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Meditativer Impuls Januar 2012

Meditatives

Wunsch für das neue Jahr: das rechte Maß finden

Ein neues Jahr liegt vor uns. Im Blick auf unser 100-jähriges Jubiläum wird es ein Jahr mit vielen und schönen Festen und Veranstaltungen werden. Durch den angehäuften Schuldenberg, vor allem in der EU, stehen für 2012 aber auch große wirtschaftspolitische Herausforderungen an. Wir leben und arbeiten nicht im luftleeren Raum - alles hat Einfluss auf unser Handeln. Bei all unserem engagierten Tun und Seinlassen wollen wir die „Mutter aller Tugenden", das rechte Maßhalten, im Blick haben. Dabei kann es nicht um Mittelmäßigkeit gehen. Das rechte Maß finden und halten, bedeutet, „dass die Starken finden, wonach sie verlangen und die Schwachen nicht davonlaufen".

Es gibt drei gängige Bedeutungen von „Maß halten":  

Tagtäglich müssen wir lernen und darauf achten, dass wir das Maß der eigenen und der anderen Kräfte richtig einschätzen und messen  („mensura"). Maßlosigkeit kennen wir nicht nur im Umgang mit den Kindern, Jugendlichen und Menschen mit Behinderung, die oft  mehr haben wollen als ihnen gut tut. Auch unter der Mitarbeiterschaft finden wir manchmal Kolleginnen und Kollegen, die maßlose Erwartungen haben, die immer perfekt und erfolgreich sein wollen. Wer aus den falschen Quellen (übermäßiges Arbeiten) schöpft, wird schnell erschöpft.

Für 2012 wünsche ich Ihnen, dass Sie aus der Quelle des Heiligen Geistes schöpfen können – eine Quelle, die nie versiegt und uns spüren und wissen lässt, wie viel wir an „frischem Wasser" zum Leben brauchen.

Die zweite Bedeutung von „Maß halten" hängt mit der Zeit zusammen. Das rechte Maß finden, heißt für unser Leben und Arbeiten: den Tag und die Zeit so zu strukturieren und zu ordnen, dass alles sein richtiges Maß bekommt. Wer maßlos arbeitet, beutet sich selbst und oft - meist unbewusst - andere aus. Da dieses Maß mit der Zeit, „tempus", zu tun hat, nennt man es „Temperantia".

Für 2012 wünsche ich Ihnen, dass Sie die vom Schöpfer geschenkten  Monate, Tage und Stunden so einteilen und gestalten, dass Sie „gut im Fluss" sind, kreativ bleiben und möglichst stressfrei durchs Leben gehen können.

Die dritte Bedeutung ist die maßvolle Unterscheidung. Im religiös-spirituellen Leben spricht man von der Gabe der Unterscheidung der Geister. Die sogenannte „Discretio" besteht darin, für jeden Einzelnen das rechte Maß zu entdecken, jeden Einzelnen so zu behandeln, wie es seinem Maß entspricht. Für Personen in Führungsverantwortung – und das sind in der sozialen Arbeit letztlich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - ist diese Form von Maßhalten eine große Herausforderung. Nicht alle sollen über den gleichen Kamm geschert werden, sondern jeder einzelne soll zu seinen ihm individuell zugedachten Möglichkeiten kommen. Oft helfen da allgemeine Rechtsgrundsätze nicht weiter, da sie sich schnell an der Mittelmäßigkeit orientieren. Viel mehr muss geredet und erklärt werden, weshalb man mit der einen Person großzügiger ist als mit der anderen.  

Für 2012 wünsche ich Ihnen, dass Sie neben dem, was jedem Menschen rechtlich zusteht, auch das sehen und beachten können, was er gerade  zum Leben, Lernen und Arbeiten braucht. Ich wünsche Ihnen diesen wachen Blick auch auf die eigene Person. Der Mensch, der Ihnen am nächsten steht, sind bekanntlich Sie selbst.
Ermutigen und unterstützen wir uns gegenseitig, dass wir das rechte Maß finden! Dann wird dieses Jahr 2012 ein gesegnetes Jahr werden, schöpfungsgemäß – menschengemäß.

Georg Deisenrieder
Pastoralreferent