Meditativer Impuls April 2019

Verwurzelung

Eine Wandergruppe sitzt um den Stamm eines mächtigen Baumes. Sie findet einen Ruheplatz, beschirmt von mächtigen Ästen und einem bezaubernden Blattwerk. Man kann sich selbst vor seinem inneren Auge ausmalen, wie tief und weitverzweigt die Wurzeln dieses Baumes unter der Erde sein mögen, damit eine so prächtige Krone entstehen kann. Bei diesem Wunderwerk der Schöpfung ist es ein Genuss, zu rasten und verweilen.

Feste Wurzeln unter den Füßen zu spüren und verwurzelt zu sein, gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Nur wer tief in der Erde verankert ist und festen Boden unter den Füßen hat, kann hoch hinauswachsen, sich des Lebens freuen und Schutz für andere sein.

Kürzlich gab es im Exerzitienhaus Schloss Hirschberg bei Eichstätt eine Ausstellung über Simone Weil (1909-1943), die französische Philosophin, Sozialrevolutionärin, Mystikerin, die sich für die Einheit von Politik und Religion einsetzte und von der Heinrich Böll sagt: „Ich bin ihr nicht gewachsen, intellektuell nicht, moralisch nicht, religiös nicht." (in: Eine Last auf meiner Seele, S. 28). In ihrem letzten Werk „Die Verwurzelung" schreibt Simone Weil:

„Die Entwurzelung ist bei weitem die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft.

Wer entwurzelt ist, der entwurzelt.
Wer verwurzelt ist, entwurzelt nicht.
Die Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und meistverkannte Bedürfnis
der menschlichen Seele."

Welche Kraft in der Verwurzelung steckt, sehen wir jeden Tag in und außerhalb der caritativ-sozialen Arbeit. Sie ist ein wichtiges pädagogisches Leitmotiv, das wir vor allem jungen Menschen mit auf dem Weg geben wollen: stabile Beziehungen in und außerhalb der Familie, die Wurzeln schlagen und einen festen Boden unter den Füßen spüren lassen. Andererseits sehen wir tagaus tagein, wie Lebensbäume ins Wanken kommen, wenn Wurzeln gekappt werden, etwa durch gehäufte Lebensbrüche, durch heimatloses Unterwegssein, Arbeitslosigkeit, Flucht und Vertreibung oder durch den Tod eines geliebten Menschen.

In der Kirche Laub/Zeitlarn bei Regensburg hat der Künstler Albert Fromm aus Parsberg im Altarraum einen riesigen Lebensbaum gemalt. Inmitten dieses Baumes hängt das Kreuz. Es hat seine beängstigende Wirkung verloren. Golden leuchtet es uns entgegen, eins geworden mit dem mächtigen Wurzelwerk und den weit ausladenden, Früchte bringenden Zweigen und Ästen.

Der Weg auf Ostern lädt uns ein, auf den eigenen Lebensbaum zu schauen. Vielleicht finden auch wir wie Simone Weil Kraft und Halt in Christus, der sich solidarisiert mit der Menschheit, alle gekappten Wurzeln kennt und im Holz des Kreuzes, dem Baum der Erlösung, neue schlagen lässt.

Einen gesegneten Weg auf Ostern zu wünscht

Georg Deisenrieder

Fotos:

  • Baum neben der Wallfahrtskirche St. Anna, Mühlberg bei Windischeschenbach, Georg Deisenrieder
  • Lebensbringendes Kreuz, von Albert Fromm 2002, Wandbild und Kruzifix, Unsere Liebe Frau von der guten Heimkehr, Laub, © mit freundlicher Genehmigung von Anton Brandl, München