null „Fluch und Segen: Social Media“

Der Bedarf an Beratung steigt eindeutig weiter. Das beweisen u. a. die Fallzahlen für 2025, die mit 7,2 Prozent erneut zugenommen haben. Zugleich sind sich die Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Eltern der KJF Regensburg bewusst, dass sich ihr Angebot nicht allein auf Beratung erschöpfen darf. "Wir müssen gerade für junge Familien wie Jugendliche mit unserem Angebot sichtbar sein. Das geht nur, wenn wir auch da sind, wo sie sich aufhalten – mit einem eigenen Account auf Social Media", konstatierte Dr. Simon Meier, Leiter der Regensburger Beratungsstelle und fachlicher Sprecher der Beratungsstellen der KJF. Zugleich gelte es, die Mediennutzung auf Social Media kritisch in den Blick zu nehmen und wirksame Vorkehrungen für einen besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen zu treffen. "Es steht nicht weniger auf dem Spiel als die seelische Gesundheit junger Menschen. Digitaler Kinderschutz muss endlich ernstgenommen werden", unterstrichen KJF-Direktor Michael Eibl und Abteilungsleiter Michael Hösl.

Bei der Jahrespressekonferenz 2026 thematisierten die Beratungsstellen der KJF das Thema „Fluch und Segen: Social Media“. Von rechts: Michael Eibl, Direktor der KJF, Michael Hösl, KJF Abteilungsleiter, Dr. Simon Meier, Leiter der Regensburger Beratungsstelle und fachlicher Sprecher der Beratungsstellen der KJF, Robert Keppler, Leiter der Beratungsstelle Schwandorf, Annina zu Eltz, stellvertretende Leiterin der Beratungsstelle Kelheim, Ina Matthes, Isolde Hilt und Daniel Klare für das Social Media-Team. (Foto: Olga Arnstein)

Ein Rückblick auf das vergangene Jahr kann nur ein Ausschnitt sein, lässt aber erahnen, wie groß der Unterstützungsbedarf bei Eltern, ihren Kindern und Jugendlichen ist. Auch 2025 waren die 10 Beratungsstellen der KJF mit 19 Außenstellen in der Diözese Regensburg sehr stark nachgefragt. 5.826 Familien nahmen das Angebot in Anspruch, das sind 390 Familien mehr als im Vorjahr und entspricht einer Zunahme von 7,2 Prozent. In Zeit umgerechnet, seien das 46.509 Beratungsstunden, wie Dr. Simon Meier, Leiter der Regensburger Beratungsstelle, Robert Keppler, Leiter der Beratungsstelle Schwandorf, und Annina zu Eltz, stellvertretende Leiterin der Beratungsstelle Kelheim, darlegten. Des Weiteren bestätigt ihre Bilanz, dass ein weltweit um sich greifendes Phänomen vor Familien nicht Halt macht: Social Media, die digitale Art zu kommunizieren und interagieren, verändert gravierend unser menschliches Gefüge – mit zum Teil verheerenden Folgen für die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.

Mediennutzung heute, eine der größten Herausforderungen unserer Zeit

Kinder und Jugendliche sind beim Thema Mediennutzung genauso wie ihre Eltern und die gesamte Gesellschaft mit einer der größten Herausforderungen unserer Zeit konfrontiert. Sie stehen vor schier unbegrenzten Möglichkeiten über unterschiedlichste Kanäle. Gleichzeitig zählt die Fähigkeit zu Abgrenzung und Verzicht aus entwicklungspsychologischer Sicht mittlerweile zu den wichtigsten Resilienzfaktoren unserer Zeit. Die Angst, etwas zu verpassen („Fear of missing out“, kurz FOMO), führt Dr. Simon Meier aus, treibe junge Menschen massiv dazu an, ständig erreichbar und informiert sein zu müssen und keinen Trend zu verpassen. Andernfalls wäre in ihrer Wahrnehmung die soziale Zugehörigkeit stark gefährdet und eine ausreichende Konformität mit der Gleichaltrigengruppe bedroht. Mitunter bestünde sogar die existentielle Angst, aus der relevanten Peergroup ausgeschlossen zu werden: "Dies führt zu einem gigantischen Entwicklungsdruck auf Seiten junger Menschen und einer massiven Überreizung und Überforderung unseres wichtigsten und sensibelsten Organs – des Gehirns."

Echter digitaler Kinderschutz gilt in Deutschland als unwichtig und versandet.

Gleichzeitig werden junge Menschen in unserer Gesellschaft hinsichtlich Mediennutzung kaum geschützt. Gegenüber der Generation ihrer Eltern zumeist technisch überlegen und gut vernetzt, können sie teils hilflos anmutende Versuche der Eltern nach Reglementierung und Sperrungen auf Handys häufig umgehen. „Während wir in unserer Gesellschaft manche Gefahren äußerst ernst nehmen und mit aller Entschlossenheit darauf reagieren, danken wir in Bezug auf Mediensicherheit in Deutschland beinahe völlig ab. Sowohl hinsichtlich der täglichen Mediennutzungsdauer als auch einer echten Altersverifikation für den Konsum von schädigenden Inhalten wie Pornografie und Gewaltexzesse gibt es zwar Empfehlungen, jedoch bleibt es bei freiwilligen Selbstkontrollen, die nichts bringen", so die Erfahrung von Dr. Simon Meier, Robert Keppler und Annina zu Eltz. Das durchschnittliche Erstkonsumalter von Pornografie liege in Deutschland bei 10 Jahren. Gleiches gelte für den Zugang zu Social Media wie Instagram oder TikTok. "Ergebnislose Langzeitdiskussionen, vage Absichtserklärungen und eine elementare politische Handlungs- und Führungsschwäche in diesem Bereich machen deutlich, dass echter digitaler Kinderschutz in Deutschland als vergleichsweise unbedeutend versandet und als unwichtig gilt."

Zuviel Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen von mehr als 4 Stunden pro Tag lässt das Risiko einer seelischen Erkrankung massiv steigen.

Internationale Forschungsergebnisse der letzten Jahre belegen sehr genau die mitunter katastrophalen Folgen exzessiven Medienkonsums auf die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. So ist der zeitliche Umfang des Medienkonsums in den ersten drei Lebensjahren bei Kindern ein langfristig entscheidender Risikofaktor bei der Entstehung psychischer Erkrankungen. Ein hoher Medienkonsum geht hier vor allem einher mit weniger Eltern-Kind-Interaktionen, unsicheren Bindungserfahrungen, schwächeren Kompetenzen in Sprache und Motorik, häufigeren impulsiv-aggressiven Verhaltensdurchbrüchen, einer gereizteren Stimmungslage und einer deutlich geringeren Konzentrationsspanne.

Eine neue Studie, Ende Januar 2026 im Fachmagazin Nature erschienen, belegt anhand einer großen US-amerikanischen Stichprobe mit über 50.000 Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 6 und 17 Jahren, dass ein täglicher Medienkonsum von mehr als vier Stunden (ca. ein Drittel der untersuchten Probanden wiesen diesen auf) das Risiko einer manifesten und behandlungsbedürftigen seelischen Erkrankung massiv steigen lässt. Das Risiko für das klinische Vollbild einer depressiven Erkrankung stieg um 61 Prozent, für eine Angststörung um 45 Prozent, für eine Sozialverhaltensstörung um 24 Prozent und für eine ADHS um 21 Prozent.

Eine aktuelle Studie aus Österreich gibt Hoffnung und zeigt, wie man psychisch wieder stabiler wird.

Die österreichische Studie weist nach, dass eine tägliche Reduktion des Medienkonsums um zwei Stunden schon nach wenigen Wochen dazu führte, dass sich mehrere psychische Faktoren signifikant verbesserten. Depressive Symptome reduzierten sich innerhalb kurzer Zeit um rund 33 Prozent, Schlafprobleme um 30 Prozent, Stress und innere Anspannung um 23 Prozent und Einsamkeitserleben um rund 30 Prozent. Gleichzeitig nahmen Lebensqualität und Wohlbefinden um 17 Prozent wieder zu. Dies bedeutet: Gegensteuern hilft. Aufklärung und Psychoedukation sind hier entscheidend, um eine Chronifizierung zu verhindern.

Der neue Insta-Kanal der Beratungsstellen der KJF: Dort sein, wo sich die Zielgruppen, v. a. junge Eltern und Jugendliche, aufhalten – auf Social Media. (Foto: Screenshot)

Beratungsstellen der KJF sind dort, wo sich die Zielgruppe aufhält: auf Social Media

Ob Trennung und Scheidung, der Umgang mit Medien, psychische Erkrankungen oder kein Zugang zum Kind mehr ... In einer Welt, in der die Verunsicherung generell stark zugenommen hat, bleibt das nicht ohne Auswirkungen auf den Familienalltag. Die Nachfrage bei Eltern ist spürbar gestiegen. Beratungsstellen sind hier eine wichtige, verlässliche Stütze. Man muss aber auch wissen, dass es sie gibt und man ihnen vertrauen kann: "Deshalb müssen wir mit unserem Wissen und unserer Kompetenz auch dort sein, wo Eltern heute oft als erstes nach Unterstützung suchen – auf Social Media, insbesondere auf Instagram", so die Experten und Expertinnen. Die 10 Beratungsstellen der KJF sind deshalb seit Mitte März mit einem eigenen Kanal auf Instagram vertreten und nehmen damit bayernweit eine Vorreiterrolle ein. Eine große Chance und Herausforderung zugleich, geistern doch sehr viele Mythen im Netz, wie man es denn nun richtig macht mit seinen Kindern. Um die Zielgruppe noch besser zu erreichen, konnte mit Lisa-Marie Ackermann (auf Instagram mit über 13.000 Follower unter @die.liiesl bekannt) eine Persönlichkeit aus den Reihen junger Eltern gewonnen werden, die gerne als Kooperationspartnerin unterstützt: "Ich möchte echte Einblicke geben. Nicht nur die schönen Momente, sondern auch die Herausforderungen. Elternsein ist kein Perfektionsprojekt, sondern ein Prozess, in dem man lernen, wachsen und auch scheitern darf. Durch eine Kooperation können wir auf Instagram eine Brücke schlagen – zwischen ehrlichem Austausch und fachlich fundierter Aufklärung." Dr. Simon Meier, Robert Keppler und Annina zu Eltz ergänzten: „Wenn es uns so gelingt, Schwellenängste abzubauen und Eltern für eine persönliche Beratung zu gewinnen, können wir auch vermitteln: Es gibt Hilfe. Ihr seid nicht allein. Als Eltern hat man eine große Aufgabe übernommen. Da darf man sich bei all den immensen Herausforderungen, die alle irgendwie bewältigen müssen, auch professionelle Unterstützung holen."

Text: Dr. Simon Meier, Isolde Hilt