null Inklusive Gedichtlesung

Leichte Sprache als Medium poetischer Erfahrungen

Leichte Sprache wurde entwickelt, um barrierefreie Kommunikation zu ermöglichen. Mit kurzen, klar strukturierten Sätzen, leicht verständlichen Wörtern und ergänzenden Erklärungen hilft sie vielen Menschen, Informationen zu verstehen und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Bisher wird Leichte Sprache jedoch vor allem für die Vermittlung von Informationen genutzt. Künstlerische Textformen spielen bislang eine untergeordnete Rolle. Gleichzeitig betont die UN-Behindertenrechtskonvention das Recht auf kulturelle Teilhabe und auf kulturelle Angebote in zugänglichen Formaten.

Vor diesem Hintergrund hat Prof. Dr. Christian Zürner, Professor für Soziale Kulturarbeit an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg, gemeinsam mit Mario Franz vom Fachdienst für Leichte Sprache der KJF Werkstätten ein besonderes Forschungsprojekt umgesetzt. Zusammen mit den Prüfgruppen „einfach g’macht“ aus den Straubinger Werkstätten St. Josef und „Die Sprach-Entwirrer“ aus den Bruder Konrad Werkstätten Mitterfels wurden über fast ein Jahr hinweg Gedichte von der Klassik bis zur Gegenwart in Leichte Sprache übersetzt. Ausgangspunkt war die Frage, ob sich lyrische Sprache überhaupt in Leichte Sprache übertragen lässt.

Prof. Dr. Christian Zürner steht im dunklen Anzug vor einer Backsteinwand und spricht in ein Mikrofon zu einem sitzenden Publikum, darunter auch Personen im Rollstuhl. An der Wand hängen ein Holzrelief stilisierter Menschen und ein Schild mit dem Spruch 'Wenn Du schnell gehen willst, gehe alleine. Doch wenn Du weit gehen willst, gehe mit anderen.' Im Hintergrund filmt ein Mann mit Kamera.
Prof. Dr. Christian Zürner begrüßt die Gäste zur inklusiven Lesung „Ich habe Dich gefunden“ und betont die Bedeutung von Literatur in Leichter Sprache für gesellschaftliche Teilhabe. (Foto: Fabian Lieb)

Die Ergebnisse dieses gemeinsamen Übersetzungsprozesses wurden bei einer Lesung in den Straubinger Werkstätten St. Josef vorgestellt. Zu den Gästen gehörte auch der bayerische Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderung, Holger Kiesel. Die Lesung wurde musikalisch von Maike Berndt-Zürner begleitet. Mit Violine und Flöte griff sie die Themen der Gedichte auf, darunter Natur, Liebe und Politik. Die Schauspielerin Henriette Heine las und interpretierte die in Leichte Sprache übersetzten Texte im Zusammenspiel mit der Musik. Maike Berndt-Zürner spielt Violine, während Henriette Heine in ein Mikrofon spricht.

Das Publikum ist aufmerksam: Alle blicken nach vorn, zwei Personen sitzen im Rollstuhl. Im Hintergrund hängen ein Holzrelief stilisierter Menschen und ein Schild mit dem Spruch 'Wenn Du schnell gehen willst, gehe alleine. Doch wenn Du weit gehen willst, gehe mit anderen.
Mit einfühlsamem Violinspiel begleitete Maike Berndt-Zürner die Lesung von Henriette Heine. Gemeinsam verliehen sie den Gedichten eine besondere Atmosphäre und machten die Texte auf eindrucksvolle Weise erlebbar. (Foto: Fabian Lieb)

Dabei zeigte sich eindrucksvoll, dass die Übersetzungen zwar die ursprüngliche Versform und den Rhythmus der Gedichte veränderten, ihre Stimmung, Poesie und ästhetische Wirkung jedoch bewahrten. Teilweise erhielten die Texte sogar eine neue, besonders eindringliche Ausdruckskraft. Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe, Sarah Kirsch, Eduard Mörike, Joseph von Eichendorff, Renate Schmidgall, Rainer Maria Rilke, Ingeborg Bachmann, Bertolt Brecht und Charles Bukowski konnten so auf neue Weise erlebt werden. Leichte Sprache wurde dabei zu einem Medium poetischer Erfahrungen.

Gruppenfoto von 16 Personen in einem Saal vor einer Backsteinwand. Fünf Personen sitzen im Rollstuhl, eine kniet, zehn stehen dahinter. 14 von ihnen halten einen Blumenstrauß. Die Gruppe wirkt fröhlich: fast alle blicken lächelnd in die Kamera. An der Wand steht auf einem Schild: "Wenn Du schnell gehen willst, gehe alleine. Doch wenn Du weit gehen willst, gehe mit anderen
Blumensträuße als Dankeschön für ein gelungenes Gemeinschaftsprojekt: Die Mitwirkenden der Lesung „Ich habe Dich gefunden“ trugen dazu bei, Lyrik in Leichter Sprache einem breiten Publikum zugänglich zu machen. (Foto: Fabian Lieb)

Die sehr positive Resonanz des Publikums und die Förderung durch das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ im Rahmen der Partnerschaften für Demokratie Straubing „Wir sind Straubing“ bestätigen den Erfolg des Projekts. Es soll fortgeführt und unter anderem durch eine Publikation langfristig in der literarischen Szene verankert werden.

Text: Christian Zürner, Matthias Schießl