« Zurück

Lernwerkstatt der KJF schließt Versorgungslücke

Junge Menschen mit Autismus auf dem Weg ins Berufsleben

Junge Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung müssen an der Schwelle ins Berufsleben besondere Herausforderungen meistern. Sie brauchen professionelle Unterstützung, um sich beruflich zu orientieren und eine Ausbildung beginnen zu können. Die Beraterinnen im Netzwerk Autismus Niederbayern/Oberpfalz GmbH und der Kinderarzt Harald Rabe aus dem Regensburger Kinderzentrum St. Martin haben an dieser Schwelle eine Versorgungslücke festgestellt. Welche Empfehlung sollen sie aussprechen, wenn sich ein junger Autist oder eine Autistin beruflich orientieren möchte? Seit kurzem gibt es diese Empfehlung. Denn die Lernwerkstatt der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) in Regensburg bietet eine Maßnahme zur beruflichen Orientierung speziell für junge Menschen im Alter von 15 bis 25 Jahren mit einer Autismus-Spektrum-Störung an.

Sozialpädagoge Ingo Schneider mit einem Maßnahmeteilnehmer im Modul A für Autisten bei der täglichen Unterrichtseinheit am PC.

„Die Lernwerkstatt ist ein sehr guter Ort für diese Maßnahme."

Das stellt Heike Vogel, Sozialpädagogin und Beraterin im Netzwerk Autismus, heraus. „Denn hier gibt es erfahrene Fachkräfte, die seit über zwei Jahrzehnten junge Menschen mit einer Beeinträchtigung dabei unterstützen, ihre Stärken und Fähigkeiten zu finden, ihre Interessen und Neigungen in berufsfeldbezogenen Tätigkeiten zu erproben und sich beruflich zu orientieren." Und genau das brauchen junge Autisten nach der Schule auch, denn – und das ist die Erfahrung von Heike Vogel ebenso wie von Harald Rabe aus dem Kinderzentrum St. Martin – sie sind häufig nicht so weit, eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme oder gar eine Ausbildung beginnen zu können.

Heike Vogel und Harald Rabe, ärztlicher Psychotherapeut, haben erkannt, dass großer Bedarf besteht, jungen Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung einen niederschwelligen Einstieg in das Berufsleben zu bieten. Sie waren sich einig, dass es um eine Annäherung an Arbeit und Beruf gehen müsse, um eine Art der Berufsvorbereitung, die diesem Personenkreis in besonderer Weise entspricht. Es entstand die Idee, einen Partner ins Boot zu holen, der dafür qualifiziert ist und die erforderlichen Rahmenbedingungen bereitstellen kann. Hubert Schmalhofer, Einrichtungsleiter der Lernwerkstatt der KJF, überlegte nicht lange: „Wir stellen die Versorgung sicher. Das passt gut in unsere Angebotsstruktur und wir können vorhandene Ressourcen in 12 Berufsfeldern nutzen, um die Teilnehmerinnen und -teilnehmer ausprobieren zu lassen, was ihnen liegt. Darüber hinaus geht es wie bei allen jungen Menschen mit Förderbedarf um die Vermittlung von sozialen und beruflichen Schlüsselkompetenzen." So wurde die vorhandene Maßnahme „Modul A" in der Lernwerkstatt für den Personenkreis Autisten in Zusammenarbeit mit Rabe und Vogel weiterentwickelt. Modul A ist ein niederschwelliges Angebot zur beruflichen Orientierung für benachteiligte Jugendliche und junge Erwachsene mit erheblichem Unterstützungsbedarf. Einrichtungsleiter Hubert Schmalhofer ist froh, dass in guter Zusammenarbeit mit der örtlichen Jugendhilfe und dem Jobcenter die für benachteiligte junge Menschen erforderliche Unterstützung bereitgestellt werden kann.

Hohes Maß an Individualität ist gefragt

Schon bald hat Ingo Schneider festgestellt, was die Teilnehmer brauchen. Aktuell arbeitet der Sozialpädagoge in der Lernwerkstatt mit zwei bis drei Jugendlichen mit Autismus und jeder von ihnen braucht etwas anderes. Deshalb gestaltet er sehr individuell, womit sie sich beschäftigen. „Meistens beginnen wir mit einer Unterrichtseinheit am Computer", so Schneider. Dann aber müsse er den unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden. Handwerkliche Arbeit, kreatives Arbeiten, hauswirtschaftliche Tätigkeiten stehen auf dem Programm. „Wir orientieren uns an den Stärken der jungen Menschen, üben individuell Tätigkeiten ein und fördern lebenspraktische Fähigkeiten. Dieses sehr hohe Maß an Individualität ist für die Teilnehmer wichtig", sagt Schneider. Deshalb wurde das Angebot auch in einem kleinen Gruppensetting ermöglicht. Der Tagesablauf muss ritualisiert und strukturiert werden. Erkennbare Routinen verfestigen sich und schaffen Sicherheit. Das ist der Rahmen dafür, soziale Kompetenzen zu erwerben, soziale Interaktion einzuüben, Regeln zu verstehen und die kommunikativen Kompetenzen zu erweitern. Die jungen Menschen gewinnen Handlungskompetenzen für eine Arbeitserprobung und daraus können sich berufliche Perspektiven entwickeln. Letztendlich geht es darum, sie für eine Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme beziehungsweise. eine Ausbildung fit zu machen oder sie zu unterstützen, einen Schulabschluss zu bekommen.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Lernwerkstatt werden regelmäßig durch die Beratungsstelle des Netzwerk Autismus geschult. Der Kinderarzt und ärztliche Psychotherapeut Harald Rabe steht zur Verfügung und begleitet die Maßnahme bei Bedarf therapeutisch. Er hat sich in St. Martin, dem Sozialpädiatrischen Zentrum der KJF in Regensburg, über viele Jahre mit Autismus-Störungen beschäftigt. Er ist erfahrener Ansprechpartner, bietet Supervision an und begleitet Eltern. In diesem professionellen Netzwerk ist nun mit der Lernwerkstatt als Bildungs- und Ausbildungspartner die Versorgungslücke für junge Menschen mit Autismus an der Schwelle ins Arbeits- und Berufsleben geschlossen.

Text und Bild: Christine Allgeyer