« Zurück

16. Abensberger Fachtagung im Berufsbildungswerk St. Franziskus

Virtuelle Lernwelten in der beruflichen Bildung

Die 16. Abensberger Fachtagung „Unter Strom – Virtuelle Lernwelten in der beruflichen Bildung und Qualifizierung" beschäftigte sich mit zeitgemäßen Formen der Wissensvermittlung, der Bereitstellung komplexer Informationen und neuen didaktischen Konzepten in der Ausbildung. Gesamtleiter Walter Krug hatte ausgewiesene Expert*innen aus der beruflichen Qualifizierung, aus Schulen und Hochschulen eingeladen. Sie diskutierten die Chancen und Risiken der virtuellen und digitalisierten Lernwelt und stellten Konzepte, Methoden und Werkzeuge für digitales Lernen vor. An die 140 Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer aus dem Umfeld der beruflichen Rehabilitation nahmen am Fachtag teil.

Lernen am Schweißsimulator - digitale Qualifizierung mit Hilfe eines Augmented Reality gestützten Trainings. Die Tagungsteilnehmer*innen versuchten eine saubere Schweißnaht hinzubekommen - alles ohne Funken, Gestank und Schutzkleidung.

„Bildung bleibt ein sozialer Prozess"

Als Ehrengäste der Veranstaltung begrüßte KJF-Direktor Michael Eibl den Vorsitzenden der KJF, Domkapitular Dr. Roland Batz, und aus dem Verwaltungsrat der KJF, Professor Dr. Josef Eckstein. Kooperationspartner aus der Bundesagentur für Arbeit - Regionaldirektion Bayern, dem Kultusministerium, der Regierung von Niederbayern, aus Schulen und Einrichtungen bundesweit hatten sich eingefunden, um sich mit den Herausforderungen der Digitalisierung im sozialen Bereich zu beschäftigen. Der Gesamtleiter des B.B.W. St. Franziskus, Walter Krug, eröffnete die Veranstaltung und machte gleich zu Beginn deutlich: Bildung in einer digitalen Welt kommt nicht ohne den Faktor Mensch aus. „Bildung bleibt ein sozialer Prozess", so Krug.

„Es gilt die Errungenschaften im digitalen Zeitalter für unsere Arbeit mit Klienten nutzbar zu machen und unsere Organisation und Verwaltung optimal aufzustellen", erklärte KJF-Direktor Michael Eibl. Wichtig ist ihm: „Als Fachverband, der unglaublich vielfältige individuelle Leistungen anbietet, werden wir nie auf den direkten Kontakt mit den Klienten verzichten. Arbeiten mit Herz kann kein Roboter leisten, auch wenn der Markt schon „robotisierte Beziehungspartner" anbietet. Algorithmen könnten hilfreich sein, aber keine menschliche Hilfe und Zuwendung ersetzen.

Keynote-Speaker Marcus Richter von Chaos Radio Berlin plädierte in seinem Beitrag für digitale Mündigkeit. Es gäbe nichts, was nicht kontrolliert werden könne. „Algorithmen sind menschengemacht", so Richter. Er machte dem Publikum Mut, digitale Bildung in die Arbeit zu integrieren und mit Leben zu füllen. Das Digitale müsse Bestandteil einer umfassenden, aufgeklärten Bildung sein. Nur so könnten Menschen mündig und selbstbestimmt leben.

 

Digitalisierung betrifft die gesamte Organisation und den Reha-Prozess

Die 16. Abensberger Fachtagung machte deutlich: Wir befinden uns mitten in der digitalen Transformation. Arbeitswelt, Beziehungen und Kommunikation wandeln sich rasant. Aufgrund digitaler Technologien und Hilfen entstehen neue Berufsprofile und Anforderungen. Arbeitsplätze verändern sich, andere Qualifikationen sind gefragt. Darin liegt zugleich aber auch die große Chance, Arbeit für Menschen mit einer Beeinträchtigung so zu gestalten, dass mehr Teilhabe möglich ist. Im Berufsbildungswerk St. Franziskus in Abensberg, eine der renommiertesten Einrichtungen der beruflichen Rehabilitation in Deutschland, sind zunehmend modernste Technologien Bestandteil der Ausbildung – und dies nicht nur im IT-Bereich.

Bild v.li.: Markus, 18 Jahre, und Lucas, 19Jahre, beide in der Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration, fertigen Schlüsselanhänger mit dem 3D-Drucker.

Medienkompetenz und virtuelle Lernwelten

Die Auswahl passender Technologien und Medien stellt die Fachkräfte im B.B.W vor Herausforderungen. „Wir müssen uns gezielt mit der Frage auseinandersetzen, wie die zur Verfügung stehenden Technologien eingesetzt werden können, um den Lernprozess zu bereichern und die Ausbildung zukunftsfähig zu gestalten. Wir müssen im Blick haben, welche weiteren Technologien erforderlich sind, um auf die Anforderungen der Wirtschaft reagieren zu können", sagen Petra Jeske, Leiterin der an das B.B.W. angeschlossenen Abensberger Reha-Akademie, und David Arnold, Ausbildungsleiter für technische Berufe. Ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess hinsichtlich der Medienkompetenz und virtueller Lernwelten, der auch die Weiterbildung der Fachkräfte in den Blick nimmt, ist erforderlich. Neue didaktische Konzepte sind gefragt, um die Potentiale virtueller Lernwelten zu nutzen und dadurch eine Ausbildung zu gewährleisten, die optimal und individuell auf die Maßnahmeteilnehmerinnen und -teilnehmer zugeschnitten ist. „Medieneinsatz und virtuelle Lernwelten sind heute in der Ausbildung nicht mehr wegzudenken", erklärt David Arnold. Und doch gehe es um mehr, denn immer mehr neue Tools würden in vielerlei Hinsicht Abläufe vereinfachen. Dazu müssten alle Beteiligten in der Handhabung geschult sein und die Usability passen. „Eine virtuell orientierte Ausbildung bietet die Chance, den Lernprozess individuell auf den Teilnehmer zugeschnitten zu gestalten. Darüber hinaus ermöglicht man dem Jugendlichen das „Selbst-Tun" und „Selbst-Lernen". Gleichzeitig müsse der Einsatz der Medien und Technologien aber ständig reflektiert werden. Einfach eine Technologie vorzulegen, reiche nicht, die Teilnehmer müssen gecoacht werden.

 

Ohne den Meister und die Meisterin geht es auch in Zukunft nicht

Die jungen Menschen im B.B.W., die mit Einschränkungen im emotionalen und sozialen Bereich zu kämpfen haben, können zweifellos von der Digitalisierung und virtuellen Lernwelten profitieren. Wichtig und im Zentrum des gelingenden Reha-Prozesses steht jedoch nach wie vor die Person des Ausbilders, der Ausbilderin oder der Erzieherin und des Erziehers, das Miteinander mit anderen Teilnehmern, die soziale Interaktion. „Menschlicher Kontakt kann lediglich durch technische Hilfsmittel unterstützt, aber nie ersetzt werden", macht Arnold weiter deutlich.

Ausbilder mit Herz und großer Liebe zu ihrem Beruf sind Mike Brandl und Alex Wimmeraus dem IT-Bereich im B.B.W. St. Franziskus. Dazu noch gute Schauspieler! Denn ihr Auftritt beim Fachtag, ein Gespräch unter Kollegen, zeigte sehr gut auf, wie das B.B.W. aktuell aufgestellt ist und welche Herausforderungen es zu „meistern" gilt. In der Ausbildung haben Tablets, Laptops, Smartphones, VR-Brille und interaktives Whiteboard natürlich längst Einzug gehalten. Auch Lasercutter und Plotter, computergesteuerte Küchengeräte und Kombidämpfe werden genutzt. CAD-Konstruktion, CNC-Steuerung, Pneumatik, SPS Steuerung, VDE-Prüfung, ERP-Systeme, Kassensysteme, Buchungssysteme, Online-Handel, MDE-Geräte, Routing und Firewall-Lösungen, Server-und Netzwerkstrukturen im Produktiveinsatz, Helpdesk, ECDL (European Computer Driving Licence) – das alles wird im B.B.W. genutzt. Fast alle IT-Berufe der IHK werden im B.B.W. ausgebildet: Fachinformatiker Anwendungsentwicklung und Systemintegration, außerdem Informatikkaufmann und IT-Systemkaufmann. „Wir vermitteln den Azubis Inhalte aus der Informations- und Kommunikationstechnologie sowie kaufmännische Inhalte. Zudem bereiten wir die Teilnehmer auf den allgemeinen Arbeitsmarkt mit allen notwendigen fachlichen und persönlichen Kompetenzen vor. Alle Lehrmittel, die wir dafür einsetzen, sind state-of-the-art und wir erlauben den Auszubildenden deutlich tiefer in die Materie einzutauchen als dies in den meisten Betrieben im Handel oder der Industrie möglich ist", erzählen die beiden Ausbilder. Sie bieten eine solide und kompetente Qualifizierung.

 

Beiträge aus Forschung und Praxis

Konkrete Beispiele digital gestützten Lernens zeigte Dr. Christian Müller, Multimedia-Entwickler für E-Learning-Angebote an der Universität Passau auf. Lernräume der Zukunft sind digital und dienen in hohem Maße einer individuellen Förderung, machte Müller deutlich. Ein beeindruckendes Praxisbeispiel lieferte Sergej Wegner, von der Firma WeldPlus, mit dem Schweißsimulator. Dieser war als Station aufgebaut und konnte ausprobiert werden – so sieht eine gelungene digitaler Qualifizierung mit Hilfe eines Augmented Reality gestützten Trainingskonzeptes aus, das Industrieunternehmen, Schulen und Bildungszentren integrieren können. Ebenfalls um die Praxis ging es Magdalena Kellner und Florian Waldeck von ÜZBO, Überbetriebliches Bildungszentrum in Ostbayern gemeinnützige GmbH. Ihre These: Industrie 4.0 benötigt Bildung 4.0 und damit neue didaktische Konzepte. Sie präsentierten medial aufbereitete Lernkonzepte, die in der Ausbildung zum Einsatz kommen. Handlungs- und Haltungsfragen beleuchtete der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Müller-Commichau von der Hochschule Rhein-Main, Wiesbaden. In seinem Vortrag ging es um den Faktor Mensch, der nach wie vor in digitalisierten Lernwelten gebraucht wird. Gefragt sind emotionale Kompetenz, Anerkennung und Dialog – menschliche Begegnung, soziale Interaktion.

Ein Kernanliegen des Bayerischen Staatsministeriums ist es, beruflichen Schulen kontinuierlich auf Höhe der Zeit weiterzuentwickeln und junge Menschen während ihrer Ausbildung mit dem vertraut zu machen, was sie in ihrem späteren Beruf erwartet. „ Im Umgang mit digitalen Medien wollen wir junge Menschen fit und kompetent machen. Auch die Weiterentwicklung der Berufsprofile steht auf unserer Agenda", so Studiendirektor Andreas Weis aus dem Bayerischen Kultusministeriums.

Text: Christine Allgeyer
Bild: Christine Allgeyer