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Meditativer Impuls Oktober 2018

Balancieren auf schmalem Grat

Im Juli wanderten wir während unserer Bergexerzitien auf diesem Grat zwischen Heimgarten und Herzogstand. Wir alle kamen ins Staunen, als nach dichtem Nebel der Himmel aufriss und weit unter uns der Kochelsee und der Walchensee zum Vorschein traten. Zugegeben, trittsicher und schwindelfrei sollte man oben auf dem Grat schon sein – trotz der verbauten Sicherungsseile und Geländer.


Manchmal gleicht unser Lebensweg einer herausfordernden Wanderung auf einem schmalen Grat. Wie schnell kann man abrutschen oder gar abstürzen. Selbstüberschätzung oder auch Unsicherheit lassen einen manchmal die Balance verlieren. Wahrscheinlich ist dies jedem schon einmal passiert. Die kleinen Rutschpartien des Lebens sind meist kein Problem. Man rafft sich einfach auf und geht weiter. Wenn sich aber diese Fälle häufen oder Körper und Psyche erste Signale von Überforderung senden, ist ein besonders achtsamer Blick angesagt.
In unserem sozial-caritativen Tun ist es manchmal nicht möglich, nur eine Seite in den Blick zu nehmen. Da ist es eine besondere Gabe, die Balance auf dem schmalen Grat zu beherrschen, zum Beispiel

  • zwischen dem Blick auf den Nächsten und dem Blick auf sich selbst
  • zwischen dem Aussprechen eines kritischen Wortes und dem gutgläubigen Zulassen von Spannungen im Mitarbeiterteam
  • zwischen dem solidarischen Einsatz für das einzelne Kind und den Erwartungen der Gesellschaft
  • zwischen dem beherzten Einschreiten bei Diskriminierung von Flüchtlingen und dem Rückzug in den eigenen professionellen Kernbereich
  • zwischen der fürsorglichen, individuellen Begleitung des erwachsenen Menschen mit Behinderung in der Werkstätte und den ergebnisorientierten Bestrebungen der Auftragsgeber
  • zwischen dem vertrauten Blick nach hinten und dem mutigen Gehen nach vorne
  • zwischen Qualität und Quantität


Diese Aufzählung könnten wir wahrscheinlich sehr lange forsetzen. Die Kunst beim Wandern auf dem Grat liegt nicht in einem „entweder – oder" sondern in einem „zwischen – und ". Dazwischen sein, heißt auf lateinisch „Inter-esse". Wir dürfen mit Interesse gleichsam aus der Vogelperspektive auf die unterschiedlichen Seiten unseres Aufgabenberges schauen und zusammenbringen, was zusammengehört. Immer wieder gibt es auf dem Weg eine schöne Stelle, innezuhalten und den weiten Blick in den Horizont zu genießen. In Anlehnung an den Psalm 23 könnten wir beten: „Auch wenn ich wandere auf hohem Grat, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir. Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht".

Georg Deisenrieder
Pastoralreferent