« Zurück

Corona – nicht nur eine gesundheitliche Gefahr für Menschen mit Behinderung

Für Menschen mit Behinderung bedeutet Corona nicht nur eine gesundheitliche Gefährdung. Auch die Behinderung kann zum Problem werden.

In Deutschland infizieren sich immer mehr Menschen mit dem Corona-Virus. Es könnte zu einer Situation kommen, in der die Kapazitäten der Kliniken nicht ausreichen, um alle zu behandeln.

Dann stehen Ärztinnen und Ärzte, sowie Pflegepersonal vor Entscheidungen, die vermutlich niemand von uns treffen möchte. Ich will meinen Respekt und meine tiefe Anerkennung allen Ärzten und Pflegekräften aussprechen und jedem für seine wichtige Arbeit danken.

Als Mensch mit Behinderung beunruhigen mich die Empfehlungen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) für den Fall, dass nicht alle gleichzeitig intensivmedizinisch behandelt werden können. Darin haben Menschen mit Behinderung schlechte Karten. Es werden sowohl neuromuskuläre Erkrankungen, wie zum Beispiel Muskelatrophie oder Spastik, wie auch Gebrechen im Allgemeinen als Gründe angeführt, um eine intensivmedizinische Behandlung abzulehnen. Dies führt bei Menschen mit Behinderung zu Angst und Panik. Viele wollen daher nicht ins Krankenhaus.

Als Mitarbeiter der Katholischen Jugendfürsorge Regensburg will ich dazu anmerken: Eine Anwendung der sogenannten Triage wird in Deutschland momentan Gott sei Dank unwahrscheinlicher. Genauso deutlich will ich appellieren, dass in Deutschland eine Behinderung nicht zu einer Benachteiligung in der medizinischen Versorgung führen darf. Menschen mit Behinderung sind Menschen wie du und ich. Sie leisten wertvolle Arbeit für die Gesellschaft, egal, ob auf dem ersten Arbeitsmarkt oder in Werkstätten. Viele, mich eingeschlossen, nehmen ihre Beeinträchtigung im Alltag nicht wahr. Sie leben ihr Leben. Die Behinderung spielt häufig gar keine Rolle. Die Lebensqualität von Menschen mit Behinderung darf und kann nicht pauschal geringer bewertet werden. Trotz körperlicher oder geistiger Einschränkungen haben Menschen mit Behinderung oft ein starkes Immunsystem.

Die Empfehlungen der Divi sind eine Zumutung für das Klinikpersonal. Stellen Sie sich vor, Sie müssen als Arzt einem Menschen mit Behinderung erklären, dass für ihn kein Beatmungsgerät verfügbar ist und er deshalb wahrscheinlich an Corona stirbt. Der Grund dafür ist die Behinderung, die für ihn selbst keine Rolle spielt. Für den Arzt wäre diese Entscheidung sehr belastend. Ich fordere die Divi auf, ihre Empfehlungen zu überarbeiten und künftig vorher mit Betroffenen abzustimmen.

Abschließend wünsche ich mir, dass möglichst wenige Menschen an Corona sterben und dass wir uns in der Bekämpfung an die Werte unseres Grundgesetzes halten.

Sebastian Müller ist Leiter des Büros für Leichte Sprache der KJF in Regensburg.