Inklusive Gedichtlesung
null Inklusive Gedichtlesung
Leichte Sprache als Medium poetischer Erfahrungen
Leichte Sprache wurde entwickelt, um barrierefreie Kommunikation zu ermöglichen. Mit kurzen, klar strukturierten Sätzen, leicht verständlichen Wörtern und ergänzenden Erklärungen hilft sie vielen Menschen, Informationen zu verstehen und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Bisher wird Leichte Sprache jedoch vor allem für die Vermittlung von Informationen genutzt. Künstlerische Textformen spielen bislang eine untergeordnete Rolle. Gleichzeitig betont die UN-Behindertenrechtskonvention das Recht auf kulturelle Teilhabe und auf kulturelle Angebote in zugänglichen Formaten.
Vor diesem Hintergrund hat Prof. Dr. Christian Zürner, Professor für Soziale Kulturarbeit an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg, gemeinsam mit Mario Franz vom Fachdienst für Leichte Sprache der KJF Werkstätten ein besonderes Forschungsprojekt umgesetzt. Zusammen mit den Prüfgruppen „einfach g’macht“ aus den Straubinger Werkstätten St. Josef und „Die Sprach-Entwirrer“ aus den Bruder Konrad Werkstätten Mitterfels wurden über fast ein Jahr hinweg Gedichte von der Klassik bis zur Gegenwart in Leichte Sprache übersetzt. Ausgangspunkt war die Frage, ob sich lyrische Sprache überhaupt in Leichte Sprache übertragen lässt.
Die Ergebnisse dieses gemeinsamen Übersetzungsprozesses wurden bei einer Lesung in den Straubinger Werkstätten St. Josef vorgestellt. Zu den Gästen gehörte auch der bayerische Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderung, Holger Kiesel. Die Lesung wurde musikalisch von Maike Berndt-Zürner begleitet. Mit Violine und Flöte griff sie die Themen der Gedichte auf, darunter Natur, Liebe und Politik. Die Schauspielerin Henriette Heine las und interpretierte die in Leichte Sprache übersetzten Texte im Zusammenspiel mit der Musik. Maike Berndt-Zürner spielt Violine, während Henriette Heine in ein Mikrofon spricht.
Dabei zeigte sich eindrucksvoll, dass die Übersetzungen zwar die ursprüngliche Versform und den Rhythmus der Gedichte veränderten, ihre Stimmung, Poesie und ästhetische Wirkung jedoch bewahrten. Teilweise erhielten die Texte sogar eine neue, besonders eindringliche Ausdruckskraft. Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe, Sarah Kirsch, Eduard Mörike, Joseph von Eichendorff, Renate Schmidgall, Rainer Maria Rilke, Ingeborg Bachmann, Bertolt Brecht und Charles Bukowski konnten so auf neue Weise erlebt werden. Leichte Sprache wurde dabei zu einem Medium poetischer Erfahrungen.
Die sehr positive Resonanz des Publikums und die Förderung durch das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ im Rahmen der Partnerschaften für Demokratie Straubing „Wir sind Straubing“ bestätigen den Erfolg des Projekts. Es soll fortgeführt und unter anderem durch eine Publikation langfristig in der literarischen Szene verankert werden.
Text: Christian Zürner, Matthias Schießl