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Der Vielfalt und Diversität von Familien gerecht werden

Unterstützung von Familien kann nicht früh genug beginnen

Mit der wissenschaftlichen Jahrestagung 2018 „Alle anders - Diversität beraten" macht die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) vom 13. bis zum 15. September 2018 auf die aktuellen Rahmenbedingungen für die Arbeit der Erziehungsberatungsstellen in Deutschland aufmerksam und will Arbeitsansätze diskutieren, die der Vielfalt und Diversität der Familien gerecht werden. Wie die Erziehungsberatung ihr Angebot so ausrichten kann, um allen Kindern und ihren Familien in ihrer jeweiligen Einzigartigkeit zu helfen, wird bei dieser spannenden Jahrestagung 2018 der bke dargelegt und diskutiert.

Dr. Hermann Scheuerer-Englisch, Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern in Regensburg und Sprecher der 10 Beratungsstellen der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Regensburg, ist Vorstandsmitglied in der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung und in der LAG Erziehungsberatung Bayern. Er macht deutlich: „Die Unterstützung von Familien kann nicht früh genug beginnen. Eltern von Babys und Kleinkindern sind zunehmend verunsichert. Oft sind sie selbst ohne Geschwister in Kleinfamilien aufgewachsen, und die Umstellung von selbstbestimmter Lebensführung und Partnerschaft zur Familie mit Kind fällt nicht leicht. Es fehlen Vorbilder und der soziale Rückhalt. Immer mehr Kinder werden außerhalb einer Ehe der Eltern geboren; ein Teil der Kinder erlebt von Geburt weg einen allein erziehenden Elternteil oder gefährdende familiäre Lebensumstände. Ein nicht unerheblicher Teil der Babys leidet unter Regulationsstörungen, das heißt sie haben Schwierigkeiten beim Schlafen, Füttern, bei der Gefühlsregulation und schreien exzessiv. Doch das ist nur ein Ausschnitt aus den Problemlagen von Familien, die Rat und Hilfe in der Erziehungsberatung suchen.

Um Familien oder Jugendliche in besonderen Lebenslagen zu erreichen, entwickeln die Beratungsstellen je nach regionalem Bedarf fortwährend neue Angebote, zum Beispiel Sprechstunden für psychisch erkrankte Eltern in der Erwachsenenpsychiatrie in Cham, ein Gruppenangebot sowie Beratung für junge Mütter in Haus Mutter und Kind der KJF in Regensburg, offene Sprechstunden für belastete Jugendliche und erlebnispädagogische Hilfen für Flutopfer in Rottal-Inn, einen offenen Umgangstreff in Dingolfng für Scheidungseltern, die nur schwer einen geschützten und geeigneten Raum für Umgangskontakte zum Kind finden, Pflegeelterngruppen in Dingolfng, Cham und Schwandorf, Onlineberatung per Mail und zum Teil Chat in Cham, Schwandorf, Regensburg, Kelheim und Eggenfelden.

Von 2013 bis 2017 wurden in den Beratungsstellen der KJF im Bistum Regensburg 22.609 Familien beraten. Dies ist eine Steigerung um 1,7 % (3.267 Fälle) gegenüber dem vorherigen Berichtszeitraum 2008 bis 2012. „Diese Zahlen belegen das gleichbleibend hohe Interesse von Familien an der Beratung", stellt Dr. Scheuerer-Englisch heraus. Die Beratungsstellen der Katholischen Jugendfürsorge erbringen pro Jahr ca. 7 Prozent aller bayerischen Beratungen. Sie erreichen vor Ort jeweils ca. 2 bis 5 Prozent aller minderjährigen Kinder und Jugendlichen. Neben den Familien, die persönlich an der Beratungsstelle erschienen sind, erreichen die Beratungsstellen noch viele weitere Kinder, Jugendliche und Eltern durch Telefonberatungen, virtuelle Beratung über das Internet, durch Projekte oder Vorträge, Gesprächskreise und Medienarbeit. „Dies sind etwa noch einmal so viele Familien", schätzt Dr. Scheuerer-Englisch. Der hohe Anteil von 38,2 Prozent der alleinerziehenden Familien im Jahr 2017 zeigt, dass gerade besonders belastete Familien den Weg an die Beratungsstellen fnden. Diese Familien sind häufg von Armut bedroht, unterliegen einem hohen Ausmaß an Stress und haben oft geringe Ressourcen im sozialen Umfeld. Etwa 45 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben im Jahr 2017 eine Trennung der Eltern erlebt – deutlich mehr als in der gesamten Bevölkerung (etwa 25 Prozent). Die Begleitung von Familien in Trennungssituationen bleibt ein wichtiges Dauerthema in der Beratungsarbeit.

Text: Dr. Hermann Scheuerer-Englisch