"Mit ihnen kam eine menschliche Entwicklungspsychologie nach Deutschland zurück."
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Prof. Dr. Klaus Grossmann und Dr. Karin Grossmann sind nicht nur deutsche Forschungspioniere: Sie haben das Verständnis menschlicher Entwicklung im globalen Maßstab geprägt. Mit ihrem Lebenswerk humanisierten sie die deutsche Erziehungslandschaft nach der Zeit des Nationalsozialismus grundlegend und ebneten Millionen von Kindern den Weg in eine sicherere, emotional gesündere Zukunft.
Anlässlich des 90. Geburtstags von Prof. Dr. Klaus Grossmann 2025 ehrt die Katholische Jugendfürsorge nun das Forscherpaar mit einem Videoporträt. Im Interview mit Dr. Simon Meier, Leiter der KJF-Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern, ist ein historisches Zeitdokument entstanden, das vor allem eines verdeutlicht: Die menschliche Entwicklung kann nur über liebende und unterstützende emotionale Beziehungen gelingen.
"Wir haben Prof. Dr. Klaus Grossmann und Dr. Karin Grossmann unendlich viel zu verdanken. Zu erkennen, dass ein Kind ein angeborenes Bedürfnis nach Bindung, Sicherheit und Schutz hat, dass es die Welt sicher erkunden können muss, um sich gut zu entwickeln und einmal selbstbewusst auf eigenen Füßen zu stehen – diese überragende Forschungsarbeit und ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaft können wir gar nicht hoch genug schätzen", hob KJF-Direktor Michael Eibl bei der Uraufführung des Videoporträts im Kino im Regensburger Andreasstadel hervor. Die Arbeitsgemeinschaft katholischer Einrichtungen (AGkE) in der Diözese Regensburg hatte diese besondere Veranstaltung initiiert, um ihre Mitglieder zu einer persönlichen Begegnung mit dem international renommierten Forscherehepaar einzuladen und den fachlichen Austausch zu suchen. "Dieses Wissen kommt besonders auch in unseren Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe zum Tragen und dient uns als wesentliche Grundlage", unterstrich Michael Hösl, Geschäftsführer der AGkE.
Was kann uns die Bindungsforschung zur aktuellen gesellschaftlichen Situation sagen?
Was heute so selbstverständlich scheint, war es in und unmittelbar nach der NS-Zeit nicht. Nach Lösungen, neuen Wegen beginnt man zu suchen, wenn Leid und Schmerz zu groß geworden sind und die Folgen verdeutlichen, dass es so nicht weitergehen kann. Die Nachwirkungen einer Erziehungsideologie der Härte und emotionalen Distanz waren dem Forscherehepaar Grossmann lebenslang ein Ansporn, herauszufinden, was Kinder wirklich brauchen, um selbst einmal sicher und zuversichtlich im Leben zu stehen: Wie gelingt Elternschaft? Wie ist man seinem Kind ein gutes Vorbild und wie fühlt es sich sicher gebunden? Die Ergebnisse ihrer Forschungen und die der Menschen, die bei ihnen studiert und promoviert haben, bildeten gleichsam die Initiation für eine "Bindungs-"Professionalisierung der deutschen Erziehungs- und Heilberufe.
Die Begegnung mit Klaus und Karin Grossmann, so Dr. Simon Meier, habe ihn erneut tief berührt. Sie seien seine wissenschaftlichen Großeltern. Sie hätten ihn in der Forschung inspiriert und seine Haltung in der Beratungs- und Versorgungsarbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien elementar geprägt. "Insbesondere ist mir erneut bewusst geworden, wie eng die Entwicklung menschlicher Bindungssicherheit mit der Entwicklung von Vertrauen und Empathie verknüpft ist. Und wie sehr Bindungsunsicherheit und erst recht Bindungsdesorganisation autoritäre Tendenzen, Abhängigkeitsverhältnisse und gesellschaftliche Schieflagen begünstigen." Der Zustand einer Gesellschaft sei immer auch ein Spiegel ihrer Bindungsfähigkeit.
Wenn man schon einmal Koryphäen wie Prof. Dr. Klaus Grossmann und Dr. Karin Grossmann persönlich zu Gast hat, ist die Gelegenheit zu einem fachlichen Austausch mit Expertinnen und Experten, die sich heute vielschichtig für eine humane Gesellschaft einsetzen, etwas ganz Besonderes. Dr. Simon Meier erörterte mit Dr. Michael Schieche, Dipl.-Psychologe, Psych. Psychotherapeut, fachliche Leitung des vft, Systemisches Institut München, Frank Baumgartner, Gesamtleiter des Berufsbildungswerks St. Franziskus Abensberg, und Prof. Dr. Klaudia Winkler, OTH Regensburg, ehem. Vizepräsidentin, Wissenschaft und Hochschule, Lehre und Forschung, u. a. folgende Schwerpunkte: Erziehung und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, mentale Gesundheit ("Der lange Arm der frühen Kindheit"), Mediennutzung, gesellschaftliche Spaltungs- und Radikalisierungstendenzen ("Demokratieentwicklung beginnt auf dem Wickeltisch").
Sicher gebunden bedeutet, anders im Leben stehen
Das Filmporträt über das Forscherehepaar Grossmann ist ein spannendes Dokument über die Entwicklung der Bindungsforschung geworden – kombiniert mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen, angereichert durch ihre persönlichen Geschichten, Forschungsreisen und Erzählungen. Es geht auch um Zeitzeugenschaft deutscher Geschichte und Gesellschaftsentwicklung sowie um aktuelle gesellschaftliche Themenfelder.
Text: Isolde Hilt