Jugendliche im Lockdown

Wir sind aktuell in vielen Lebensbereichen drastisch eingeschränkt. Besonders junge Menschen erleben dies in aller Härte. Wie geht es ihnen? Wie kommen sie zurecht zuhause im Lockdown und mit der geschlossenen Schule? Sie treffen kaum noch Freunde und Verwandte, können nicht mehr im Verein aktiv sein, nicht mehr ins Kino, zum Skifahren oder einfach mal bummeln und shoppen gehen.

Jugendliche bringen auf den Punkt, was sie vermissen

Die 10 Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Eltern der Katholischen Jugendfürsorge in Niederbayern und der Oberpfalz sind nach wie vor nah bei den Familien und jungen Menschen verschiedener Altersgruppen. Denn die Beratungsstelle ist weiterhin für alle Kinder, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Eltern geöffnet. Es finden neben Telefon- und Videoberatungen nach wie vor viele persönliche Gespräche statt. Und darin bringen die Jugendlichen oft sehr genau auf den Punkt, was sie vermissen, worunter sie leiden. Manche sehen in der Krise aber auch Chancen für ihre persönliche Entwicklung.

Julia (14)

Ich vermisse echt das Zusammentreffen und gemeinsame Unternehmungen mit meinen Freundinnen. Verbringe halt verdammt viel Zeit am Handy. Das passt nicht nur meinen Eltern nicht, sondern mir selbst auch überhaupt nicht. Ich möchte das irgendwie gern verändern und die Zeit anders nutzen. Was ich umso mehr gespürt habe, ist, dass ich mir sehr einen eigenen Hund wünsche, um den ich mich kümmern könnte und der mein „Begleiter" sein könnte. Echt traurig war, dass ich an Weihnachten diesmal nicht meine Großeltern besuchen konnte.

Patricia (18)

Ich weiß nicht, wie ich durch diese Zeit kommen soll. Ich habe keine persönlichen Kontakte und so sitze ich fast nur zu Hause herum und schaue Filme. Ich treffe also nur meine Mutter, und die sagt mir dann ständig, was ich tun und was ich nicht tun soll. Ich kann nicht weggehen, keine neuen Kontakte knüpfen! Dabei wünsche ich mir neue Freunde! Dazu kommt noch die Enttäuschung über Zensuren, die nicht so ausgefallen sind, wie ich dachte. Ich weiß gerade nicht, wie ich weitermachen soll.

Paul (17)

Als ich 16 wurde, konnte ich endlich mal richtig leben. Konnte neue Freiheiten genießen, z.B. mich mit Freunden im Bauwagen treffen, was trinken, einfach locker Spaß haben. Und vor allem fortgehen in die Disco oder auf meine erste echte große Silvesterparty im Nachbarort beim Dorfwirt. Das hatte hammermäßig Spaß gemacht! Und jetzt – Silvester musste ich bei der Mama zuhause sitzen – nach der Trennung meiner Eltern. Und dazu kein Fußballverein, kein sich auspowern mit anderen! Wenn das so weitergeht, drehe ich noch durch! Ich habe Schlafstörungen und möchte endlich wieder mit Spaß leben!

Florian (18)

Also, mir hat die Corona-Zeit geholfen, „a bisserl a anderer Mensch" zu werden. Mit 16/17 war´s mir in der Freizeit nur um Fußball und ums Fortgehen und Saufen gegangen. Gedanken übers Leben hatte ich mir gar keine gemacht. Mit dem ersten Lockdown habe ich dann plötzlich erkannt, dass es noch viel mehr im Leben gibt, vor allem auch Dinge, für die ich dankbar sein kann. Besonders dankbar bin ich für das, was meine Mutter alles für mich schon getan hat im Leben. Und ich bin vom Alkohol losgekommen, weil ich beim Fortgehen immer nur getrunken hatte. Denke, ich bin reifer geworden durch die Corona-Geschichte. Aber natürlich will ich auch wieder Fußball spielen können und Leute treffen.

 

Risiken und Chancen

Es ist natürlich schön, wenn sich junge Leute – wie der 18jährige Florian – durch die Corona-Krise gut weiterentwickeln können. Beispielsweise dankbar zu sein für Dinge, die man als selbstverständlich angesehen hat, tut nicht nur jungen Menschen gut, sondern uns allen, oder einfach mal für sich in der Natur zu entspannen, zu „chillen".

Aber die meisten Teenager vermissen die Freiheit und Unbefangenheit der Jugendzeit. Sie leiden unter den Einschränkungen, erleben vielfach Einsamkeit und Zukunftsängste. Studien bestätigen, dass sich mehr als 70% der Jugendlichen durch die Corona-Krise seelisch belastet fühlen. Kontakte zu Gleichaltrigen sind für ihre Persönlichkeitsentwicklung äußerst wichtig. Neben den Eltern sind Gleichaltrige sehr bedeutsam dafür, emotionale Sicherheit zu erlangen. Dass die Jugendlichen auch auf digitalem Wege viele Kontakte pflegen, ist sicher hilfreich, aber nicht alles ersetzend. Sollte bei einem Jugendlichen die Stimmung über längere Zeit getrübt sein, ist es ratsam hinzuschauen, ob sich nicht eine Depression anbahnen könnte. In diesem Fall sollte lieber früher als später fachliche Unterstützung aufgesucht werden.

 

Eltern können helfen – auch wenn sie selbst mit der Situation kämpfen

Wenn sich Jugendliche um einen Teil ihrer Lebensqualität betrogen fühlen, sollten Eltern Verständnis zeigen – auch wenn die Situation für sie selbst gerade belastend und fordernd ist. Junge Leute haben meist noch weniger gelernt mit Krisen umzugehen und benötigen dafür oftmals noch Hilfestellung. Es bewährt sich, immer mal wieder das Gespräch mit ihnen zu suchen. Dies sollte dann allerdings in einem guten Moment sein, und nicht in einer Situation, in der die Nerven bei allen „blank liegen". Für die Eltern ist es momentan oftmals besonders schwierig, das Familienleben zu managen, wenn neben der Arbeit die Kinder zuhause sind, und Homeschooling sie zu Assistenzlehrern macht. Der erlebte Stress potenziert sich besonders, wenn die Wohnverhältnisse beengt, die Möglichkeiten, die Zeit im Freien zu verbringen, eingeschränkt sind und entspannende Ausgleichsmöglichkeiten wegbrechen. Die Familienatmosphäre wird dann schnell zum zusätzlichen Stressor für alle. Jugendliche sind nachweislich besonders belastet, wenn die Eltern gestresst und überfordert sind. In jedem Fall sollten die Eltern den Gesprächskontakt mit ihren Jugendlichen nicht längere Zeit abreißen lassen – selbst wenn diese sich abweisend verhalten. Die gemeinsame Suche nach den besten Lösungen kann jedem in der Familie helfen.

 

Gut für sich sorgen

Junge Leute sind oftmals kreativ dabei, gut für sich zu sorgen, und es ist höchst unterschiedlich, was ihnen – besonders auch in schwierigen Zeiten –  gut tut. Für die einen ist es besonders der Sport (z.B. Joggen oder ein „Workout" zuhause), für die anderen das Telefonieren mit Freunden, das Kuscheln mit der Katze, Musik hören oder Tanzen im eigenen Zimmer, etwas Handwerkliches oder Künstlerisches gestalten – um nur ein paar Beispiele zu nennen, die aktuell möglich sind.

In jedem Fall ist es wichtig, die Kontakte weiter zu pflegen – momentan zumindest über Telefonieren, Chatten, „Skypen" oder Online-Spiele.

 

Etwas Neues für sich entdecken

Im allerbesten Fall entdeckt man ganz neue Dinge für sich – vielleicht eine Sportart, die ich zuhause übers Internet z.B. mit YouTube-Anleitungen ausprobiere? Gymnastik mit Musik, Qigong, Tai-Chi? Oder eher Yoga und Entspannungs­übungen, die dabei helfen, mal „runterzukommen"?

Sich schöne Gedanken machen und Zukunftspläne schmieden, kann man außerdem auch immer. Das Internet eröffnet einem zur Unterstützung eine schier unbegrenzte Welt spannender Entdeckungen. Beispielsweise für Jemanden, der unternehmungs­lustig und reisefreudig ist, könnte ein Projekt sein: Wo möchte ich in meinem Leben mal hinreisen? Welche Länder, Städte, Traumstrände sollen mal „meine" werden? Vielleicht macht es ja Spaß, Fotos schöner Ziele anzusehen und eine ganze Liste von Reiseplänen zu erstellen – egal, ob man diese schon dieses Jahr oder irgendwann einmal umsetzen wird.

Und wer z.B. Musik mag, kann die schier unbegrenzten Möglichkeiten nutzen, immer wieder Musik und Videoclips zu finden, die einen faszinieren. Aber vielleicht entdeckt man ja auch noch einen ganz anderen, neuen Interessensbereich für sich.

 

Unterstützung annehmen

In jedem Fall ist es wichtig, möglichst gut für sich zu sorgen. Gelingt einem das nicht mehr „wie von selbst", ist es ratsam, sich auch mal Unterstützung zu holen. Junge Leute dürfen auch ohne ihre Eltern z.B. in die „offene Sprechstunde" kommen.

Außerdem sind die Teams der Beratungsstellen im Chat regelmäßig erreichbar.

Dr. Joachim Weiß
Diplom Psychologe

Leiter der Beratungsstelle
für Kinder, Jugendliche und Eltern Rottal-Inn