Meditativer Impuls Oktober 2026
null Meditativer Impuls Oktober 2026
Franz von Assisi verstarb am 3. Oktober 1226. Anlässlich seines 800. Todestages wollen wir an den großen Heiligen erinnern. Untrennbar ist er mit seinem großartigen Hymnus „Laudato si“, dem Sonnengesang, verbunden. Vom Umbrischen wurde er Gesang der Schöpfung beinahe in alle Sprachen dieser Welt übersetzt. Komponisten und Musiker interpretieren ihn immer wieder neu. Ökologische Bewegungen rund um den Erdball spürten Aufwind, als Papst Franziskus die Umweltenzyklika mit dem Titel „Laudato si“ veröffentlichte. Viele soziale und caritative Einrichtungen, von Kindergärten bis Seniorenheime, sind nach Franz von Assisi benannt. Sein Name steht für soziale Gerechtigkeit, für Frieden und Dialog über alle politischen, kulturellen und religiösen Grenzen hinweg.
Im Bildungs- und Freizeithaus Hermannsberg bei Wiesent, das zur KJF in der Diözese Regensburg gehört, griff bei der Gestaltung der Spirituellen Begegnungsstätte der Künstler Alfred Böschl (1949-2020) die Elemente der Schöpfung auf. In den lichtvollen Firstaufsatz des Zeltdaches setzte er vier farbige Ringe aus Plexiglas. Bei hochstehender Sonne brechen sich die Strahlen des Lichtes und zaubern wandernde Farbflächen auf Wände und Boden. Die Farben der Ringe spiegeln die Elemente Erde – Luft – Feuer – Wasser aus dem Sonnengesang wider.
Nicht nur in der Natur draußen können wir unter dem Himmelsgewölbe mit Sonne, Mond und Sterne die vier Elemente erfahren. Sie sind mitten unter uns. Im Kreis der Kolleginnen und Kollegen fließen sie tagtäglich als Charaktere in unsere Arbeit ein. Damit prägen sie unsere Arbeitsstile und Prozesse. Wie in „Laudato si“ wollen wir sie geschwisterlich betrachten. Auch ein liebe- und humorvoller Blick ist erlaubt.
Bei „Bruder Wind und die Luft“ können wir an jene im Kollegenkreis denken, die frischen Wind in festgefahrene Situationen bringen. Sie sind kreative Ideengeber und äußerst wandlungsfähig. Sie behalten sich die Draufsicht und den Überblick und denken logisch. Da ihnen manchmal die Gabe der praktischen Umsetzung fehlt, brauchen sie ein Korrektiv, damit sie guten Boden spüren und nicht „Luftschlösser“ bauen.
„Schwester Wasser“ sorgt dafür, dass es Platz gibt für Gefühle und Intuition. Sie ist die gute Seele und sorgt für sozialen Zusammenhalt im Team. Sie hört gut zu, ist empathisch, spürt Konflikte frühzeitig auf und passt sich verändernden Situationen fließend an. Manchmal ist sie übermäßig emotional und tut sich schwer mit harten Entscheidungen, weil sie es allen gerecht machen möchte.
„Bruder Feuer“ brennt mit Leidenschaft für eine Sache und steckt mit seiner Kraft andere an. Er will Ergebnisse sehen, ist risikobereit und entschlossen. Gerne treiben sie Projekte voran und haben den Mut, neue Wege zu beschreiten. Kein Wunder, dass wir sie auch in Führungspositionen finden. Manchmal sind sie ein wenig ungeduldig und müssen achtgeben, dass sie ruhigere Charaktere im Team nicht überfordern und selbst nicht ausbrennen.
„Schwester Erde“ ist pragmatisch, zuverlässig und hat eine große Ausdauer. Sie bringt Schritt für Schritt Klarheit bei der Umsetzung von Projekten ein. Sie ordnet Chaos mit Struktur, kann gut mit Terminen umgehen und gibt dem Team viel Sicherheit. Manchmal ist sie etwas stur, wenn zu viele Veränderungen anstehen und verlangsamt durch bürokratische Kontrollen und Absicherungen manche Prozesse.
Oftmals meinen wir, harmonische Teams mit sich ähnelnden Charakteren seien die effektiveren. Die Elemente im Sonnengesang jedoch weisen darauf hin, dass es um das Miteinander geht, um Ausgleich, um ein Sich-gegenseitiges-ergänzen und um ein friedvolles Zusammenwirken. Und das geht nicht ohne den Geist der Versöhnung: „Gelobt seist du, mein Herr, durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen.“
Machen wir uns nichts vor: Klientinnen und Klienten, die wir alltäglich begleiten, spüren es, ob wir trotz der Unterschiedlichkeit unserer Charaktere einander wertschätzen. Ob wir die Andersartigkeit als Bereicherung und Gewinn sehen. Ob wir aus dem Geist der Versöhnung leben und uns aufrichtig unserer Verantwortung stellen. Die im Sonnengesang erwähnte „Demut“ kommt von „Dien-Mut“. Welch ein Segen ist es, wenn wir uns mit einem „Laudato si o mio signore“ auf den Lippen und im Herzen getragen wissen von einem Schöpfergott, der diese Welt im Innersten zusammenhält und sie so bunt und reich macht – auch mit Blick auf die Charaktere in unseren Teams.
Franz von Assisi hätte uns noch so viel zu sagen – weit über das Jubiläumsjahr hinaus. Sein Sonnengesang bleibt eine unerschöpfliche Inspirationsquelle.
Text: Georg Deisenrieder
Sonnengesang des heiligen Franz v. Assisi
aus: Helmut Schlegel, Der Sonnengesang. Exerzitien im Alltag mit Franz und Clara von Assisi, Echter Verlag 2005, S. 11.
Höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein sind der Lobpreis, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie,
und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.
Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen,
zumal dem Herrn Bruder Sonne;
er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn.
Und schön ist er und strahlend in großem Glanz,
dein Sinnbild, o Höchster.
Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Mond und die Sterne;
am Himmel hast du sie gebildet, hell leuchtend und kostbar und schön.
Gelobt seist du, mein Herr, durch Bruder Wind und durch Luft
und Wolken und heiteren Himmel und jegliches Wetter,
durch das du deinen Geschöpfen den Unterhalt gibst.
Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Wasser,
gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.
Gelobt seist du, mein Herr, durch Bruder Feuer,
durch das du die Nacht erleuchtest;
und schön ist es und liebenswürdig und kraftvoll und stark.
Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde,
die uns ernährt und lenkt
und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.
Gelobt seist du, mein Herr, durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheit ertragen und Drangsal.
Selig jene, die solches ertragen in Frieden, denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt werden.
Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, den leiblichen Tod;
ihm kann kein lebender Mensch entrinnen. Wehe jenen,
die in schwerer Sünde sterben.
Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.
Lobt und preist meinen Herrn
und sagt ihm Dank und dient ihm mit großer Demut.