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Mut machen, kreativ und flexibel unterstützen

Beratung für Kinder, Jugendliche und Eltern in der Corona-Pandemie

Die Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Eltern der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Regensburg e. V. (KJF) stärkten auch 2020 Eltern und Familien und schützten Kinder und Jugendliche in der Corona-Pandemie.

Die Corona-Pandemie veränderte das gesellschaftliche Leben und damit die Lebenssituation von Familien seit März 2020 auf dramatische Weise und hat uns bis heute im Griff. Die Teams der Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Eltern der KJF stellten sich von Anfang an flexibel darauf ein und gingen mit vielfältigen Angeboten auf Familien zu, um sie in dieser schwierigen Lebenslage zu unterstützen. Tausende Familien finden jährlich bei den zehn Beratungsstellen der Katholischen Jugendfürsorge Rat und Hilfe.

Kinder, Jugendliche und Familien erfahren viele zusätzliche Belastungen durch Corona

Die Corona-Pandemie hat unsere Gesellschaft unvorbereitet getroffen und stellt eine extreme Ausnahmesituation dar. In der ersten Phase der Corona-Krise, im Frühjahr 2020, führte die völlig neue und schwer einschätzbare Situation mit Kontaktbeschränkungen, Schließung von Kitas und Schulen, Homeoffice für Eltern und der Einschränkung an Freizeitmöglichkeiten zu einem erheblichen Anpassungsdruck innerhalb der Familie. Eltern müssen seitdem wesentliche Entwicklungs- und Bildungsaufgaben managen, die Gefühle und Bedürfnisse der Kinder ohne die pädagogischen Hilfen von Kita und Schule angemessen beantworten, und Ängste abfedern.

Seit Winter 2020 sind mit den steigenden Infektionszahlen wieder stärkere Beschränkungen des sozialen Lebens in Kraft getreten. Fehlende Kontakte, Angst vor Ansteckung innerhalb der Familie, Geldnöte und Unsicherheit über die Zukunft lasten schwer auch auf Erwachsenen. Diese Ungewissheit führt zu einer spürbaren Stressbelastung der Familien. So zeigt die COSMO-Studie dass das Belastungsempfinden seit Anfang September in allen Altersgruppen gestiegen ist. Vor allem betroffen davon sind junge Familien (Anstieg von 52 % auf 64 %) und jüngere Menschen zwischen 18 und 29 Jahren (Anstieg von 55 % auf 61 %).

Das Deutsche Jugendinstitut zeigte in einer Untersuchung auf, dass in jeder fünften Familie beim ersten Lockdown zeitweise starke Konflikte bis hin zu einem „chaotischen Familienklima" herrschten, und dass v. a. Familien mit einem alleinerziehenden Elternteil, mit vielen Kindern und mit Eltern, die im Homeoffice Kinder und Beruf vereinen mussten, besonders belastet waren. Die COPSYStudie des Hamburger Uniklinikums zeigte im Juli 2020, dass für zwei Drittel der Kinder Lernen im Vergleich zu vor Corona anstrengender geworden war. 37 % der Eltern und 27 % der Kinder berichteten von häufigeren Streitigkeiten. Das Risiko für Auffälligkeiten bei Kindern stieg von 18 % vor Corona auf 31 %, v.a. psychosomatische Beschwerden mit Kopf- und Bauchweh, Schlafproblemen, aber auch Ängste nahmen deutlich zu. In einem aktuellen Update der Studie im Februar 2021 sagen nun 80 % der Kinder, dass sie sich durch Corona belastet fühlen. Auch das Gesundheitsverhalten verschlechterte sich. Zehnmal mehr Kinder als vor Corona bewegen sich zu wenig, essen zu viel Süßigkeiten und natürlich sind die Bildschirm- und digitalen Medienzeiten gestiegen. Zudem berichten die Kinder und Jugendlichen in der Studie über mehr Streit in den Familien, vermehrte schulische Probleme und ein schlechtes Verhältnis zu ihren Freunden. Insgesamt 70 % der Schülerinnen und Schüler kommen mit dem Distanzunterricht nicht zurecht und haben keine Lernmotivation mehr

Hohe Nachfrage im Coronajahr – Beratungsstellen reagierten offen und flexibel

2020 wandten sich 4.653 Familien mit Kindern und Jugendlichen an eine der zehn Beratungsstellen der KJF, etwas mehr als 2019. Die Beratungsstellen haben mit 1.799 (38,7 %) beratenen Jugendlichen und jungen Menschen die durch Corona besonders belastete Gruppe ab dem 12. Lebensjahr sehr gut erreicht, gefolgt mit 1.741 (37,4 %) der 6-11-Jährigen. Auch sehr viele Eltern von kleinen Kindern bis zum 5. Lebensjahr konnten die Angebote wahrnehmen (1.113; 23,9 %). „Es war uns von Anfang an klar, dass wir in dieser enorm belastenden Zeit für die Familien da sein wollten und mussten", erläutert Dr. Hermann Scheuerer-Englisch, fachlicher Sprecher der zehn Beratungsstellen der KJF.

„Welches Glück für viele Kinder, Jugendliche und Familien gerade auch in diesem Jahr, auf die Beratungsstellen bauen zu können. Denn trotz aller Widrigkeiten der Corona-Pandemie haben es die Beratungsdienste geschafft, in diesen schwierigen Zeiten junge Menschen und auch Eltern zu erreichen", zieht KJF-Direktor Michael Eibl Bilanz.

Die Statistik der Beratungen in 2020 zeigt weiterhin, dass 35,8 % der vorgestellten Kinder und Jugendlichen bei einem alleinerziehenden Elternteil aufwuchsen, 45,3 % der jungen Menschen erlebten eine Trennung der Eltern. Den Familienalltag unter Corona zu bewältigen, war vor diesem Hintergrund zusätzlich herausfordernd.

Flexible Angebote

Alle Beratungsstellen bieten seit dem ersten Lockdown im März 2020 verstärkt Telefonberatung, z. T. auch als Hotline, und Videoberatungen an. 4.601 Beratungsstunden wurden so coronabedingt in 2020 erbracht. Seit dem 4. Mai 2020 haben die Beratungsstellen auf Grundlage eines Hygienekonzepts durchgehend für Präsenztermine geöffnet. Es wurde in einigen Beratungsstellen aber auch per Mail und Chat beraten, v. a. um Jugendliche gut zu erreichen. Auch die Vor-Ort-Termine wurden angepasst. Es wurden alle großen Räume genutzt, „Beratung to go" oder auch „Walk and Talk" im Freien angeboten. Teamsitzungen, Konferenzen und Vorträge fanden weitgehend online statt.

Jugendliche besonders belastet

Jugendliche orientieren sich alterstypisch von der Familie weg auf die Gleichaltrigengruppe. Sie haben durch die Pandemiebeschränkungen ihr natürliches Entwicklungsumfeld verloren. Gleichzeitig wurden die Zukunftsaussichten eingeschränkt und unsicher. „Junge Menschen erleben dies in aller Härte und bringen ihre Situation in Gesprächen an den Beratungsstellen auf den Punkt", schildert Dr. Joachim Weiß, Leiter der Beratungsstelle in Rottal-Inn.

Kinderschutz

In der Beratung zeigte sich, dass familiäre Probleme und Ungleichheiten durch die Corona-Pandemie verstärkt werden. In Familien, die bereits vor Corona geschwächt waren, hat sich das Stresspotential durch zusätzliche Belastungen verschärft. Zugleich sind ausgleichende Ressourcen und Unterstützungssysteme zur Alltagsbewältigung von heute auf morgen weggefallen. Sind Eltern sozial und psychisch überfordert, kann aus einem Konflikt schnell eine das Kind gefährdende Situation werden. Besonders wenn es bereits zu Vernachlässigungen oder anderen Bedrohungen gekommen ist, besteht die große Gefahr einer Wiederholung. Die zehn Beratungsstellen haben im vergangenen Jahr in 91 Fällen intensiver geprüft, ob das Wohl des Kindes gefährdet sein kann und geeignete Schutzkonzepte entwickelt.

„Entscheidend ist, Kinder und Jugendliche, die besonderen Schutzes brauchen, nicht sich selbst zu überlassen", betont Britta Ortwein-Feiler, Leiterin der KJF-Beratungsstelle in Cham. Gerade hier zeigten sich die Stärken der Beratungsstellen, die über enge Kontakte zu wichtigen Netzwerkpartnern im Kinderschutz verfügen und diese bei Verdachtsfällen schnell hinzuziehen.

Kinderschutzexperten sind sich einig, dass nach der Öffnung besonders von Schulen und Kitas massive Spätfolgen mit erheblichen emotionalen und sozialen Problemen zu erwarten sind und der Hilfebedarf für Kinder und Jugendliche deutlich ansteigen wird. Zugleich wird zeitverzögert mit einem deutlichen Anstieg von Gefährdungsmeldungen gerechnet.

Die Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Eltern machen in ihren Berichten zum vergangenen Jahr die Breite ihrer Angebote deutlich (siehe auch Anhang) und ihre flexible und effektive Unterstützung für Familien auch in der überraschenden Pandemie. Sie stellen damit unter Beweis, dass sie systemrelevant sind.

Text: Dr. Hermann Scheuerer-Englisch, Britta Ortwein-Feiler, Dr. Joachim Weiß
Bild: Christine Allgeyer