« Zurück

Öffentlich geförderte Beschäftigung - eine Betrachtung aus Sicht einer Einrichtung der arbeitsweltbezogenen Jugendsozialarbeit

Ein Beitrag von Huber Schmalhofer.

Wer wegen einer Behinderung, aufgrund seines sozialen Status oder des familiären Umfelds benachteiligt ist, hat in der Regel eine schlechte Prognose für seine persönliche und berufliche Entwicklung. Nicht selten resultieren hieraus Karrieren, die perspektivisch in der Langzeitarbeitslosigkeit münden. Diese negativen Lebenskarrieren zu unterbrechen, gelingt mit entsprechenden Förder- und Qualifizierungsangeboten. In der Politik Verantwortliche sind gefordert, die entsprechenden Mittel bereitzustellen. Dies gilt aus Sicht der Sozialverbände ebenso für die öffentlich geförderte Beschäftigung, denn Berufsausübung und Teilhabe an Arbeit für benachteiligte junge Menschen darf nicht der Dynamik auf dem ersten Arbeitsmarkt zum Opfer fallen. Das wäre ein massiver Verlust an Lebensperspektiven für eine Vielzahl von jungen Menschen und ein Desaster für unsere Volkswirtschaft.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Lernwerkstatt der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Regensburg e.V., einer Rehabilitationseinrichtung und anerkannten Jugendhilfeeinrichtung, sind bestens mit den vielfältigen Problemstellungen benachteiligter junger Menschen und Menschen mit Behinderung vertraut. Bei den Maßnahmeteilnehmer/innen, die durch das Jugendamt, die Agentur für Arbeit oder dem Jobcenter gefördert werden, ist die Integrationsquote in Arbeit der Maßstab, wie erfolgreich eine Maßnahme bewertet wird.

Die Arbeitslosenquote im Agenturbezirk Regensburg liegt aktuell bei 3,0 %. Was will man da mehr? Wer will, bekommt einen Arbeitsplatz! Die Vermittlungsquote der Absolventen liegt in der Lernwerkstatt bei ca. 85 %. Die Betriebe suchen händeringend nach qualifiziertem Personal. Vor einigen Jahren konnten sich die Arbeitgeber ohne Mühe auf dem Angebotsmarkt bedienen und eine geeignete Auswahl treffen. Momentan werden alle möglichen Ressourcen geprüft, um potentielle Zielgruppen zu finden, die als Auszubildende oder qualifizierungswürdige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Betracht kämen. Aber - der boomende Arbeitsmarkt löst die Probleme der Langzeitarbeitslosigkeit nicht - es sind weiterhin 303.851[1] Arbeitslose in Bayern im Leistungsbezug. Sollte uns das nicht zu denken geben? Warum sind diese Menschen nicht geeignet für die große Herausforderung, die wirtschaftlichen Bestleistungen unseres Landes noch mehr zu toppen?

Laut Studie des Instituts ibus (Uni Koblenz), im Auftrag des Diakonischen Werks Bayern, sind im Freistaat mindestens 65.000 Menschen sehr arbeitsmarktfern. Das sind Menschen, die in einer verfestigten Langzeitarbeitslosigkeit verbleiben, weil sie den Anforderungen des ersten Arbeitsmarktes nicht genügen. Dieser Personenkreis profitiert nicht von den guten Arbeitsmarktentwicklungen. Sollen diese Menschen dauerhaft alimentiert werden? Ist das kostengünstiger als die Schaffung eines „sozialen Arbeitsmarkts"? Betrachtet man die Folgekosten, die etwa mit der Unterstützung und Behandlung chronisch Kranker einhergehen, lautet die Antwort: Nein! Die Langzeitarbeitslosigkeit löst häufig erst solche Erkrankungen aus. Viel mehr ist an die Wertschöpfung für den einzelnen Menschen aber auch für unsere Volkswirtschaft zu denken, wenn diese Menschen in Arbeit gebracht werden. In „Würde" teilhaben zu dürfen am Arbeitsleben, ganz normal, mit dem Gefühl „gebraucht" zu werden, das ist ein hohes Gut – für den Einzelnen und die Gesellschaft. Hier sollte ein grundlegendes Umdenken in unserer Politik erfolgen. Es sollte innovativ und unbefangen über eine öffentlich geförderte Beschäftigung diskutiert werden. Dabei sind die Erfolge in den Blick zu nehmen, die wahrscheinlich noch nicht in der laufenden Legislaturperiode eintreten werden. Mutige Politik muss langfristig denken!

Auch die häufig geforderte Zielsetzung, geringqualifizierte und langzeitarbeitslose Menschen sollen in der aktuellen hochkonjunkturellen Phase vom regulären Arbeitsmarkt aufgenommen werden, erschöpft sich schnell. Der reguläre Arbeitsmarkt kann sich nur bis zu einem bestimmten Grad auf die Problemlagen der beschriebenen Zielgruppe einstellen, bei multiplen Hemmnissen kann das nicht gelingen. Der reguläre Arbeitsmarkt ist kein „sozialer Arbeitsmarkt"! , Gewinnmaximierung steht einer individuellen Förderung und Beschäftigung entgegen.

100.000 junge Erwachsene zwischen 25 und 35 Jahren sollen nun in betrieblicher Erstausbildung nachqualifiziert werden, das ist ein Flop. Diese jungen Menschen sind nicht ausgebildet, weil schon vor Jahren massive Fehler in der Förderung Jugendlicher gemacht wurden. Eine Erstausbildung sollte am Beginn der beruflichen Laufbahn stehen und nicht in einer Lebensphase, in der man aus Not eine Helfertätigkeit ergriffen hat und sein Leben auf Grundlage einer entsprechend geringen Entlohnung einrichten musste. Das bietet keine Perspektive, ebenso wenig wie ein Lehrlingsgehalt, mit dem dann auch nicht mehr auszukommen ist. Für eine Erstausbildung - zum richtigen Zeitpunkt - stehen die Einrichtungen der arbeitsweltbezogenen Jugendsozialarbeit zur Verfügung.

Wenn die Fördermöglichkeiten bei den Jobcentern wegen Geldmangel reduziert werden, was gerade in Bayern wegen des „Problemdruckindikators" – die Formel der Mittelverteilung für die Jobcenter – geschieht, wird wieder einmal bei den Schwächsten in unserer Gesellschaft gespart. Die Auswirkungen lassen nicht lange auf sich warten, die Langzeitarbeitslosigkeit bleibt auf hohem Niveau.

Diese Mittelkürzungen wirken sich auch auf die Fördermöglichkeiten des Europäischen Sozialfonds (ESF) aus, da hier verstärkt zur Kofinanzierung Drittmittel von der öffentlichen Hand benötigt werden. Sinnvolle Förderangebote für Jugendliche können nicht realisiert werden, weil in der Tat, z.B. bei den Jobcentern, das erforderliche Geld nicht da ist.

Auch in Bayern ist die Welt nicht in Ordnung, zumindest nicht, wenn man sich die Zahl der arbeitslos gemeldeten Jugendlichen vor Augen führt. So waren im November 2013 insgesamt 21.678[2] arbeitslose Jugendliche gemeldet. Vergleicht man die vergangenen vier Jahre, so ergibt sich ein annähernd gleichbleibend hoher Wert. Rund 45 % dieser arbeitslos gemeldeten Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren haben keine abgeschlossene Berufsausbildung! Kein Wunder, wenn die Themen Nachqualifizierung, Langzeitarbeitslosigkeit und die Forderung nach öffentlich geförderter Beschäftigung auch weiterhin aktuell bleiben werden. Aber die Förderquoten werden ja noch weiter reduziert, es wird weniger in die Jugend investiert. Nimmt man das zugunsten eines ausgeglichenen Haushalts, den unser Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble unbedingt erreichen will, in Kauf?

Klassische „Jugendwerkstätten", insbesondere kleinere Einrichtungen, tun sich schwer, da sie meist nur reagieren können. Für sie gibt es kaum Planungssicherheit. Auch muss ein enormer Aufwand betrieben werden, Maßnahmen und Finanzmittel zu bekommen, was wiederum auch von den regionalen Strukturen abhängig ist. Kleinere Einrichtungen stehen mit dem Rücken zur Wand. Eine falsche strategische Entscheidung bezüglich der Maßnahmeausrichtung kann „überlebensgefährdend" sein. Bei einer Fehlentscheidung gibt es dann für die jungen Menschen in der Region oft keine Alternative.

Gerade diese Einrichtungen könnten einen noch wertvolleren Beitrag dazu leisten, dass zum richtigen Zeitpunkt qualifiziert und ausgebildet wird. Das Ziel muss sein, möglichst wenig Langzeitarbeitslosigkeit zu produzieren. Ein frühzeitiger, präventiver Förderansatz ist die beste und nachhaltigste Investition. Und doch wird es Menschen geben, die eine öffentlich geförderte Beschäftigung brauchen, damit sie nicht ausgegrenzt bleiben. Ein so aufgestellter „sozialer Arbeitsmarkt" kann eher finanziert werden, denn mehr Menschen sind in Arbeit und weniger Menschen sind von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen.

Hubert Schmalhofer, Leiter der lernwerkstatt und Geschäftsführer der Integrationsfirma labora

[1] Bundesagentur für Arbeit, Statistik Bayern Februar 2014

[2] Regionaldirektion Bayern, Landesausschuss 10.12.2013