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Ein falsches Bild der schulischen Inklusion

Methodische Mängel im Lagebericht "unterwegs zur inklusiven Schule" der Bertelsmann Stiftung

In ihrem Lagebericht 2018 Ausbildung aus bildungsstatistischer Perspektive mit dem Titel „Unterwegs zur inklusiven Schule" gibt die Bertelsmann Stiftung ein falsches Bild der schulischen Inklusion in Bayern wieder. Sie stellt lediglich fest, inwieweit Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen der Zugang zu allgemeinen Schulen ermöglicht wurde und gibt eine Exklusionsquote an für Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf, die „separiert in Förderschule unterrichtet werden". Dabei berücksichtigt die Studie nicht, dass in Bayern eine Vielzahl von Schülerinnen und Schülern mit und ohne Förderbedarf gemeinsam inklusiv an Förderschulen unterrichtet werden. Der bayerische Weg der Inklusion setzt auf ein Bildungssystem, in dem Förderschulen ihren festen Platz haben.

Dies geschieht durch offene Klassen an Förderschulen und durch Partnerklassen von Regelschulen an Förderschulen. Darüber hinaus werden Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf in Partnerklassen an Regelschulen unterrichtet, die in der Studie ebenfalls nicht erfasst werden. Diese inklusiven Schulformen haben in Bayern längst das Projektstadium verlassen und sind gesetzlich verankert. Auf dieser Basis haben in Bayern bisher 63 Förderschulen das Profil Inklusion erhalten. Die hohe sonderpädagogische und heilpädagogische Kompetenz der Förderzentren wird damit anerkannt – der Status der Förderzentren in einem inklusiven Bildungssystem gestärkt. Kommt diese doch bedarfsorientiert und spezifisch in Bezug auf alle Behinderungsarten jedem einzelnen Kind zugute. Umso verwunderlicher ist es, dass die Bertelsmann Stiftung diese wichtige Entwicklung ausblendet. Denn sie geht davon aus, dass Inklusion nur an allgemeinen Schulen stattfinden kann.

An anderer Stelle respektiert die Studie sehr wohl aktuelle Entwicklungen. So stellt sie richtig fest, dass die Inklusionsquote an allgemeinen Schulen nur noch begrenzt aussagefähig ist, weil eine ganze Reihe von Bundesländern zumindest während der ersten Schuljahre auf die Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs verzichtet. Zum anderen wird richtig festgestellt, dass in den allgemeinen Schulen bei einer wachsenden Zahl von Kindern und Jugendlichen ein sonderpädagogischer Förderbedarf diagnostiziert wurde. Deshalb verabschiedet sich die Studie vom Indikator „Inklusionsanteil" und konzentriert sich auf eine zumindest in Bayern nicht korrekt festgestellte Exklusionsquote.

Die Schlussfolgerung der Studie, dass die Exklusionsquote die allein relevante Kennziffer für das Ausmaß von Inklusion sei, entlarvt die Studie im bundesweiten Kontext letztlich als unhaltbar. Zum einen schließt sie Förderzentren als inklusive Förderorte aus, wie dies in Bayern gegeben ist, zum anderen fehlt eine qualitative Analyse der Förderorte dahingehend, ob diese den differenzierten Förderbedarfen von Kindern und Jugendlichen mit unterschiedlichsten Behinderungen bedarfsorientiert gerecht werden.

Somit zeigt sich die Studie wenigstens in einem Punkt selbstkritisch, in dem sie feststellt: „Auf die Frage, ob die eingeforderten Vorkehrungen für die Bedürfnisse der Einzelnen, ob deren notwendige Unterstützung sowie die individuell angepassten Unterstützungsmaßnahmen tatsächlich geboten werden, kann eine bildungsstatistische Analyse keine Antworten finden." Jedoch geht es genau darum: Guter Unterricht sowohl für Kinder mit Behinderungen als auch für Kinder ohne Behinderungen muss differenziert und auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes abgestimmt sein. Diesen qualitativ hochwertigen Weg gehen die bayerischen Schulen, indem sie sowohl die Kompetenzen der Förderschulen als auch die Kompetenzen der Regelschulen nutzen. Inklusion ist somit keine Einbahnstraße, sondern Aufgabe aller Schulen. Wir sind dem bayerischen Kultusministerium und der überfraktionellen Arbeitsgruppe sehr dankbar, dass sie seit vielen Jahren gemeinsam mit den Eltern und den Schulen diesen qualitativ hochwertigen bayerischen Weg einer echten inklusiven Beschulung gehen.

Außer Acht bleibt in der Bertelsmann Studie neben der erwähnten differenzierten Analyse und Bewertung der Förderorte die Zufriedenheit der Kinder mit und ohne Förderbedarf und ihrer Eltern an den Schulen sowie der Anteil der Bildungserfolge bzw. -abschlüsse, die an unterschiedlichen Förderorten erreicht werden. Dies sind wichtige Indikatoren, wenn es darum geht, ein inklusives Bildungssystem weiterzuentwickeln.

Text: Michael Eibl, Vorsitzender LAG Förderschulen in katholischer Trägerschaft