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Hilferuf für alle, die Dienst am Menschen leisten

KJF-Direktor Michael Eibl fordert politisch Verantwortliche heraus

Sind unsere politischen Entscheidungsträger überrascht von den hohen Infektionszahlen? Warum warten wir gerade jetzt auf klare Vorgaben und ein Krisenmanagement mit Prioritäten? Fassungslos nehmen wir wahr, dass die politisch Verantwortlichen nicht in der Lage sind, nach fast 2 Jahren Krisenerfahrung in der Pandemie, die so dringend erforderlichen Maßnahmen zu treffen. Die Situation unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den helfenden Berufen unserer Sozial- und Gesundheitseinrichtungen spitzt sich dramatisch zu. Wenn wir sie im Kampf gegen die Pandemie verlieren, gibt es keine Hoffnung für unzählige Menschen, die ums Überleben kämpfen und es gibt keine Perspektive für besonders vulnerable und schutzbedürftige Menschen, keine Perspektive für sozial Benachteiligte, die noch mehr an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt werden. Ein Armutszeugnis für unseren Sozialstaat.

Alle, die seit über 18 Monaten unter besonders erschwerten Bedingungen Dienst direkt an ihren Mitmenschen leisten, sind nicht überrascht von den aktuell steigenden Inzidenzen! Nach vielen Monaten psychischer und körperlicher Belastungen in extremen Situationen sind sie an ihre Grenzen gekommen. Denn je intensiver sie Menschen betreut, gepflegt und während der Pandemie versorgt haben, desto mehr Belastungen waren sie ausgesetzt. Sie alle, unsere Erzieherinnen, Erzieher, Pflegekräfte, in der Sozialarbeit Tätige, Sonder- und Heilpädagogen, Ärztinnen und Ärzte, Intensivpflegerinnen und viele, viele mehr halten das gesellschaftliche Leben aufrecht. Mehr noch, sie fördern, bilden, erziehen unsere Angehörigen, unsere Kinder mit Behinderung, die Senioren. Sie stellen die medizinische Versorgung sicher, sie pflegen und betreuen. Sie schenken Mitmenschlichkeit und Fürsorge, sie sind die stabilsten Partner in dieser Krise und riskieren dabei ihre eigene Gesundheit. Den Titel „systemrelevant" hat man ihnen gegeben, doch dieser bleibt hohl und leer. Welch ein Zynismus! Homeoffice, Arbeiten im Büro ohne Kundenkontakt sind für sie Fremdworte. Erschöpfungszustände, Überlastungsanzeigen, auch Kündigungen sind keine Seltenheit mehr.

Es geht jetzt darum, besonders diesen Menschen in helfenden Berufen eine klare Perspektive zu geben. Krisenmanagement braucht klare Prioritäten. Wir brauchen wieder kostenlose Tests für alle Bürgerinnen und Bürger! Wir brauchen kleine Corona-Prämien ohne Bürokratie in allen helfenden Berufen statt große Prämien mit hohem Bürokratieaufwand für wenige! Menschen in helfenden Berufen sind Realisten und verstehen auch die kleinen Gesten. Da eine Impfpflicht nicht möglich und auch nicht erfolgversprechend erscheint, müssen wir überzeugen und informieren. Wo bleiben die kreativen sympathischen Werbekampagnen für die Impfung? Wo bleiben klare Vorgaben für Bürgerinnen und Bürger, bei denen eine Impfung nicht möglich ist? Wo bleibt für sie ein überprüfbares Testkonzept, das nicht als Bevormundung, sondern als Fürsorge verstanden wird? Die schwer erkrankten Ungeimpften auf den Intensivstationen wären heute dankbar dafür.

Volle Stadien und volle Intensivstationen sind nicht vereinbar. Es geht für viele schlicht ums Überleben! Ohne die helfenden Berufe wird das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben zusammenbrechen, noch mehr Menschen werden schwer erkranken, abgehängt oder sogar sterben. Es ist an der Zeit, nicht nur die Freiheit, sondern auch die Verantwortung von jedem einzufordern!

Michael Eibl
Direktor
Katholische Jugendfürsorge Regensburg