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Sattes Erleben und Raum für neue Ideen im Wald

Die Waldtage des Kinderzentrums St. Martin sind fester Bestandteil des heilpädagogischen Angebots. Ermöglicht werden sie jedes Jahr von der Aktion Sonnenschein, dem Förderverein, der das Sozialpädiatrische Zentrum seit über 40 Jahren unterstützt. „Wir geben den Kindern Raum zu experimentieren und etwas zu entwickeln", so Heilpädagogin und Naturpädagogin Sylvia Fenzl und ihre Kollegin, die Physiotherapeutin Anne Liegel.

Gemeinsam kochen und essen – diese Pause tut gut.

Ankommen, die Umgebung erkunden, sich langsam im Wald heimisch fühlen – und natürlich die Gruppe kennenlernen – so beginnen die Kinder ihre Waldtage im Walderlebniszentrum Sinzing. Wenn sie dann am ersten Tag mittags ein Lagerfeuer machen, dann fühlen sie sich schon sicher und probieren selbst aus, wie es ist, mit dem Feuerstein ein Feuer zu entfachen. Sie tragen Hölzchen und Gräser herbei, entzünden das Feuer und erleben so, wie Feuer und Licht entstehen.

Rituale wie das Begrüßungslied und klare Regeln helfen den Kindern, sich auf das „Abenteuer Wald" einzulassen und – ganz wichtig – Grenzen zu respektieren. Eine Regel lautet: „Tu keinem weh, auch dir selber nicht", eine andere: „stopp heißt stopp." Diese Regeln brauchte die kleine Gruppe der sechs Kinder im Alter zwischen fünft und acht Jahren besonders. „Da ging es um Nähe und Distanz, um Impulskontrolle, darum, dass jemand auch ausdrücken kann, wenn ihm etwas zu viel wird", erklärt Sylvia Fenzl. Die soziale Interaktion könne sehr schnell kippen, wenn die Kinder die Kontrolle zwischen Spaß und Ernst, das „soziale Spüren" verlieren.

Was macht den Wald so besonders?

Der Wald schafft Raum, ist Chaos und Ordnung zugleich, bietet Schutz und fordert aber auch heraus. Die Möglichkeiten im Wald therapeutisch zu arbeiten sind so vielfältig, dass Sylvia Fenzl und Anne Liegel mit den Kindern spontan und intuitiv arbeiten. Denn „der Wald hat nichts Fertiges, er bringt die Kreativität der Kinder zum Vorschein, ihre Phantasie", erzählt Sylvia Fenzl begeistert. Sie und Anne Liegel dürfen das jedes Jahr neu erleben – eine Bereicherung auch für die beiden Therapeutinnen. „Wir bewegen uns meist in Räumen, die uns überfordern, weil sie laut und voll sind. „Wenn darin ein Kind laut ist, dann wird das nächste noch lauter und am lautesten dann die Erwachsenen. Im Wald passiert das so nicht", verdeutlicht Anne Liegel. Der Wald sei Futter für die Sinne: Gerüche, Farben, Geräusche – das alles fördert die Sensomotorik. Und der Wald ist nie gleich. Die Umgebung ändert sich den Tag über, mit dem Lichteinfall zum Beispiel. „Der Wald bietet den Kindern einen großen Reichtum an Erfahrung. Und das brauchen die Kinder auch, wenn sie nach Innen gehen. Sie nehmen diesen Erfahrungsschatz mit und spielen das nach."

Wer lacht schöner? Das Baumgesicht oder ich?

Eltern sind so dankbar

Das erfahren Sylvia Fenzl und Anne Liegel ganz deutlich. Bei den Nachtreffen kommen die Familien mit den Geschwisterkindern. Manche gehen mit ihren Kindern dann selbst viel in den Wald, denn sie haben verstanden und gespürt, was es heißt, draußen im Wald zu sein. „Digitale Angebote überwältigen unsere Kinder, der Wald hingegen bietet die Erfahrung des direkten Umgangs mit der Welt", stellt Anne Liegel heraus.

Am meisten genießen es die Kinder, wenn sich Forstwirtschaftsmeister Albert Köglmeier zu ihnen gesellt. Er gibt ihnen Tierfelle und ein Geweih zum Anfassen und Spüren. Seine Begeisterung springt im Nu auf die Kinder über. Und ganz nebenbei lernen sie eine Menge über den Wald und die Tiere, die darin leben. Die beiden Therapeutinnen hätte noch vieles zu erzählen – wichtig ist ihnen aber vor allem, dass die Kinder selbst bestimmen, dass Raum für deren eigene Ideen da ist. „Ja, sie sind einfach nur dreckig, wühlen in der Erde. Das ist sattes Erleben", beschreibt es Sylvia Fenzl. Nach einem Tag im Wald sind die Kinder angenehm kaputt.

Text: Christine Allgeyer
Bild: Sylvia Fenzl