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Das etwas andere Festival

Tanzen im Rollstuhl, auf einer ausgelassenen Party, nachmittags um 16 Uhr: Wo gibt's denn sowas? Bei Rock'n'Roses, dem inklusiven Rockkonzert der Caritas und der Katholischen Jugendfürsorge.


BU 1: Rock'n'Roses 2018: Die „Rock Sixties feat. Kellergangband" bei ihrem Auftritt in der Alten Mälzerei. (Foto: Schophoff/ burcom Regensburg)

Ein Mädchen im Rollstuhl schwingt ihre roten Zöpfe durch die Luft, reckt die Arme zur Seite und genießt die Beats. Ihr Betreuer wirbelt ihren Rollstuhl über die Tanzfläche, die Räder reflektieren das Discolicht, rundum tanzende Beine. Eine ausgelassene Party –nachmittags um 16 Uhr.

Rock'n'Roses, das inklusive Musikfestival der Caritas Regensburg und der Katholischen Jugendfürsorge, rockte kürzlich zum achten Mal die Alte Mälzerei. Auf der Bühne: die Regensburger Lokalmatadoren „Benni and the Sidepipes" und die „Rock Sixties feat. Kellergangband", ein Bandprojekt der Lebenshilfe Neumarkt. Auf der Tanzfläche: rund 120 Feiernde.


BU 2: Rock'n'Roses 2018: „Benni and the Sidepipes" bei ihrem Auftritt in der Alten Mälzerei. (Foto: Schophoff/ burcom Regensburg)

„Benni and the Sidepipes", bekannt von Regensburger Stadtfesten, schmettern Coverversionen von Rock- und Oldiehits, ein Pärchen, beide mit Downsyndrom, liegt sich in den Armen und schaukelt traumversunken zu Take good care of my baby. Ein Junge wandert über die Tanzfläche, eine rote Rose in der Hand, strahlt über beide Ohren. Aus den Boxen dröhnt „Uub, schiab o, mia san a Rock'n'Roll Band", ein Cover der Spider Murphy Gang. An der Bar lehnt Dominik Herrlein, der Bruder von einem der Musiker, ein Profischwimmer und doppelter Olympiasieger bei den Special Olympics 2015: „Gute Stimmung", sagt er lässig, „keine Frage."

Dann der Bandwechsel, Auftritt „Rock Sixties feat. Kellergangband." Die „Kellergangband", Musikerinnen und Musiker mit geistiger Beeinträchtigung, spielt Pop-Folk und Schlagermusik mit Akkordeon, E-Gitarre, Xylophon oder Veeh-Harfe. Die „Rock Sixties" sind eine Band „der Spätberufenen", wie sie selbst sagen. Ihre Mitglieder, alle um die sechzig Jahre alt, haben erst mit der Bandgründung vor acht Jahren gelernt, ein Instrument zu spielen. Heute füllen sie Festzelte. Gemeinsam mit der Kellergangband haben sie im vergangenen Jahr den Inklusionspreis des Bezirk Oberpfalz erhalten. Die Schlagzeugerin Rosamaria Hirschmann schwärmt von der Zusammenarbeit. Da sei „so viel Gefühl, so viel Begeisterung, so endlos gute Stimmung!". Die gemeinsamen Bandproben haben in ihrem Terminkalender höchsten Stellenwert, Auftritte wie der in Regensburg zählen zu den Höhepunkten des Jahres. „Bei uns geht es nicht um Perfektion, sondern um die Freude an der Musik!"

Die Begeisterung steckt an. Die Musiker spielen Marina, Marina, „einen deutschen Schlager aus Italien", die Besucher singen, klatschen, tanzen. Inmitten der Menge steht eine Mitarbeiterin der Lebenshilfe Landshut. Sie ist mit einer Gruppe geistig beeinträchtigter Menschen hier, die in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung  in Kelheim wohnt. Für die Gruppe sei es ein unvergessliches Erlebnis. „Das müsste es viel öfter geben", schwärmt sie. Ihre Kollegin schwingt an ihr vorbei, einen jungen Mann mit Downsyndrom an der Hand.

Es geht rund in der Alten Mälzerei. Der Frontmann der Kellergangband tritt von der Bühne auf die Tanzfläche, schnallt sich einen Helm auf den Kopf. Hinter ihn reihen sich die Fans, bilden eine Schlange. Doch es ist nicht die klassische Polonaise, aus den Boxen dröhnt das Bobfahrerlied, „wir sind die Männer mit einem harten Job, wir fahren mit dem Bob. Und Linkskurve, und Rechtskurve, nach hinten, nach vorn." Der ganze Saal macht mit.

Zum Abschluss kommen „Benni and the Sidepipes" zu den „Rock Sixties feat. Kellergangband" auf die Bühne. Gemeinsam spielen sie das Schlusslied „Marmor, Stein und Eisen bricht". 21 Musiker – so viele standen bei Rock'n'Roses noch nie gemeinsam auf der Bühne.

Der Nachmittag geht so schnell vorüber, dass sich einige verwundert die Augen reiben, als kurz nach 18 Uhr die Lichter angehen. Die Besucher verlassen die Alte Mälzerei, gehen hinaus in einen kühlen Novemberabend. Ein tänzelnder Schritt, eine Drehung mit dem Rollstuhl. Es scheint ihnen warm ums Herz zu sein.

Text und Bilder: Schophoff/ burcom Regensburg