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Meditativer Impuls Juni 2018

Stairway to heaven

In diesen Tagen sieht man sie wieder in den Staudengärten: die Jakobsleiter, auch Himmelsleiter oder „stairway to heaven" genannt, mit ihren schönen, himmelblauen Schalenblüten. Sie erinnert an den biblischen Erzvater Jakob, der im Traum auf einer Leiter Engel zwischen Himmel und Erde auf- und absteigen sah.  
 
„Stairway to heaven", so heißt auch die Ballade  der Rockband Led Zeppelin aus den 70er Jahren mit dem genialen Gitarrensolo und der Sehnsucht nach der großen Einheit im Himmel. Auf dem Weg dorthin finden wir „die Frau, die wir alle kennen, die weißes Licht abstrahlt und zeigen will, wie alles zu Gold wird" - „There walks a lady we all know…".

Jochen Höller, Stairway to heaven, Installation in der Kirche St. Franziskus, Burgweinting, mit freundlicher Genehmigung (Foto: Georg Deisenrieder)

Zur Zeit ist in der Burgweintinger Kirche St. Franziskus die Installation mit dem gleichnamigen Titel „Stairway to heaven" zu sehen. Der Wiener Künstler Jochen Höller hat sie aus über 130 Bibeln in 13 verschiedenen Sprachen gestaltet. Diese über fünf Meter hohe, geschwungene Treppe lädt die Betrachterinnen und Betrachter ein, den Blick nach oben zu weiten und sich himmelwärts auszurichten. Höller sammelte die Bibeln aus Nachlässen und Wohnungsauflösungen, also Exemplare, die niemand mehr haben wollte, und fügte sie zu einer Skulptur zusammen. Damit gewann er den 1. Preis beim Wettbewerb „Transformiert statt ausrangiert" des Katholischen Bibelwerks Austria und dem Bibelwerk Linz.

„Transformieren statt ausrangieren" könnte ein Impuls für jeden spirituell Suchenden sein.  Wir leben in einer Zeit, in der die Sehnsucht nach der Weite des Himmels ungebrochen ist.  Schnell ist man dabei, sich eigene Bilder vom Himmel und der Erde, von Gott und Mensch zusammenzubasteln und zu glauben, es sei letztlich egal, auf welchen Leitern, Stiegen und Treppen man unterwegs ist, letztlich führten sie doch alle nach oben. Sagt nicht Papst Benedikt XVI. „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt"? Folglich gibt es auch unzählig viele Stairways to heaven.

Es macht jedoch Sinn, aufzuhorchen und genauer hinzusehen, ob tatsächlich alle Stairways Himmel und Erde miteinander verbinden. Wir brauchen Worte, Mut machende Worte, die uns Stufe um Stufe heben und uns jeden Tag neu bestärken zum Weitergehen. Ebenso sind Worte vonnöten, die einladen zum Stehenbleiben, zum Durchatmen und Kraftschöpfen. Lebensrettend sind Worte, die rechtzeitig warnen vor den morschen Leitersprossen des Lebens und auffordern zur Umkehr.

Worte wirken meist intensiver, wenn wir sie nicht nur lesen oder hören, sondern selbst aussprechen und verkünden. Wahrliche Transformationsprozesse laufen ab, wenn das Betrachten von biblischen Worten Gebet wird oder gar Lied. Dann gehen solche Worte schnell unter die Haut und erfassen das ganze Menschsein.

Dieses Transformieren von biblischen Worten geht nicht ohne den Blick auf den Anderen. Wer in das Evangelium eintaucht, taucht neben dem Menschen wieder auf. Jakob sah in seiner Vision von der Himmelsleiter die Engel auf- und absteigen. Aufsteigen kann nur, wer unten ist, auf der Erde, neben mir. Bist etwa Du der Engel, der zusammen mit mir die Stairway to heaven erklimmen möchte?

Georg Deisenrieder
Pastoralreferent