen. Er hört zu – hört vielen zu: den Familien, die sich um ihre Kinder mit Behinderung sorgen, den Kolleginnen und Kollegen, wenn sie ihm erzählen, mit welchen Herausforderungen sie tagtäglich konfrontiert sind.

 

Die Belastungsgrenze ist erreicht

Das stellt Eibl mit Blick auf aktuelle Studien zur psychischen Gesundheit und zu den unkontrollierten Gefahren der sozialen Medien heraus. Er sieht zunehmend mehr junge Menschen unter enormem Druck. Bei einem parlamentarischen Frühstück mit über 20 Abgeordneten formulierten er und seine Mitstreiter vor kurzem eine klare Forderung: „Ein Jahrzehnt für die Kinder! Der Fokus der Politik muss in den nächsten zehn Jahren konsequent auf der Unterstützung von Familien und dem Schutz junger Menschen liegen.“ Dazu gehöre der Schutz im digitalen Raum. Eltern dürften mit der Medienerziehung nicht alleine gelassen werden. Es brauche klare Schutzmechanismen und eine begleitete Heranführung. Am wichtigsten aber ist Eibl der Bestandsschutz sozialer Standards. Er fordert: „Es dürfen keine Kürzungen in der Jugend- und Behindertenhilfe vorgenommen werden. Wir können es uns als Gesellschaft nicht leisten, Teile einer ganzen Generation zu verlieren, nur weil wir den Blick für die Langzeitfolgen der Sparpolitik verloren haben“, so sein Fazit.

 

„Wir haben mehr Vertrauen verdient.“

Geld für die KITA statt Familiengeld: Geld für Familien ist gut investiert, meint Eibl, doch dabei dürfen die Kinder mit Behinderungen nicht vergessen werden, die jungen Menschen in Jugendhilfeeinrichtungen und Familien in der Erziehungsberatung. „Wir als Jugendfürsorge sind oft in Nischen tätig, in denen intensive und spezialisierte Hilfen notwendig sind. Da können wir Standards nicht absenken und sparen. Für uns ist der individuelle Rechtsanspruch maßgeblich“ erklärt Eibl. Davon unbenommen bleibe eine wirtschaftliche Mitverantwortung, stellt Eibl heraus. Am Beispiel des Poolings bei den Schulbegleitungen lasse sich aufzeigen, wie eine Kommune und ein freier Träger ein pädagogisch und wirtschaftlich sinnvolles Konzept umsetzen. Die KJF und der Landkreis Regensburg haben dies erfolgreich gezeigt.

Ein glaubwürdiger Ansprechpartner sein, der dazu beiträgt, dass Soziale Arbeit auch in Zukunft finanzierbar ist, das ist Eibls Anliegen und so bewegt er sich in der Gremien- und Lobbyarbeit auf Landes- und Bundesebene. „Wir bringen unsere Kompetenz in die Politik ein und können unseren fachlichen Beitrag leisten. Die Wohlfahrtspflege oder etwa auch Genossenschaften, die Wohnraum für Menschen mit Behinderungen schaffen, haben mehr Vertrauen verdient. Wir unterstützen das Selbstbestimmungsrecht von Menschen mit Behinderung und eröffnen für junge Menschen und ihre Familien gute Perspektiven – und das in höchster wirtschaftlicher Verantwortung.“

Text: Christine Allgeyer