Meditativer Impuls Februar 2020

Haltequalität

Gehalten sein, jemanden an der Seite haben, der auch in Krisen bleibt – eine feste Hand spüren, die auffängt und hält – wie wohltuend ist das in unserer ausgeprägten Wegwerfgesellschaft! Für diejenigen, die beruflich Menschen begleiten und immer wieder einladend die offene Hand hinhalten, wird dies manchmal zur Zerreißprobe. Verlangt es doch enorme Klarheit, Nachsicht und einen starken Glauben an eine hoffnungsvolle Zukunft. Was es heißt, jeden Tag von vorne zu beginnen, herausfordernde Menschen und Situationen auszuhalten, davon können viele in unserer KJF tätigen Pädagogen*innen und Sozialarbeiter*innen ein Lied singen. Diese kräftezehrende Aufgabe betrifft jedes Lebensalter:

Soll man einen Jugendlichen, der durch sein Verhalten sich und andere gefährdet und dabei alle Aufmerksamkeit auf sich lenkt, in der Gruppe belassen oder in ein anderes Haus schicken? Klar ist: Ein Erziehungsprofi kann niemals ein Kind, das in seinem bisherigen Leben jegliche Sicherheit vermisste, auffangen können, wenn er ihm weitere Trennungen zumutet. Wer vor ein paar Monaten den Film „Systemsprenger" der Regisseurin Nora Fingscheidt gesehen hat, weiß, dass Integration nicht immer möglich ist. Welche Hand kann da Haltequalität bieten?

Wer hält bei einem Todesfall, wenn der Verlust eines nahestehenden Menschen das Herz hart wie Stein werden lässt? In der Trauerarbeit kann eine Hand, die stützend und liebevoll umarmt, Verhärtungen lösen. Heilsam können Tränen fließen, wenn man spüren kann: In diesem dunklen Tal ist einer da, der mich aushält, so wie ich bin, und mitgeht.

Auch die Hilfe und Begleitung im hohen Alter benötigt eine Art „Haltequalität", vor allem dann, wenn sich die Persönlichkeit stark verändert. Glücklich der Mensch, der erfahren darf: Es gibt jemanden an meiner Seite, der nicht davonläuft, selbst wenn mich die Gebrechlichkeiten und Schmerzen des Alltags grantig, aggressiv oder sogar unausstehlich werden lassen. Wie dankbar darf man doch sein für jeden, der in einer professionellen Haltung über dumme und beleidigende Worte hinweghört und trotz allem wieder in Kontakt tritt, weil er die Würde des Menschen und seinen guten Kern sieht – bis zuletzt.

Zu den schönsten Teilen der Parklandschaft in den Kristallwelten in Wattens bei Innsbruck zählt das grüne Labyrinth in Form einer Hand. André Heller und Gernot Candolini ließen Hainbuchenhecken pflanzen und sie in Form zurechtstutzen. Wer sich bis zur Mitte der Hand durchsucht, entdeckt einen großen, im Licht funkelnden Kristallstein. Diese riesige Hand lädt nicht nur zum Versteck- und Entdeckspiel ein, sondern auch, mit den Augen des Schöpfers auf den Menschen zu schauen. Weil Gott die Irrungen und Wirrungen jedes einzelnen kennt, hat er auch Kraft und Mut gebende Worte bereit. Denjenigen, die sich fallengelassen und vergessen fühlen, sagt er:

Kann denn eine Frau ihr kleines Kind vergessen,
ohne Erbarmen sein gegenüber ihrem leiblichen Sohn?
Und selbst wenn sie ihn vergisst: Ich vergesse dich nicht.
Siehe her:
Unauslöschlich habe ich deinen Namen in meine Handflächen geschrieben.

(Jes 49,14-16)

Foto und Text: Georg Deisenrieder, Pastoralreferent