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40 Jahre Kinderzentrum St. Martin

Multiprofessionelles Setting und Zeit sind die Kostbarkeiten der Behandlung

Das sozialpädiatrische Zentrum mit entwicklungsneurologischer Ambulanz ist seit 40 Jahren eine wichtige Säule im medizinischen Versorgungssystem für Kinder und Jugendliche mit Behinderung und Entwicklungsstörungen.

40 Jahre Kinderzentrum St. Martin – es feierten mit: (v.li.) Prälat Dr. Josef Schweiger, Stadtpfarrer Josef Eichinger, Altbürgermeisterin und Ehrenmitglied des Vereins Aktion Sonnenschein Regensburg, Hildegard Anke, Dr. med. Guido Judex, KJF-Direktor Michael Eibl, Vorsitzende der Aktion Sonnenschein Dipl.-Kauffr. Sissi Riebeling, Bürgermeister Jürgen Huber, KJF-Abteilungsleiter Bertin Abbenhues, ärztliche Leiterin des Kinderzentrums St. Martin Angelika Aisch, stellvertr. Landrätin Maria Scharfenberg, MAV-Vorsitzende von St. Martin Astrid Lamby, Daniela Kellner (Mutter einer Patientin)

„In diesen Räumen wird Menschlichkeit praktiziert" – so lautet die Überschrift eines Artikels, der 1982, vier Jahre nach der offiziellen Inbetriebnahme des Kinderzentrums St. Martin, die dortigen Behandlungsmethoden beschreibt. Daran hat sich in den letzten 40 Jahren nichts geändert. Familien können sich auf die hohe Fachlichkeit in St. Martin verlassen und darauf, dass den Patienten und ihnen selbst viel Zeit geschenkt wird. „Sozialpädiatrische Zentren haben hinsichtlich der interdisziplinären Diagnostik ein Alleinstellungsmerkmal. Es gibt keine andere Institution, die diese umfangreiche und hohe Fachlichkeit bieten kann", stellte KJF-Direktor Michael Eibl bei den Jubiläumsfeierlichkeiten heraus. Das 40-jährige Jubiläum des Kinderzentrums St. Martin war für ihn und Prälat Dr. Josef Schweiger Anlass, um allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihr segensreiches Wirken zu danken. Denn sie machen das Kinderzentrum zu der besonderen Einrichtung, die sie ist. Sie nehmen sich die Zeit, die die Kinder und Jugendlichen, aber auch ihre Eltern brauchen, beraten und begleiten sie oft über Jahre hinweg.

Bescheidene und mühselige Anfänge

Die Jubiläumsfeierlichkeiten begannen mit einem Gottesdienst in der Kirche St. Josef in Reinhausen, den Prälat Dr. Josef Schweiger mit Stadtpfarrer Josef Eichinger und Vikar Dr. Rémy Kasanda zelebrierte. Im Blick zurück auf 40 Jahre Kinderzentrum St. Martin erinnerte sich Prälat Dr. Josef Schweiger, der als Direktor der Katholischen Jugendfürsorge das Kinderzentrum St. Martin gründete, an mühselige und bescheidene Anfänge. Denn, „es gab noch keine rechtliche und finanzielle Grundlage" – die KJF beschritt risikoreiches Neuland. Erst 1989 brachte das Gesundheitsreformgesetz Rechtssicherheit. Prälat Dr. Schweiger hatte engagierte Wegbegleiter, Pioniere der Sozialpädiatrie im ostbayerischen Raum, an seiner Seite. Sein Dank galt Prof. Dr. Hugo Hanßler, Chefarzt der Kinderklinik St. Hedwig, den er als Spiritus Rector der sozialpädiatrischen Entwicklung in Regensburg, bezeichnete, und Dr. Bernhart Ostertag, den ersten und langjährigen Leiter des Kinderzentrums.

Bereits seit 1982 war mit der Gründung des Vereins „Aktion Sonnenschein Regensburg" eine weitere treibende Kraft für den Auf- und Ausbau des Sozialpädiatrischen Zentrums tätig. Untrennbar damit verbunden, die Vorsitzende des Vereins, Dip.-Kauffrau Sissi Riebeling. Mit ihr an der Spitze hat sich Aktion Sonnenschein unermüdlich und ehrenamtlich für das Wohl der jungen Patienten und ihrer Eltern engagiert. „Unsere Stärke ist die Leidenschaft für die Kleinen und ihre Eltern sowie das Können und die Aufgeschlossenheit neueren medizinischen Kenntnissen gegenüber", stellte Prälat Schweiger in seiner Ansprache heraus. „Aus unserem christlichen Fundament beziehen wir unsere Motivation. Die Botschaft des Evangeliums verpflichtet uns, keinen Menschen aufzugeben. Leben schützen und Leben stützen ist der Auftrag für alle Einrichtungen und Dienste der KJF", so Schweiger.

Interdisziplinärer Wissensschatz

ÄrztInnen, TherapeutInnen unterschiedlicher Fachrichtungen und PsychologInnen arbeiten Hand in Hand und fächerübergreifend in St. Martin zusammen. Ihre langjährigen Erfahrungen haben sich zu einem „interdisziplinären Wissensschatz" über Behinderungen und deren unterschiedlichsten Formen angehäuft. Dieser ist in St. Martin gespeichert wie an keinem anderen Ort. Es gibt dort Expertinnen und Experten zum Beispiel in den Bereichen Autismus, Epilepsie, ADHS, Schmerztherapie, Versorgung mit Orthesen und vieles mehr. Das und die Tatsache, dass die Experten aus St. Martin die Kinder, Jugendlichen vom Säuglingsalter bis zur Volljährigkeit kontinuierlich begleiten, ist etwas Besonderes und unterscheidet St. Martin wesentlich von niedergelassenen Praxen und Kliniken. Zu den Erkrankungen und Entwicklungsauffälligkeiten, die im Kinderzentrum St. Martin behandelt werden, gehören zum Beispiel: Epilepsie, ADHS, Autismus, Chronische Schmerzen und Kopfschmerzen, Regulationsstörungen, Spina Bifida, Cerebrale Bewegungsstörungen, Entwicklungsstörungen und -verzögerungen, Fütter- und Schluckstörungen, neuromuskuläre Erkrankungen, psychosomatische Störungen, Sprachentwicklungsstörungen und Verhaltensprobleme.

Wichtige Anlaufstelle für Eltern, die Fragen zur Entwicklung ihres Kindes haben

Als ambulante, ärztlich geleitete Einrichtung hat das Regensburger Kinderzentrum St. Martin in 40 Jahren etwa 22.000 Kinder und Jugendliche mit deren Familien begleitet; im vergangenen Jahr waren es 1.687. In das Sozialpädiatrische Zentrum kommen Patienten von 0 bis 18 Jahren, die eine chronische Erkrankung haben, behindert sind oder bei denen ein Verdacht auf eine Entwicklungsstörung vorliegt. Die ärztliche Leiterin von St. Martin, Dipl. med. Angelika Aisch, gab Einblicke in die Arbeit im Kinderzentrum: „Wir arbeiten eng mit Kinderkliniken und Kinderärzten zusammen, mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie, den Sozialhilfeträgern, Erziehungsberatungsstellen, Kindergärten und Schulen. Stolz sind wir auf die oft jahrelange Zusammenarbeit und die Konsilien mit Kinderorthopäden, Neurochirurgen und Humangenetikern. Wir bieten auch gemeinsame Sprechstunden mit Orthopädietechnikern an." Die Patienten in St. Martin kommen aus der gesamten Oberpfalz, Teilen Niederbayern, Oberbayerns, Ober-, Mittel- und Unterfranken, allein 44,67 % kamen aus Stadt und Landkreis Regensburg. Es bedarf einer Überweisung durch den Kinderarzt, Kinderpsychiater oder Neurologen. Die Leistungen werden von den Krankenkassen finanziert.

Die Bedeutung des Kinderzentrums St. Martin für den ostbayerischen Raum hob auch Dr. med. Guido Judex, Vertreter der KinderärtzInnen Regensburgs, in seinem Grußwort hervor. Notwendig sei die Transition der Patienten, wenn sie älter werden. Gemeint ist damit der Aufbau von Strukturen wie in sozialpädiatrischen Zentren, allerdings für Erwachsene. Mit der geplanten Bereitstellung von sogenannten MZBE, Medizinischen Behandlungszentren für Erwachsene, soll dies gewährleistet werden.

Sonnenschein für das Kinderzentrum St. Martin

… und das seit 1982! Die Vorsitzende des Fördervereins Aktion Sonnenschein Regensburg e.V., Dipl. Kffr. Sissi Riebeling, darf zu Recht stolz sein, denn seit 37 Jahren unterstützt der Verein das Kinderzentrum St. Martin – über 1,5 Millionen Euro kamen zusammen, weil viele aktive Mitglieder begeistert und engagiert mitgeholfen haben, Spenden zu bekommen. Damit wird die Arbeit im Kinderzentrum unterstützt, wird Ausstattung gekauft oder werden Therapien mitfinanziert. Ein besonderes Anliegen von Sissi Riebeling ist es, das Kinderzentrum noch bekannter zu machen, auch um Schwellenängste abzubauen, deshalb unterstützt sie die Öffentlichkeitsarbeit für die Einrichtung. Zum 40-jährigen Jubiläum galt ihr besonderer Dank den Mitgliedern der Aktion Sonnenschein, darunter Ehrenmitglied Hildegard Anke, dem ehemaligen Leiter des Kinderzentrums Dr. Bernhard Ostertag und der aktuellen Leiterin Dipl. med. Angelika Aisch für die großartige Arbeit über Jahrzehnte hinweg.

Weiterführende Informationen:

Das Regensburger Kinderzentrum St. Martin ist ein Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) im Sinne des § 119 SGB V. Dort werden Kinder und Jugendliche, die wegen Art, Schwere und Dauer ihrer bestehenden bzw. drohenden Krankheit oder Behinderung nicht ausschließlich von niedergelassenen ÄrztInnen, TherapeutInnen oder Interdisziplinären Frühförderstellen behandelt werden können, medizinisch versorgt. 30 MitarbeiterInnen eines multiprofessionellen Teams behandeln Kinder und Jugendliche vom Säuglingsalter bis zum 18. Lebensjahr und unterstützten deren Familien. Nach Genehmigung durch die Krankenkasse können auch junge Erwachsene über 18 Jahre behandelt werden, insbesondere dann, um eine begonnene Behandlung fortzuführen und eine Behandlung durch niedergelassene Arztpraxen nicht möglich ist.

Text und Bild: Christine Allgeyer