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Meditativer Impuls August 2018

Carpe diem

Genieße das Rauschen der Bäume
Spür unter ihrem Schatten
die Zärtlichkeit des leisen Windhauchs

Erde dich und strecke dich aus
Schau nach oben
Verleih deiner Seele Flügel
das Leben wird leicht

Frage nicht nach dem Morgen
Er sorgt für sich selbst
Lebe im Hier und Jetzt
Pflücke den Tag

Er ist ein Geschenk an
Dich

Georg Deisenrieder

Urlaub mit promenadologischem Genuss

August ist Urlaubszeit. Wir sind eingeladen, Dinge wieder zuzulassen und zu üben, die wir im Alltag verlernt haben, zum Beispiel das Spazierengehen. Das mag seltsam klingen, ist es aber bei genauerem Hinhören nicht. In der Zeit der alten Philosophen war es selbstverständlich, dass man spazieren ging. Im 6. Jahrhundert v. Chr. wandelten bereits die alten Pythagoreer in grünen Wäldern und Hainen, um sich selbst zu finden. Später nützten die Schulen des Aristotoles und der Stoa die Wandelgänge ihrer Gymnasien für das philosophische Diskutieren. Damals führte Spazierengehen zu gedanklichen Höchstleistungen.

Inzwischen gibt es eine relativ junge Wissenschaft, die sich mit dem Spazierengehen beschäftigt: die Promenadologie. Ihr Ziel „ist das konzentrierte und bewusste Wahrnehmen unserer Umwelt und dabei das Weiterführen des bloßen Sehens zum Erkennen… und die Umgebung wieder in die Köpfe der Menschen zurückzuholen." (Wikipedia).

In der heutigen, von Hektik und Stress geplagten, Zeit ist es geradezu eine besondere Leistung geworden, sich beim Spazierengehen von der größten Lehrmeisterin des Lebens, der Natur, ansprechen zu lassen und „die Umgebung wieder in die Köpfe der Menschen zurückzuholen". Das setzt freilich voraus, die Sinne des eigenen Kopfes zu schärfen, neu riechen, hören, schauen und schmecken lernen.

Die natürliche Welt ist so großartig, dass man in einem Park, am Ufer eines Flusses oder im Garten vor der Terrasse nichts anderes braucht als dieses achtsame Dasein mit Leib, Geist und Seele und allen Sinnen. Es ist so einfach und zugleich so schwierig geworden, um wieder in Einklang mit sich selbst zu kommen.

Spazierengehen ist eine gute Übung, um das Zusammenspiel der Muskeln und des Atems wahrzunehmen, den Kontakt mit der Erde zu spüren. Das Barfußgehen ist immer noch die einfachste, vielleicht auch die beste Fußreflexzonenmassage – und dazu noch gratis!

Im Gegensatz zum Wandern oder zum Pilgern ist das Spazierengehen absolut zweck- und zielfrei. Es geht nicht darum, Wegstrecken zu planen oder bestimmte Ziele zu erreichen. Man braucht auch keine besondere Ausrüstung oder Kleidung. Spazierengehen kommt eher dem Herumstreunen nahe: sich ziellos und frei bewegen, sich von den Dingen ansprechen lassen, die diese Welt bereithält. Es lädt ein, die vielen kleinen Wunder zu entdecken. Eine Haltung der Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer gewinnt Raum. So wird das Spazierengehen zum Gebet.

Georg Deisenrieder
Pastoralreferent