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Not macht erfinderisch …

Die Chatberatung für junge Menschen der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern Rottal-Inn kommt sehr gut an.

Zu den Angeboten der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern Rottal-Inn zählt unter anderem die Suizidprävention für Jugendliche und junge Erwachsene. Dazu gibt es eine Chatberatung, die anonym und kostenfrei ist. Nicht nur gefährdete, sondern generell alle jungen Menschen können diese Form der Hilfe nutzen. Bis vor wenigen Wochen war dies weniger häufig der Fall,  die Ausgangssperre aufgrund der Corona-Krise hat der Chatberatung jedoch neuen Zulauf beschert. Jugendliche, die sonst kaum Kontakt zur Beratungsstelle aufgenommen hätten, trauen sich plötzlich, melden sich und suchen das Gespräch, wie Bernhard Dorner und Nicole Göth erfreut feststellen. Erste wichtige Schritte, die eine weitere professionelle Begleitung und Hilfe ermöglichen.  

Eine Beratungsstelle lebt insbesondere von direkten, persönlichen Begegnungen, es soll Vertrauen entstehen und die angebotene Hilfe etwas bringen. Das ist in diesen Zeiten schwer, doch trotz aller Einschränkungen gibt es auch Positives von der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern zu berichten.

Bernhard Dorner, Diplom-Sozialpädagoge (FH) und Familientherapeut:

Es heißt ja, Not macht erfinderisch. Unsere Kollegin Nicole Göth kümmert sich seit der Ausgangssperre verstärkt mit neuen Ideen um die Pflege der Facebook-Seite „Jugendberatung Rottal-Inn". Unsere häufigen Posts bekommen einiges an Aufmerksamkeit. Wir weisen da immer aktuell auf die Zeiten der Chatberatung hin. Vielleicht liegt es daran … Vielleicht ist es auch der gegenwärtige Mangel an Alternativen … Jedenfalls entwickelte sich die Chatberatung in den letzten Wochen der Krise zu einem großen Erfolg und wird rege in Anspruch genommen. In den Chatberatungen konnte ich außerordentliche Termine mit Hilfesuchenden vereinbaren, um die Beratung intensiver fortzusetzen.

Nicht nur der Chat, auch Videotelefonate werden gerne angenommen.
Zusätzlich zum Chat bieten wir Videotelefonate als Alternative an, die viele Klientinnen und Klienten sehr gerne und regelmäßig in Anspruch nehmen – sowohl Erwachsene als auch Kinder. Kinder telefonieren oft nicht so gerne. Wenn sie ihren Berater aber sehen, ist es fast so, als würde man ihnen gegenübersitzen. Sogar eine Familientherapiesitzung mit Mutter und Sohn konnten wir auf diese Weise bereits erfolgreich umsetzen.

Aufgrund dieser Videotelefonate hat sich die Zahl meiner Beratungsgespräche gar nicht einmal so stark verringert. Und vielleicht bleiben sogar positive Aspekte wie die verstärkte Nutzung des Chats in der Zeit nach Corona weiterhin bestehen.

Nicole Göth, Diplom-Sozialpädagogin (FH) und Betriebswirtin (VWA):

Die meiste Zeit befinde ich mich im Home-Office. Gott sein Dank habe ich mein Mobil-Telefon. Ich telefoniere mit fast allen, die eine Beratung wünschen. Ich hatte auch ein paar telefonische Erstgespräche. Es läuft so, dass ich eine Zeit vereinbare und dann bei meinen Klienten anrufe. Von dem Telefonangebot machen 14-Jährige bis hin zu Eltern Gebrauch.

Die jungen Menschen im Alter von 16 bis 26 Jahren, meine Hauptzielgruppe in der Außenstelle Pfarrkirchen, nutzen neben der Telefonberatung auch gerne das "Chatten" in einem Messenger. Eine kurze Frage oder manchmal auch ein längerer Chat in Form von Sprachnachrichten erleichtert es vielen jungen Leuten, den Kontakt mit mir aufrechtzuhalten. Ich habe auch zwei Jugendliche, die ich bisher noch nicht persönlich kennengelernt habe und die mir am liebsten kurz "schreiben" oder eine Sprachnachricht schicken.

Die Anonymität bei der Chat-Beratung ist ein großer Vorteil.

Ich denke, der Vorteil daran ist die absolute Niedrigschwelligkeit und auch die Anonymität. Das ist eine gute Vorbereitung auf die hoffentlich noch folgenden persönlichen Kontakte – zumindest hat mir dies letzte Woche ein 16-Jähriger so beschrieben. Er meinte, Corona sei Dank, denn er sei psychisch schwer belastet und verlasse seit eineinhalb Jahren das Haus nur sehr selten. Er hätte auch vor einem ersten persönlichen Treffen an der Beratungsstelle große Angst gehabt, aber jetzt fiele es ihm leichter, da wir uns schon öfter geschrieben und telefoniert hätten.

Mit manchen mache ich auch Facetime. Das ist ein kostenloser Chat-Dienst und nichts anderes als ein Videoanruf. Meine Kollegen und ich chatten auch noch im Wechsel über Beranet, die Plattform, die wir seit einigen Jahren aufgrund unseres Aufgabenschwerpunkts Suizidprävention nutzen.

All diese Chat-Möglichkeiten kündige ich verstärkt auf Facebook an. Seit "Corona" sind wir aktiver unter „Jugendberatung Rottal-Inn" vertreten. Dort biete ich den jungen Menschen an, mir handschriftliche Briefe zu schicken und ich schreibe zurück. Bisher bekam ich leider noch keine Briefe. Schade! Eine 19-Jährige schrieb mir zwar so einen Brief, hat diesen dann aber abfotografiert und mir über einen Messenger geschickt. Wäre der Inhalt nicht so traurig gewesen, hätte ich lachen müssen. Sie war einfach nur zu faul, um zur Post zu gehen …

Einige Klienten sagen, sie freuen sich auf ein persönliches Treffen, vielen aber gefällt dieses Virtuelle, denke ich, auch ganz gut."

Dr. Joachim Weiß (Dipl.-Psychologe, Systemischer Therapeut, Familientherapeut), Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern in Eggenfelden

Weiterführende Informationen:

  • Die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern hat ihren Hauptsitz in Eggenfelden und Außenstellen in Pfarrkirchen und Simbach/Inn.
  • Aktuell findet die Beratung telefonisch, per Videotelefonat, Chat oder Email statt. Sie steht montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr zur Verfügung, der Chat teils auch abends.
  • Die Beratung ist vertraulich und kann von allen Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Eltern des Landkreises Rottal-Inn kostenfrei genutzt werden.
  • Die Beratungsstelle besteht aus neun Beraterinnen und Beratern sowie zwei Teamassitentinnen. Leiter ist Dr. Joachim Weiß (Dipl.-Psychologe, Systemischer Therapeut, Familientherapeut)
  • Kontakt: Tel.: 0 87 21 12 53 30, E-Mail: info@beratungsstelle-rottal-inn.de, Internet: www.beratungsstelle-rottal-inn.de - Chat-Angebote: Siehe Startseite der Homepage
  • Facebook: Jugendberatung Rottal-Inn
  • Gefördert von: Aktionsgemeinschaft „Kind in Not"

Text: Bernhard Dorner I Nicole Göth I Isolde Hilt
Bilder: Bernhard Dorner I Nicole Göth