Mit Partnern in Lernwerkstatt diskutiert

Aktuelle Arbeitsmarktlage – Chancen und Herausforderungen für junge Menschen mit Förderbedarf auf dem Weg ins Berufsleben

Die Lernwerkstatt der Katholischen Jugendfürsorge lädt regelmäßig Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Kirche, der freien Wirtschaft oder der öffentlichen Verwaltung ein, um aktuelle Themen rund um die Ausbildung benachteiligter junger Menschen zu diskutieren. KJF-Direktor Michael Eibl und Einrichtungsleiter Hubert Schmalhofer trafen sich mit Sybille Sinzger von der Agentur für Arbeit, HWK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Kilger und Ralf Kohl, Bereichsleiter Berufliche Bildung IHK Regensburg, zu einem Expertengespräch. Ihr Thema: aktuelle Entwicklungen des Arbeitsmarktes und die Ausbildung junger Menschen mit besonderem Förderbedarf.

Sybille Sinzger von der Agentur für Arbeit (links), HWK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Kilger und Ralf Kohl, Bereichsleiter Berufliche Bildung IHK Regensburg, (rechts im Bild) und KJF-Direktor Michael Eibl (mitte) haben sich von angehenden Friseurinnen in der Kunst ihres Handwerks unterweisen lassen. Sie präsentieren ihre Übungsköpfe. Einrichtungsleiter Hubert Schmalhofer (3.v.li.) übernahm die Rolle des  Beraters.

Mit intensiver Förderung gelingt der Einstieg in Ausbildung und Beruf

Damit die berufliche Integration junger Menschen mit einem Handicap und deren Teilhabe gelingt, beauftragen die Agentur für Arbeit und andere Kostenträger Einrichtungen wie die Lernwerkstatt der Katholischen Jugendfürsorge. Die Lernwerkstatt ist spezialisierter und professioneller Arbeitsmarktpartner. Wie notwendig die angebotenen Maßnahmen sind, zeigt das Expertengespräch mit Sybille Sinzger, Jürgen Kilger und Ralf Kohl. „Der Faktor Zeit ist ganz wichtig", stellt Michael Eibl, Direktor der KJF, heraus, „wir würden die jungen Menschen verlieren, wenn wir ihnen nicht die Zeit geben, die sie brauchen."

 

Was willst du mal werden?

Immer weniger Jugendliche wollen einen Handwerksberuf erlernen. „Eine Dominanz der Handwerksberufe in der Ausbildung gibt es nicht mehr", erklärt Hubert Schmalhofer, Leiter der Lernwerkstatt. Es fehlt der Fachkräftenachwuchs in diesen Berufen; händeringend suchen die Betriebe Auszubildende. Jürgen Kilger, HWK-Hauptgeschäftsführer, zeigt auf: „Per 31.12.2018 gab es 1.300 offene Ausbildungsstellen in Ostbayern und 16.000 Ausbildungsverhältnisse. Wir verzeichnen einen Rückgang um 3 %, obwohl sich die Firmen bemühen." Die Handwerkskammer und die Betriebe bieten seit 2007 eine Berufsorientierung an. 30.000 junge Menschen haben sie erreicht. Kilger wünscht sich in der gesellschaftspolitischen Diskussion einen höheren Stellenwert der beruflichen Bildung: „Warum gehen immer weniger junge Menschen ins Handwerk?" Eine berufliche Ausbildung biete Entwicklungsmöglichkeiten und auch Mindestausbildungsvergütung sei in Ostbayern kein Thema. Ganz im Gegenteil, er kenne Betriebe, die in der Ausbildung weit über die tarifvertraglich vereinbarte Vergütung zahlen. Fast 800 Ausbildungsverträge mit jungen Flüchtlingen kann das Handwerk in Ostbayern verbuchen. Eine beachtliche Integrationsleistung des Handwerks, so Kilger. Viele der jungen Menschen kämen aus Syrien und aus Afghanistan. „Da ginge noch deutlich mehr", sagt Kilger. Er hält nichts davon die jungen Menschen zu „kasernieren" statt sie auszubilden.

Für die Industrie- und Handelskammer schildert Bereichsleiter Ralf Kohl die aktuelle Entwicklung positiv. Auch hier seien knapp 220 neue Verträge zustande gekommen. Im Februar 2019 sei ein Plus von 5,3% bei den Neuverträgen zu verzeichnen gewesen und zum 31.12.2018 ein Plus von knapp 5%. Bayernweit wurden im Februar gut 13.800 Ausbildungsverträge geschlossen – 726 mehr als im Jahr zuvor. Trotzdem sind auch hier viele Ausbildungsplätze nicht besetzt. Ralf Kohl verweist auf die Kampagne „Elternstolz", die gezielt Karrierechancen einer Berufsausbildung aufzeigt. Mit einer Fortbildung könne man eine Qualifikation erreichen, die einem Studienabschluss gleichkomme. „Eine duale Ausbildung ist kein sozialer Abstieg. Hier müssen wir umdenken", fordert Kohl.

Was für den allgemeinen Arbeitsmarkt gilt, macht sich auch in der Lernwerkstatt bemerkbar. Waren es vor einigen Jahren um die 150 Auszubildende jährlich, so waren es 2018 nur 84 Jugendliche mit Ausbildungsvertrag in der Lernwerkstatt. Die Ausbildung machen sie u.a. zu einem überwiegenden Teil in den Bereichen Büro, Verkauf, Lager, IT und Mediengestaltung. Obwohl die Lernwerkstatt in 12 Berufsfeldern 28 Ausbildungsberufe anbietet, verlagert sich die Nachfrage immer mehr in die zuvor genannten Bereiche. Die Klientel verändert sich: Immer mehr Jugendliche mit einer psychischen Erkrankung kommen in die Lernwerkstatt, wohingegen der Anteil der Absolventen einer Förderschule sinkt. Sybille Sinzger von der Agentur für Arbeit bestätigt das. Diese Jugendlichen kommen aus allen Schularten. Ziel ist, die Jugendlichen gezielt zu unterstützen und eine erfolgreiche Ausbildung zu ermöglichen.  Darüber hinaus begleitet die Lernwerkstatt die Jugendlichen im Anschluss an die Ausbildung, damit der Start ins Arbeitsleben gelingt.

 

Schon lange nichts mehr auf die Reihe gebracht

Diese Aussage ist erschütternd, betrifft sie doch junge Menschen, die eigentlich das Leben so richtig packen und ihre Potenziale ausschöpfen sollten. Tatsächlich stellt Hubert Schmalhofer fest, dass der Anteil junger Menschen, die nicht ausbildungsfähig sind, immer mehr zunimmt. Eine vollschichtige Ausbildung sei ihnen noch gar nicht möglich. Deshalb steige der Anteil der Jugendlichen in den unterschiedlichen Maßnahmen der Lernwerkstatt, wohingegen es immer weniger Azubis gäbe. „Wir bieten Maßnahmen mit anfangs 15 Stunden die Woche an, um die Jugendlichen langsam in die Vollzeit zu bringen. Massive psychische Probleme lägen vor. „Manche gehen gar nicht mehr aus dem Haus", so Schmalhofer. In speziellen Fällen holen sie die Pädagoginnen und Pädagogen aus der Lernwerkstatt zuhause ab. Der Lernwerkstatt gelingt es mit professionellem Einsatz und Zuwendung diesen Jugendlichen echte Perspektiven zu geben. Die Erfolgszahlen belegen dies: Die Abschlussquote liegt bei rund 96 %, die Vermittlungsquote bei 70 %. „Keinen jungen Menschen verloren geben", das ist leitend für die Arbeit. Und Partner wie die Agentur für Arbeit und die Kammern unterstützen die Lernwerkstatt darin.

Weiterführende Informationen zur Lernwerkstatt: 220 junge Menschen haben aktuell in der Lernwerkstatt einen guten und Erfolg versprechenden Weg für ihr späteres berufliches Leben eingeschlagen. Die Hälfte von ihnen wird auf eine Ausbildung oder Arbeitsaufnahme vorbereitet, die andere Hälfte befindet sich in Ausbildung zum Fachpraktiker oder in einer Vollausbildung in einem von 28 Berufen in 12 Handwerks- und Dienstleistungsbereichen. In Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen haben die Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten auszuprobieren, sich beruflich zu orientieren und treffen eine Berufswahlentscheidung, um eine berufliche Erstausbildung aufnehmen zu können.

Text und Bilder: Christine Allgeyer