null „Wir wünschen uns, dass endlich Frieden kommt.“

In Freundschaft verbunden sind Ute Dohmann-Bannenberg, Referentin im Bundesverband Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie e. V. (CBP), Johannes Magin, Abteilungsleiter für Teilhabeleistungen der Katholischen Jugendfürsorge Regensburg (KJF) und Vira Leeck, Teamleiterin in St. Klara Wohnen der KJF, den Kolleginnen und Kollegen der Caritas und des Kolpingwerks in der Ukraine. Bei einem aktuellen Besuch einer 10-köpfigen ukrainischen Delegation standen der gemeinsame Austausch, Voneinander-Lernen und die Frage, wie können CBP und KJF helfen, Strukturen in der ukrainischen Behindertenhilfe zu entwickeln, die dann, „wenn endlich Frieden kommt“, gute Perspektiven für Menschen mit Behinderungen in der Ukraine eröffnen.

Besuchergruppe mit Gastgebern
Die Gäste aus der Ukraine mit CBP-Referentin Ute Dohmann-Bannenberg (3.v.li.), KJF-Abteilungsleiter Johannes Magin (2.h.li.), Vira Leeck (4.v.re.) aus St. Klara Tegernheim und KJF-Direktor Michael Eibl (5.v.li.) (Foto: Christine Allgeyer)

„Unsere Beziehungen zu Kolleginnen und Kollegen in der Ukraine reichen bis 2011 zurück“, erklärt Johannes Magin, „und von Anfang an fragten wir uns, welchen Beitrag können wir für die Weiterentwicklung der Behindertenhilfe in der Ukraine leisten.“ Das somit erklärte Ziel bleibt bis heute, auch wenn die dramatische Kriegssituation in den letzten vier Jahren vorranging Notfall- und Krisenhilfe erforderte. Mit mehreren Spendenaktionen halfen und helfen der CBP, die KJF, aber auch andere Träger aus der Caritasfamilie seit Beginn des Krieges bis heute Menschen in Krisengebieten. Sie schicken Hilfsgüter und ermöglichen mit ihren Spenden auch den Betrieb des Caritaszentrums Brody.

Referentin Ute Dohmann-Bannenberg stellt heraus: „Mitgliedseinrichtungen des CBP haben bereits im März 2022, kurz nach Beginn des Krieges, 250 jungen Menschen mit Behinderungen aus insgesamt drei Einrichtungen der Ukraine aufgenommen. Die gemeinsame Sorge um die jungen Menschen, der enge Austausch mit den für die jungen Menschen Verantwortlichen aus der Ukraine als auch der fachliche Austausch mit den Expertinnen für Inklusion von Seiten der Caritas und Kolpingsfamilie Ukraine – all das ist für alle gleichermaßen bereichernd, schafft Verbindungen, die über Krisenzeiten hinaus wirken.“

 

Voneinander lernen

Dieses europäische Prinzip stellt KJF-Direktor Michael Eibl als leitend in den Mittelpunkt für die Beziehungen zwischen den deutschen und ukrainischen Freunden. Zum Abschluss der Fach- und Bildungsreise hat er in die KJF Regensburg eingeladen, um sich mit den Gästen auszutauschen und konkret Hilfe und Unterstützung anzubieten, die genau jetzt gebraucht wird. In von Eindrücken verdichteter Atmosphäre war so vieles deutlich zu spüren: das unsägliche Leid, das der Krieg über die Menschen bringt, die Hoffnung auf Frieden und eine intensive Motivation für die Zukunft gute Lebensbedingungen für Menschen mit Behinderungen in der Ukraine zu schaffen. Dazu gab es während des Besuchs mehr als genug Impulse.

Die Reise führte zunächst zum Dominikus-Ringeisen-Werk nach Ursberg in das Haus Dominikus, in welchem 78 junge Menschen mit Beeinträchtigung aus Krywyj Rih leben. Wolfgang Tyrychter, CBP-Vorstandsvorsitzender, begrüßte die ukrainische Delegation und lud im Anschluss zu einem fachlichen Austausch über die gesundheitliche Versorgung von Menschen mit Beeinträchtigung in das Krankhaus St. Camillus ein. Die Qualifizierung von Fachkräften war Thema beim anschließenden Besuch der Fachschule für Heilerziehungspflege in Ursberg. Danach ging es in die Geschäftsstelle des CBP und in das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) in Berlin.

Besuchergruppe aus der Ukraine auf Treppe im Bundesfamilienministerium
Die ukrainischen Gäste im Bundesfamilienministerium (Foto: CBP)

Berliner Luft geschnuppert

Cordula Kleidt, Referatsleiterin für Internationale Angelegenheiten und Organisationen im BMBFSFJ, hieß die ukrainische Delegation im Namen von Ministerin Karin Prien herzlich willkommen und berichtete vom Besuch der Parlamentarischen Staatssekretärin Mareike Lotte Wulf Anfang Juni in der Ukraine. Wulf informierte sich über die Lage von Kindern und Familien im Krieg, besuchte Bildungs- und Hilfseinrichtungen in Irpin, Butscha und Kyjiw und führte Regierungsgespräche.

Die Direktorin der Abteilung für humanitären Schutz und Beratung von Caritas Ukraine Oksana Volgina brachte in den Austausch ein, dass während des Krieges die ursprüngliche Zahl von rd. 3 Mio. Menschen mit Behinderungen sowohl unter der Zivilbevölkerung als auch unter Militärangehörigen erheblich gestiegen sei. Im Jahr 2026 seien in der Ukraine offiziell rund 4,8 Mio. Menschen mit Behinderungen registriert. Darüber hinaus gäbe es schätzungsweise 600.000 Menschen, die bewusst auf die Beantragung eines Behindertenstatus verzichten. Gründe dafür sind die weiterhin bestehende gesellschaftliche Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen sowie das langwierige und komplizierte Verfahren zur Feststellung einer Behinderung. Seit Beginn des Krieges sind neue Zielgruppen hinzugekommen, insbesondere Zivilpersonen, die infolge des Krieges Verletzungen erlitten haben und dadurch eine Behinderung erworben haben, sowie Veteraninnen und Veteranen.

Psychologin Olesia Samoilenko, Vorsitzende der ukrainischen Kolpingsfamilie Winnyzja, kooperiert als Kuratorin von Entwicklungsprogrammen eng mit lokalen Selbstverwaltungen sowie zentralen staatlichen Behörden, um soziale Projekte auf den Weg zu bringen. Sie erzählte davon, dass ihre Organisation ein Haus für unterstütztes Wohnen eröffnete und derzeit weitere Angebote für Menschen mit intellektuellen Behinderungen entwickle. Auch hat ihre Organisation das Sozialunternehmen „Smachnenko“ gegründet, das getrocknete Früchte und Fruchtpasten produziert und Menschen mit Behinderungen Möglichkeiten zur Beschäftigung und Entwicklung bietet.

 

Zahlreiche Initiativen in der Ukraine machen Hoffnung

KJF-Abteilungsleiter Johannes Magin verdeutlichte für den CBP: „Es ist uns ein Herzensanliegen, die Menschen in der Ukraine zu unterstützen, die gute Strukturen für Menschen mit Behinderungen aufbauen wollen. Dabei sind die Zahlen, die Oksana Volgina genannt hat, erschütternd. Bei unserer Reise in die Ukraine haben wir Menschen getroffen, die hinter diesen Zahlen stehen: Körperlich versehrte Menschen, schwersttraumatisierte Menschen, Kinder von Familien, die aus den östlichen Gebieten geflohen sind, Witwen und viele andere. Wir konnten an einem Kongress teilnehmen, wo aus der Praxis über Programme zur Bewältigung von Traumata berichtet wurde. So eindrucksvolle Initiativen wurden dabei vorgestellt, dass uns klar wurde, dass wir sehr viel von der Ukraine lernen können.“ Magin bedankte sich bei den Vertreterinnen des BMBFSFJ und des BMAS (Bundesministerium für Arbeit und Soziales) für die große Offenheit. „Für uns ist ermutigend zu hören, dass es Regierungskonsultationen und Verwaltungspartnerschaften gibt, die zum Ziel haben, die Ukraine beim Wiederaufbau und bei den anstehenden Reformen gerade auch im Bildungs- und Sozialbereich zu unterstützen. Gerne bringen wir unser Engagement und unsere Expertise ein, um Entwicklungen im Sektor Behindertenhilfe zu unterstützen. Dabei sind wir überzeugt, dass es kein einseitiger Prozess ist: Auch wir werden profitieren von Erkenntnissen der Ukraine.“ Hoffnung mache ihm, dass es inzwischen zahlreiche Initiativen in der Ukraine gibt, die Teilhabeangebote für Menschen mit Behinderungen schaffen. Dahinter stehen Kommunen mit engagierten Verwaltungen, Privatleute und NGOs wie die Caritas, Kolping und andere – erklärte Magin.

Aus dem BMAS lernten die ukrainischen Gäste Torsten Einstmann und Ana Domicke kennen. Torsten Einstmann ist Referatsleiter im Referat UN-Behindertenrechtskonvention, Focal Point, Inklusion im Sport. Er überbrachte Grüße von Ministerin Bärbel Baas und berichtete den Nationalen Aktionsplan 2.0 der Bundesregierung zur Umsetzung des Übereinkommens der Vereinten Nationen über den Beteiligungsprozess unter Einbeziehung der Menschen mit Behinderungen nach dem Motto „Nichts über uns ohne uns“. Weitere Stationen waren der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen sowie die Monitoringstelle zur Staatenprüfung des Deutschen Instituts für Menschenrechte. Ana Domicke vom Referat für Eingliederungshilfe, Umsetzungsbegleitung, Bundesteilhabegesetz, Hilfe in besonderen Lebenslagen beim BMAS berichtete über die Rechte von Menschen mit Behinderungen auf Leistungen im Rahmen der sozialen Teilhabe und der Teilhabe am Arbeitsleben. Hierüber in den Austausch zu kommen, war der Delegation besonders wichtig, da in der Ukraine das soziale System gerade im Umbruch ist.

 

Weitere Stationen der Reise

In Warburg stand ein Besuch des HPZ St. Laurentius auf der Agenda mit Tagesförderstätte und Seniorentreff, Laurentius-Schule und den Wohnangeboten für Kinder und Jugendliche wie Erwachsene. Nachdem Bürgermeister Nicolas Aisch aus Borgentreich die Gäste empfangen hatte, ging es weiter nach Regensburg in Einrichtungen der KJF: Pater-Rupert-Mayer-Zentrum, Regensburger Kinderzentrum St. Martin, Wohnen St. Klara, Lernwerkstatt - Berufsvorbereitung und Berufsausbildung, Integrationsfachdienst (IFD), Einheitliche Ansprechstellen für Arbeitgeber (EAA) Oberpfalz.
Mit dem Besuch der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg und des Bezirkskrankenhauses Regensburg im Bereich der Psychiatrischen Versorgung von Menschen mit geistiger Behinderung konnte gezeigt werden, wie die psychiatrische Behandlung integriert ist in die Versorgungs- und Leistungslandschaft. Sehr gute Einblicke in Arbeit und Beschäftigung für Menschen mit Behinderungen bot die St. Johannes Werkstätte der KJF Werkstätten gemeinnützige GmbH. Dort informierten Werkstattrat und Frauenbeauftragte über ihre Arbeit. Im Inklusionsamt und beim Integrationsfachdienst erfuhren die Gäste, welche Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben es gibt und wie ein Anerkennungsverfahren einer Schwerbehinderung läuft.

Der neu ins Amt gewählte Sprecher des CBP-Angehörigenbeirats Bertin Abbenhues, KJF-Abteilungsleiter in der Freistellungsphase der Altersteilzeit, erzählte von der Bedeutung und der Organisation der Angehörigen von Menschen mit Behinderungen. Aus der OTH Regensburg gab Prof. Dr. Alexander Gotthardt Einblicke in die Zusammenarbeit von Hochschule und Trägern der Sozialen Arbeit. Weiter besuchten die Gäste das Berufsbildungswerk der KJF in Abensberg und den Bezirk Oberpfalz im Zuständigkeitsbereich Eingliederungshilfe.

Nach all diesen Besuchen und Eindrücken stand im Abschluss- und Perspektivgespräch die Frage im Raum, wie die weitere Kooperation gestaltet werden kann. Die Gruppe tauschte sich rege über Ideen zu Online-Weiterbildungsangeboten, einem Online-Fachtag und der Möglichkeit von Freiwilligendiensten aus. „Wir behalten diese Zeit in unseren Herzen“, sagte Olesia Samoilenko aus der Regionalvertretung Winnyzja der Kolpingfamilie Winnyzja. Für die Unterstützung der Reise bedanken sich die Beteiligten herzlich beim Deutschen Caritasverband und Caritas International.

Text: Christine Allgeyer