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Durch die Corona-Krise erneut abgehängt?

Ausbildung und Teilhabe für alle jungen Menschen – jetzt erst recht!

Die Politik muss die prekären Lebenslagen, die Isolation und die Ängste von jungen Menschen an der Schwelle zum Erwachsenwerden im Kontext dieser Pandemie in den Blick nehmen und für gerechte Bildungs- und Ausbildungschancen sorgen!

Gemeinsam fordern die Bundesorganisationen der katholischen und evangelischen Jugendsozialarbeit Bund, Länder und Kommunen auf, junge Menschen, ihre Bildungssituation und ihre Förderbedarfe genauso wie deren Zukunft auf dem Arbeitsmarkt in den Fokus der aktuellen Krisenbewältigung zu rücken. Wir begrüßen, dass mit dem Konjunkturpaket ein Rettungsschirm für die Ausbildung gespannt wird.

Gleichzeitig sehen wir aber die Notwendigkeit, nicht nur die Betriebe zu unterstützen, sondern auch verstärkt überbetriebliche Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen. Politik und Sozialpartner müssen gemeinsam handeln, um jungen Menschen die Teilhabe an unserer Gesellschaft zu ermöglichen - die Jugendsozialarbeit kann und will dazu beitragen. Neben der Sicherstellung von Bildung und Ausbildung für alle jungen Menschen brauchen wir zudem breit angelegte Strategien und flächendeckende Lösungen, um in der Krise verstärkt abgehängte junge Menschen aufzufangen. Diese müssen sofort, nicht erst nach der Krise, umgesetzt werden. Hierzu sind die vielfältigen Angebote und Kompetenzen der Jugendsozialarbeit einzubeziehen.

1. Benachteiligte Jugendliche in den Fokus bei der Krisenbewältigung nehmen

Die Situation von Jugendlichen in belasteten Lebenssituationen bleibt prekär und deren Perspektive ungewiss. Der Shutdown von Schulen, Bildungs- und Jugendeinrichtungen, aber auch Einschränkungen der Kontakte beispielsweise zu den Großeltern und Freunden haben junge Menschen in schwierigen Lebenslagen besonders hart getroffen. Sie haben weniger Unterstützung im Elternhaus, weniger Möglichkeiten des Rückzugs aufgrund ihrer oft beengten Wohnsituation und verfügen nicht über die notwendigen technischen Geräte für den jetzt so dringend erforderlichen virtuellen Kontakt in Schule und zu Sozialarbeitenden. Sie sind belastet durch psychische Beeinträchtigungen, Schulden oder Suchtprobleme, Ungewissheiten in Hinblick auf die schulische und berufliche Zukunft. Inzwischen zeigt sich, dass die langjährig mit den Jugendlichen aufgebauten Beziehungen reduziert oder völlig abgebrochen werden.

Angesichts dieser Entwicklungen wachsen die Herausforderungen für die Jugendsozialarbeit, junge Menschen im Kontext ihrer Persönlichkeitsentwicklung insgesamt und insbesondere am Übergang von der Schule in die Ausbildung adäquat begleiten und stärken zu können. Über digitale Lernangebote allein und den elektronischen Kontakt mit Sozialarbeitenden, können persönliche Anliegen von jungen Menschen und Familien nicht aufgefangen und ggf. weitervermittelt werden. Die Entwicklung von personalen und sozialen Kompetenzen wurde durch die Schließung der Bildungseinrichtungen unterbrochen, Beziehungsarbeit wurde zum Teil stark eingeschränkt oder gar gekappt. Die Auswirkungen von Beziehungsabbrüchen auf die Entwicklung der jungen Menschen sind noch nicht absehbar.

2. Die soziale und digitale Spaltung im Bildungssystem stoppen!
In der schulischen Bildung zeigen die Auswirkungen der Pandemie noch deutlicher auf die Defizite in der Bildungsgerechtigkeit des deutschen Schulwesens hin. Die unzureichende technische Ausstattung vieler Schulen, aber auch strukturelle und methodische Defizite in der Förderung von benachteiligten Jugendlichen in den schulischen Regelsystemen werden nun noch offensichtlicher. Während sich ein Großteil der Schüler*innen auf die Unterstützung der Eltern verlassen kann und über die notwendige technische Ausstattung verfügt, fühlen sich insbesondere die Jugendlichen aus der Zielgruppe der Jugendsozialarbeit mehr denn je allein gelassen. Die Rückmeldungen von unterschiedlichen Trägern aus dem gesamten Bundesgebiet machen deutlich, dass viele dieser Jugendlichen weder über einen Laptop, PC oder Drucker verfügen, noch über einen leistungsfähigen Internetanschluss. Hinzu kommt, dass die nötige familiäre Unterstützung zur Strukturierung des Alltags und für die Erledigung von schulischen Aufgaben aufgrund binnenfamiliärer Problemlagen häufig fehlt. Die Folge ist, dass Jugendliche aus sozioökonomisch schwächer gestellten Haushalten im formalen Bildungsbereich weiter abgehängt werden. Die soziale und auch digitale Spaltung im Bildungssystem verschärft sich damit immer stärker. Diese Gefahr manifestiert sich nicht nur in dem Zugang von Technik, sondern auch in den Kompetenzen, diese Technik zielgerichtet einzusetzen ist. Daher müssen jetzt passgenaue und umfassende Maßnahmen ergriffen werden, die den Lebenslagen dieser jungen Menschen entsprechen und die den Kompetenzanforderungen an eine zukünftige Arbeitswelt Rechnung tragen. Die Jugendsozialarbeit ist gefordert, digitale Kommunikations- und Lernformen bei der Begleitung und Aufrechterhaltung von Angeboten und Maßnahmen zur beruflichen Integration zu nutzen. Wegen unzureichender Ausstattung der Einrichtungen und der jungen Menschen kann dies nicht oder nur begrenzt umgesetzt werden. Ohne die Teilnahme an Maßnahmen vor Ort in den Einrichtungen droht die Zielgruppe der Jugendsozialarbeit weiter abgehängt zu werden.

3. Den Abbau von Ausbildungsplätzen und die Ausbildungslosigkeit beenden!
Die makroökonomischen Auswirkungen der Pandemie lassen sich aktuell weder national noch international seriös abschätzen. Je nach Szenario, so das Institut der Deutschen Wirtschaft, wird das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland absehbar um 5 bis 10 Prozent sinken. Dieser Abschwung wird Auswirkungen auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt haben, die benachteiligte junger Menschen besonders treffen werden: Viele Unternehmen werden ihre Ausbildungsangebote reduzieren. Der Berufsbildungsbericht 2020 bestätigt den kontinuierlichen Rückgang der Ausbildungsangebote bei gleichzeitig steigender Anzahl junger Menschen, die keine Ausbildungsstelle finden. Für viele Ausbildungssuchende wird sich diese Situation weiter verschärfen, wenn sich im Nachgang der Corona-Krise konjunkturbedingt noch weniger Betriebe in der Ausbildung engagieren werden. Eine Umfrage des Zentralverbandes des deutschen Handwerks zeigt, dass zwei Drittel der Befragten beabsichtigen, weniger neue Auszubildende einzustellen. Aber gerade Handwerksbetriebe geben auch jungen Menschen mit geringen Schulabschlüssen, die über praktische Fähigkeiten verfügen, eine Ausbildungschance.

Wir fordern: Jungen Menschen Teilhabe, Bildung und Ausbildung sichern!
Die Bundesverbände der katholischen und evangelischen Jugendsozialarbeit setzen sich dafür ein, dass das Recht auf Bildung und Ausbildung für alle jungen Menschen inklusiv und sozial gerecht verwirklicht wird. Es ist jetzt an der Zeit, dieses Recht umzusetzen! Die Jugendsozialarbeit kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Ein verwirklichtes Recht auf inklusive Bildung und Berufsausbildung stärkt das Renommee Deutschlands als Unterzeichnernation der UN-Behindertenrechtskonvention und weltweit anerkannter Industriestandort.

Wirtschaft, Gewerkschaften und Politik müssen gleichermaßen Sorge dafür tragen, dass allen jungen Menschen ein Schulabschluss und ein erfolgreicher Übergang in Ausbildung und Beruf gelingen kann. Evangelische und Katholische Jugendsozialarbeit fordern die Allianz für Aus- und Weiterbildung dazu auf, ihren Ankündigungen, allen jungen Menschen eine Ausbildung zu sichern, entsprechende Taten folgen zu lassen. Dazu gehört auch der kurzfristige Ausbau von über- und außerbetrieblichen Ausbildungs- und individuellen Unterstützungsangeboten.

Die Mittel des Digitalpaktes sind zukünftig nicht nur Schulen, sondern auch Einrichtungen der Jugendberufshilfe und der Jugendsozialarbeit zur Verfügung zu stellen. Mit der Schließung dieser Förderlücke würde die Politik ein wirkmächtiges Zeichen setzen, dass nicht allein die Schulen, sondern ebenso außerschulische Bildungsangebote wichtige Akteure und notwendiger Bestandteil von Bildung und Ausbildung für junge Menschen sind.

Die Kultusministerkonferenz und die Bundesländer müssen dafür Sorge tragen, dass auch die zusätzlich zur Verfügung gestellten 500 Millionen Euro passgenau für benachteiligte Kinder und Jugendliche eingesetzt werden. Dazu bedarf es abgestimmter Konzepte und Strategien zur digitalen Bildung, die die Bedarfe der Zielgruppen der Jugendsozialarbeit explizit berücksichtigen.

Von der kommunalen Ebenen fordern wir flächendeckende Lösungen zum Auffangen abgehängter junger Menschen! Hierzu sind die vielfältigen Angebote und Kompetenzen der Jugendsozialarbeit, v.a. die der mobilen Jugendarbeit und der Straßensozialarbeit, der Jugendmigrationsdienste sowie der Offenen Arbeit einzubeziehen. Gänzlich unverzichtbar sind zudem Angebote der Schulsozialarbeit! Sie müssen vollumfänglich aufrechterhalten sowie systematisch ausgebaut werden.

Düsseldorf, Berlin, Stuttgart, 1. Juli 2020 - Beschluss der Vorstände BAG EJSA und BAG KJS

Ansprechpersonen:
Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit (BAG EJSA e. V.)
Christine Lohn (Geschäftsführung), lohn@bagejsa.de, www.bagejsa.de

Bundearbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) e. V.
Andreas Lorenz (Geschäftsführung), andreas.lorenz@jugendsozialarbeit.de, www.bagkjs.de