Meditativer Impuls November 2019

"Mission Possible"

„Wir missionieren nicht!" Nicht selten kommt dieser Satz bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in sozialcaritativen Einrichtungen und Diensten reflexartig über die Lippen. Sagte nicht auch Papst Benedikt XVI. über die Caritas: „Die Liebe ist umsonst; sie wird nicht getan, um damit andere Ziele zu erreichen."? (Deus caritas est, Nr. 30). Man könnte auch sagen: „Sie wird auch nicht getan, um andere für den christlichen Glauben zu gewinnen".

Foto: Georg Deisenrieder

„Mission" ist in der Tat kein einfaches Thema, denn rückblickende Erfahrungen von Zwangsbekehrungen und Unterdrückung im Laufe der christlichen Missionsgeschichte werfen ihre Schatten bis in unsere Tage hinein. Doch einen Bogen um dieses Thema zu machen ist auch keine Lösung, schließlich gehört Mission konstitutiv zum Christsein. Maßgeblich ging es in der vor ein paar Tagen beendeten Amazonassynode um die Frage, wie das Evangelium im Rahmen der Kirche angesichts der vielen aufflammenden religiösen Splittergruppen bis in die kleinsten und abgelegensten Dörfer hineingetragen, dort so inkulturiert und gelebt werden könne, so dass es reiche Früchte bringt. Wie also heutzutage umgehen mit dem Auftrag Jesu „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!"? (Mk 16,15) Und was heißt dies für unsere caritativen KJF-Einrichtungen und Dienste?

Papst Franziskus beschreibt Christsein als einen „Zustand permanenter Mission" und würdigt ausdrücklich auch das soziale und therapeutische Handeln: Wir sind auf dieser Welt um Licht zu bringen, zu segnen, zu beleben, aufzurichten, zu heilen, zu befreien. Mission wirkt einer individualistischen Traurigkeit und der Kälte verschlossener Türen entgegen und beinhaltet das Hinausgehen an die Ränder der Gesellschaft.


„Umsonst haben wir diese Gabe [des Evangeliums] empfangen und umsonst teilen wir sie (vgl. Mt 10,8), ohne jemanden auszuschließen… Wer liebt, setzt sich in Bewegung, es treibt ihn von sich selbst hinaus, er wird angezogen und zieht an, er schenkt sich dem anderen und knüpft Beziehungen, die Leben spenden. Niemand ist unnütz und unbedeutend für die Liebe Gottes. Jeder von uns ist eine Mission in der Welt, weil er Frucht der Liebe Gottes ist." (Missionsbotschaft von Papst Franziskus, 9. Juni 2019)

Wer in der caritativ-sozialen Arbeit fühlt sich hier nicht angesprochen? Die Quelle, von der die Mission schöpft, ist die eigene Taufe. Das Leben aus der Taufe ermöglicht, dass jeder nicht nur eine Mission hat, sondern wirklich eine Mission ist. Da schließt sich der Kreis wieder mit unserem KJF-Pastoralkonzept „Dem Menschen nah", wenn es darin heißt: „Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter ist als Mitglied der christlichen Dienstgemeinschaft mitverantwortlich für das religiöse Leben". Wegen der unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten, mit denen unsere Klientinnen und Klienten zu uns kommen, und des reichen Schatzes an Spiritualitäten unserer Fachkräfte hat vermutlich das eigene Mission-sein heute in caritativen Diensten einen anderen Stellenwert als in den Zeiten, als Katholisch- oder Evangelisch-sein in unseren Breiten weitgehend eine Selbstverständlichkeit war.

Wenn wir nicht selbst Zeugnis geben von der christlichen Hoffnung, die uns im Innersten trägt und erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15), haben wir uns nicht zu wundern, wenn sich Botschaften breitmachen, die schnelles Glück vermitteln, aber letztlich mehr religiöse Orientierungslosigkeit und Entwurzelung zur Folge haben. Wie viele von den kleinen Werbeagenturen bis hin zu den großen Social Media-Konzernen sind mit ihren Sinnfindungsangeboten missionarisch unterwegs? Eine Suchmaschine im Internet zeigt bei der Eingabe „We have a mission" knapp drei Milliarden Treffer an. Man könnte vereinfacht sagen: Wer nicht missioniert, wird missioniert! Vieles von dem, was das Internet an missionarischem Geist liefert, hat aber nicht im Geringsten mit dem zu tun, was Papst Franziskus unter „Mission" versteht.  

Eine KJF-Mitarbeiterin brachte es kürzlich so auf den Punkt: Es ist wohltuende Mission, „in einer offenen und neugierigen Art die Bibel zu erklären, unterschiedliche religiöse Sichtweisen einfließen zu lassen und damit ein Angebot der Liebe und der Menschlichkeit zu machen, Vorbild sein, indem man das lebt, woran man glaubt, ohne dabei etwas aufzwingen zu müssen, so funktioniert das Leben, Wertevermittlung und religiöse Bildung."

Georg Deisenrieder
Pastoralreferent