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Meditativer Impuls Oktober 2021

 

Angelpunkt im Wandel der Zeiten

 

Gerät im großen Wandel

die Welt aus der Angel?

Was ist der Mensch?

Wo bist Du, Gott?

„Du bist der Angelpunkt,

der unbewegt

den Wandel aller Zeiten trägt."

 

Es war vor knapp dreißig Jahren. Die dicke Haustüre aus massivem Fichtenholz war schnell zusammengezimmert. Aber woher sollten das Schloss und die Beschläge kommen, um das schwere Gewicht zu tragen? Zum Glück fand ich einen betagten Schlossermeister, der das alte Handwerk des Kunstschmiedens noch beherrschte und mir die Eisenbänder an die Form der Türe anpassen konnte.

Eigentlich sollte alles schlicht und einfach aussehen. Doch als ich mit diesem Mann der alten Schule am Kohlenfeuer stand, konnte ich nicht widerstehen. Mit jedem Hammerschlag verwandelte sich unter unseren Augen das glühende Eisen mehr und mehr in fließende Formen, Blüten und Ranken. Die göttliche Zahl „drei" begleitete uns. In der alten Schmiede erlebte ich ein unvergessliches Wechselspiel zwischen Handwerk und Kunst, Lebensphilosophie und Glaubensfragen, harter Arbeit und erholsamem Rasten. So oder ähnlich muss es in den Schmiedewerkstätten jahrhundertelang zugegangen sein, bis die industriell angefertigten und genormten Scharniere und Beschläge Einzug in unsere Häuser fanden.

Alles dreht sich um die Angel! Mit ihr kommt nicht nur die Türe in Bewegung, sondern alles Leben, das über die Schwelle tritt: Tiere und Menschen, von der Wiege und Bahre. Die Türangel steht auch als Symbol für Statik inmitten von Veränderung und Wandel: Die digitale Transformation unserer Gesellschaft schreitet in schnellen Schritten voran, der Klimawandel ruft zum radikalen Umdenken und Handeln auf. Mobilität und Migration bringen kulturelle und soziale Veränderungen mit sich. Die Inklusionsprozesse in unserer caritativ-sozialen Arbeit erfordern ein radikales Umdenken von der Erziehung zur Assistenz. Die Ergebnisse der Bundestagswahlen sagten uns kürzlich, dass sich Bürgerinnen und Bürger Veränderungen herbeisehnen. In der Kirche stehen ebenfalls Reformen und Veränderungen an, die vielleicht ähnliche Ausmaße haben werden wie damals im Zuge der Reformation im 16. Jahrhundert oder der Säkularisation im 19. Jahrhundert. Diejenigen, die alles beim Alten lassen wollen, verkennen die Dynamik, in der wir stehen. Der Wandel ist unaufhaltsam. Wie gut, dass sich was dreht!

Manchmal hat man aber auch den Eindruck, dass die Orientierung fehlt und etwas diese Welt aus den Angeln hebt. Wo ist der Fixpunkt, der Punkt, von dem alles ausgeht und auf den hin alles zustrebt? Was hat Bestand in allen Veränderungen und Transformationsprozessen? Was ist es, das „die Welt im Innersten zusammenhält"? Diese Frage beschäftigte nicht nur Goethe in seinem Meisterwerk „Faust". Im Stundenbuch der Kirche finden wir eine Antwort. Sie hat Auswirkungen auf unsere Wandlungsfähigkeit.

„Du starker Gott, der diese Welt
im Innersten zusammenhält,
du Angelpunkt, der unbewegt
den Wandel aller Zeiten trägt."

 

Text und Foto: Georg Deisenrieder