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Ein Mikrokosmos der helfenden Hände

Das Antoniusheim – seit 88 Jahren Lebensraum für Menschen mit Behinderung

Ein Mikrokosmos der helfenden Hände

Das Antoniusheim Münchshöfen feiert: 88 Jahre sind vergangen, seitdem Pfarrer und Begründer Georg Stelzer den Pachtvertrag für ein Kurhotel unterschrieb, um dort einen Lebensraum für geistig behinderte und psychisch kranke Frauen zu schaffen. 88 Jahre mit bewegter Geschichte und 88 Jahre beispielhaften Engagements. 88 Jahre, die auch einen Aufbruch markieren - bis zum 100. Ehrentag will sich das Antoniusheim neu aufstellen.

KJF-Direktor Michael Eibl (re.)  mit Bewohnerinnen und Bewohnern des Antoniusheim. Sie überlegen und bringen es auf die Bühne: Wie soll unser neues Zuhause aussehen? Michael Eibl versichert: "Wir planen mit euch!"

Der Hl. Antonius hat viele Aufgaben. Er gilt unter anderem als Schutzheiliger für die Frauen, ist Patron der Armen genauso wie der Sozialarbeiter und soll zu einem hohen Alter verhelfen. Es passt, dass vor 88 Jahren ausgerechnet am Ehrentag des Hl. Antonius ein leer stehendes Kurhotel eine neue Bestimmung fand – und auch gleich einen neuen Namen: Die Geburtsstunde des Antoniusheims in Münchshofen, heute eine Einrichtung in der Trägerschaft der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Regensburg e. V.

Zur 88-Jahr-Feier hatte Einrichtungsleiter Patrick Uhl viele Freunde und Förderer eingeladen. Der Direktor der Katholischen Jugendfürsorge, Michael Eibl, begrüßte die Ehrengäste, darunter Bezirkstagsvizepräsident Franz Schedlbauer, stellvertretende Landrätin Barbara Unger, Bürgermeister Ewald Seifert sowie die Pfarrer Dr. Peter Maier und Bischöflich-Geistlicher Rat Ludwig Bumes. Aus dem Verwaltungsrat der KJF waren vertreten Max Harreiner, Gerhard Nestler, Professor Dr. Josef Eckstein und Herbert Sinz. Sie alle sind gefragt, wenn es um die Zukunft des Antoniusheims geht. Neue gesetzliche Vorgaben und das Thema Brandschutz führten zu der Frage: Generalsanierung oder Neubau? Entschieden ist bereits, dass neu gebaut wird und Eibl stellte heraus, dass man den Weg in die Zukunft nur gemeinsam mit den Partnern meistern könne. Bezirk, Landkreis, Gemeinde und auch die Pfarrgemeinde – sie alle leisten einen wichtigen Beitrag, damit das Antoniusheim zukunftsfähig aufgestellt werden kann. „Hand in Hand mit den Vertretern aus der Politik", nur so sei das zu bewältigen, sagte Eibl und bedankte sich herzlich für die Unterstützung.  Einrichtungsleiter Patrick Uhl fügte den Dank an die 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie an die aus der Gemeinde Oberschneiding ehrenamtlich Engagierten hinzu.

Bezirkstagsvizepräsident Franz Schedlbauer und Landrätin Barbara Unger zollten den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ihren Respekt und ihre Anerkennung. „Sie gehen mit Leidenschaft und Herzenswärme ans Werk", so Schedlbauer. Das Antoniusheim sei ein sehr gut geführtes Haus, das von den Menschen in der Region geschätzt werde. Bürgermeister Ewald Seifert unterstrich dies in seinem Grußwort. Besonders freue er sich über die offizielle Bekanntgabe den Neubau betreffend. „Das ist ein Schritt, der der Einrichtung gut tut und allen eine gesicherte Zukunft bietet. Das Antoniusheim ist ein krisensicherer, heimatnaher Arbeitsort", stellte er heraus, „die Mitarbeiter sind der Segen dieses Hauses."
Oberschneidings Pfarrer Dr. Peter Maier und Pfarrer Ludwig Bumes ließen die Geschichte des Antoniusheims Revue passieren. Pfarrer Maier beschrieb das enge Miteinander der Pfarrgemeinde und der Einrichtung als Erfolgsgeschichte. Was dort nicht alles gemeinsam veranstaltet wird: Palm- und Kräuterbuschen binden, viele gemeinsame Feiern und Aktionen im kirchlichen Jahreskreis.

Ein Zuhause für ein ganzes Leben
Das Antoniusheim ist ein Zuhause für Erwachsene mit Hilfe- und Pflegebedarf – sei es aufgrund einer geistigen oder mehrfachen Behinderung, einer psychischen Beeinträchtigung oder auch Krankheitsbildern wie Demenz. Denn seit 2001 gibt es im Antoniusheim neben Wohnheim und Förderstätte auch einen Pflegebereich. „Ein junger Erwachsener, der mit 18 Jahren zu uns kommt, kann auch bleiben, wenn er im Alter pflegebedürftig wird", erklärt Einrichtungsleiter Patrick Uhl. Ein Zuhause, ein Leben lang. „Bei meinen Besuchen im Antoniusheim spüre ich, mit welch hoher Motivation und Leidenschaft sich die Mitarbeiter für schwerstbehinderte Menschen engagieren. Für mich ist das eine hohe Professionalität in Verbindung mit menschlicher Zuwendung", sagt KJF-Direktor Michael Eibl.
Dabei musste das Antoniusheim gleich zehn Jahre nach seiner Gründung das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte hautnah miterleben. 1941 wurden viele Bewohnerinnen im Zuge des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten abtransportiert und in der Nähe von Linz ermordet. „Die KJF hat vor wenigen Jahren an diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit erinnert, mit Bewohnern und Mitarbeitern die Gedenkstätte Hartheim besucht und im Antoniusheim zwei Säulen, die gemeinsam erarbeitet wurden, aufgestellt. Unser Satz für das Gedenken hieß: „Ihr habt einen Platz in unserem Herzen‘", so Eibl.

Erst nach Kriegsende kehrten Menschen mit Behinderung zurück nach Münchshöfen. Von 46 Bewohnern im Jahr 1946 stieg die Zahl bis Ende der 50er Jahre auf 183. Die Zeit der Baustellen beginnt. Ein neues Wohnheim entsteht, 1992 wird die Förderstätte eröffnet, 2001 der Wohnpflegebereich, 2006 übernimmt die KJF die Trägerschaft vom Bischöflichen Stuhl in Regensburg. Heute wohnen rund 100 Menschen im Antoniusheim.

Für Uhl markierte der Festtag auf halbem Weg zwischen 75. und 100. Jubiläum aber auch einen Auftakt. „Dass wir das Pflegeheim neu bauen, ist beschlossene Sache", sagt er. Denn das Antoniusheim ringt mit zahlreichen Auflagen, Brandschutz, dem Pflegewohn-qualitätsgesetz, den ganz grundsätzlichen Rahmenbedingungen. Vier Gruppen seien derzeit verteilt auf vier Etagen in zwei Gebäuden. Fällt jemand beim Betreuungspersonal krankheitsbedingt aus, könne man aktuell nicht ausreichend flexibel reagieren. Ob auch Wohngruppen und Förderstätte neugebaut werden, ist noch unklar. Ein Umbau zeichnet sich aufgrund der vielen Vorgaben als kompliziert ab. Noch wird aber geprüft.

Ein Mikrokosmos der helfenden Hände
Dabei ist Uhl eines wichtig: Das Miteinander darf auf keinen Fall leiden. Er spricht von einem „guten Geist", von einem Mikrokosmos, in dem jeder dem anderen die helfende Hand reicht. Nur in einer solchen Umgebung können Erfolgsgeschichten entstehen wie beispielsweise die einer früheren Reinigungskraft im Antoniusheim. Inspiriert durch den täglichen Umgang mit den Bewohnerinnen und Bewohnern hat sie nach etlichen Jahren im alten Beruf eine Ausbildung zur Pflegefachkraft begonnen und steht nun kurz vor dem Abschluss.
Das Antoniusheim ist eine kleine heile Welt am Waldrand. Heil ja, abgeschottet nein. Erledigungen, Ausflüge, Feste und Veranstaltungen führen die Bewohnerinnen und Bewohner in die Nachbargemeinden oder holen diese zu sich nach Münchshöfen – zum Beispiel am kommenden Sonntag, 17. Juni 2018. Beim Tag der offenen Tür mit großem Sommerfest heißt das Antoniusheim alle Gäste herzlich willkommen. Und auch „die Menschen noch mehr in die Orte rauszubringen, für mehr Teilhabe am Leben dort" ist ein weiteres von Uhls großen Zielen. Eine zweite Wohngruppe in Straßkirchen, wo Alltag mit der Infrastruktur einer Kleinstadt möglich ist, ist schon in Planung.

Für Uhl steht fest: „Bis zum 100. Geburtstag stellen wir uns neu auf."

Text: Christine Wüst, Christine Allgeyer
Bilder: Christine Allgeyer