« Zurück

Meditativer Impuls November 2018

Martin und die klugen Gänse

Nicht nur das Sozialpädiatrische Kinderzentrum St. Martin in Regensburg und die Jugendhilfestation St. Martin in Amberg dürfen sich in diesem Monat über ihren Hauspatron freuen; auch in vielen anderen KJF-Einrichtungen und Diensten wird am 11. November das Fest des Heiligen Martin gefeiert. Die Geschichte vom Teilen des Offiziersmantels mit dem armen Bettler ist überall auf der Welt bekannt. Dass auch nichtchristliche Kinder angetan sind von dem Mann, der auf seinem hohen Ross ein Auge und ein Herz hat für den frierenden Menschen neben ihm, zeigt die interreligiöse Ausrichtung vieler Laternenumzüge zum Martinsfest. Der Offizier, dem Christus in der Nacht mit dem abgeschnittenen Mantelstück erschien, ließ sich taufen, stieg vom hohen Ross, verließ die Armee und gründete 361 im gallischen Ligugé das erste Kloster des Abendlandes.

Die viel später – erst im 16. Jahrhundert - entstandene Legende von Martin und den Gänsen dürfte aber für unsere Arbeit aus pädagogischer, psychologischer und religiöser Sicht mindestens so interessant sein wie die historisch belegte Geschichte mit dem Bettler.

Bildnachweis: ©@nt - stock.adobe.com

Lassen wir den Gedanken ähnlich einer Märchendeutung freien Raum:

Martin, in dessen Herzen „nur Güte, nur Friede, nur Erbarmen" (Sulpicius Severus) wohnten, war sehr beliebt bei den Menschen. Sie wollten ihn zum Bischof machen, aber Martin fühlte sich nicht imstande, dieses Amt zu übernehmen.

War er zu bescheiden? Sah der Asket keine Möglichkeit, dem Bischofsamt ein neues Aussehen zu geben oder den Führungsstil zu ändern?

Wollte er sich nicht wieder über die vielen Menschen erheben oder auf das hohe Ross steigen?

Hatte er ein Idealbild von einer „Karriere nach unten", hin zu den Armen, so etwa, wie wir es ein paar Tage nach dem Martinsfest beim Fest der heiligen Elisabeth von Thüringen hören?

Sollte er sich nicht besser zurückgezogen als Abt inmitten seiner anwachsenden Mönchsgemeinschaft aufgehoben fühlen?

Was traute er sich selbst und seinem Leben mit Gott zu?

Wie argumentieren wir, wenn wir in der KJF, in einem Verein, in Kirche oder Politik angefragt werden, Verantwortung und Führung zu übernehmen?
„Keine Zeit!" taucht jedenfalls bei den vielen Martinserzählungen nicht auf.

 

Da Martin der Bischofsernennung durch das Volk entgehen wollte, suchte er Zuflucht in einem Gänsestall. Dort wollte er bis zur Dunkelheit bleiben.

Sich verstecken und wegducken, wenn es um die Herausforderungen und Realitäten geht: Das gleicht einem Rückzug in die Verantwortungslosigkeit des Mutterschoßes.

Die Angst vor dem Neuen ist oftmals stärker als die Rückendeckung und die Unterstützung durch die vielen Menschen neben mir.

Die Zeit nichts tuend auszusitzen, um in der Nacht unentdeckt fliehen zu können, ist keine Lösung für anstehende Entscheidungen.

 

Als Martin in den Stall eintrat, fingen die Gänse an zu schnattern. So wurde er schnell gefunden. Er willigte schließlich ein und wurde Bischof von Tours. Martin zog allerdings nicht in den Bischofspalast, sondern blieb in seiner Einsiedelei wohnen.

Gänse sind klug, nehmen feinste Geräusche sensibel wahr und sind Meisterinnen der Wachsamkeit. Wie wir sehen können, helfen sie mit im Heilsplan Gottes, damit das Verborgene entdeckt wird. Martin deutet das Schnattern der Gänse als Zeichen des Himmels, die ihm zugetraute Aufgabe zu übernehmen. Was sich vordergründig wie ein Verrat anfühlt, kann in Wirklichkeit eine Ermutigung sein, sich dem zu stellen, was Gott mit uns vorhat.

Wie viele Talente bleiben auch unter uns unentdeckt, weil sich Menschen in Bescheidenheit hüllen, lieber in ihren Ställen verkriechen und dort auf bessere Zeiten warten wollen. Die Legende von „Martin und die Gänse" zeigt, dass es manchmal krumme Wege gibt, seine eigene Berufung zu finden und sich ihr mutig zu stellen.

Vielleicht sollten wir, wenn es um die Wahl von tierischen Weggefährten geht, auch an Gans und Gänserich denken.

 

Georg Deisenrieder
Pastoralreferent