Meditativer Impuls September 2020

Hinter Fassaden schauen – Hinterhöfe genießen

Der Sommerurlaub gestaltete sich in diesem Jahr anders als sonst. Abseits von Menschenansammlungen schlenderte ich durch Gassen, bewunderte versteckte Gärten und Hinterhöfe. Man muss nur etwas über Mauern und Zäune schauen oder zwischen Sträuchern und Bäumen hindurch. Eine eher zufällige Begegnung der besonderen Art fand bei einem Glas Wein in einer von Reben umrankten Gartenlaube statt, ein paar mediterrane Kübelpflanzen standen herum. Die Sterne blinzelten zwischen dem Laubdach hindurch. Der Brunnen plätscherte. Der leise, warme Sommerwind wehte um die Nase. Es war ein einfach ein wunderschöner Abend mit den Hausbesitzern. In vertrauensvoller, offener Gesprächsatmosphäre durfte ich durchatmen und einfach loslassen. Es fehlte an nichts.

Hinterhöfe und abgeschirmte Gärten bringen Innenansichten nach außen. Nicht die großen Straßenfassaden sind im Blick, sondern das Verborgene, Vertraute, Intime. In geschützten Bereichen kommt es vor, dass Gespräche schnell unter die Haut gehen. Oder man sitzt schweigend beisammen und tut einfach nichts, ohne dass dies peinlich wird. Vergeudete Zeit wird vergoldete Zeit.

Das wusste auch Jesus. Sehr oft lesen wir in der Heiligen Schrift, dass er Menschen beiseite nahm und sie an einen Ort führte, wo sie allein sein konnten. In diesen „Hinterhöfen" wurde er wesentlich. Hier fanden Berufungen und Heilungen statt und es zeigte sich, was dem Leben dient. Manchmal brauchte es auch die eine oder andere Privatlektion, damit ein neuer Weg aus der Sackgasse gefunden werden konnte. Besonders gerne suchte Jesus diese Rückzugsorte nach den großen Ereignissen auf.

Nach der großen Urlaubs- und Ferienzeit halten viele im September Ausschau: Was wird der Beruf im kommenden Schuljahr mit sich bringen? Was wird auf uns zukommen im Kollegenkreis, in der Begleitung von Schülerinnen und Schülern und Auszubildenden. Was tun, wenn in den kommenden Monaten die großen Ereignisse und Events mit großen Menschenansammlungen immer noch nicht stattfinden können? Wie wär's mit „hinter die Fassade schauen, Rollen ablegen und wesentlich, menschlich werden"? Auch wir können Hinterhofatmosphäre schaffen und Innenräume zeigen, in denen sich der Himmel öffnet und der Blick zu den Sternen freigegeben wird. Es ist auch gar nicht so schwer. Manchmal muss man sich nur über die gesteckten Aufgaben, Mauern und Zäune strecken, sich einladen lassen oder selbst eine Einladung aussprechen.

Möge es auch im kommenden Schuljahr viele Augenblicke des Glücks und vergoldete Hinterhof-Zeiten geben!

Text und Bilder:  Georg Deisenrieder