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17. Abensberger Fachtagung

Einsam oder allein? Isoliert oder selbstbestimmt?

Ein neues Format für die bewährte Tagungsqualität war notwendig, um die 17. Abensberger Fachtagung im Oktober 2020 anbieten zu können. Die professionelle Umsetzung als Hybridveranstaltung mit Livestream überzeugte. Inhaltlich ging es um die vielen Facetten von Alleinsein und Einsamkeit im Leben junger Menschen.

Viel Technik für die Hybridveranstaltung im B.B.W.

Einsamkeit ist ein vielschichtiges Phänomen: selbstgewählt allein, tatsächlich einsam, sozial isoliert? Dies zu erkennen, ist besonders bei jungen Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen wichtig, denn von ihrem sozialen Umfeld als „andersartig" wahrgenommen, sind sie von Ausgrenzung bedroht, was das Risiko für soziale Isolation und Vereinsamung erhöht. Walter Krug, Gesamtleiter des B.B.W. Abensberg, stellte den Unterschied zwischen Allein-Sein und Einsamkeit heraus und zeigte auf, wie unsere Gesellschaft außen gerichtetes Verhalten einseitig positiv bewertet, gleichzeitig intravertierte Menschen unterschätzt und übersieht, Allein-Sein gar als Mangelsituation bewertet. Jedoch könne Allein-Sein ein Schatz sein, vor allem dann, wenn es selbst gewählt ist und jederzeit geändert werden kann. Zur Qual werde Allein-Sein, wenn es aufgezwungen ist oder als nicht veränderbar wahrgenommen wird: „„Allein-Sein ist ein äußerst individuelles Phänomen, das unsere Gesellschaft wertfrei akzeptieren sollte, solange es nicht zu einem Leidenszustand führt."

Professor Dr. Peter Zimmermann vom Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie, Bergische Universität Wuppertal, lenkte den Blick auf die fragile Phase Jugendlicher zwischen 13 und 15 Jahren, in der Entwicklungsveränderungen, Bindungserfahrungen oder Peerbeziehungen einen entscheidenden Einfluss auf die Intensität oder Dauer erlebter Einsamkeit haben. Wie wichtig soziale Interaktion in diesem Zusammenhang ist, zeigte Dr. Sylvia Löhken, Coach und Beraterin. Sie stellte die Intro- und Extrovertiertheit in den Mittelpunkt ihres Vortrags. Alleinsein junger Menschen könne sich positiv auf ihre Entwicklung und Lebensqualität auswirken, so Löhken.

Einsamkeit als Leid- und Schmerzerfahrung betrachtete Susanne Bücker, Psychologin an der Ruhr-Universität Bochum. Anhand aktueller empirischer Forschungsergebnisse zeigte sie auf, dass chronische Einsamkeit gravierende gesundheitliche Konsequenzen hat und es frühzeitiger Maßnahmen zur Bekämpfung bedarf. Dem Sozial-, Medien- und Spielpädagogen Maximilian Seeberger ging es schließlich um die Frage, ob sich Jugendliche in digitalen Sozialräumen einsam fühlen, selbstgewählt allein sind oder sich sogar besonders vernetzt fühlen. Wie können Fachkräfte das herausfinden? Seeberger zeigte Gesprächsansätze und Haltungsfragen auf Grundlage aktueller Studien auf. Er meint: „Ein wesentlicher Teil der sozialen Kontakte von Jugendlichen spielt sich virtuell ab. Es lohnt, einen unvoreingenommenen Blick in die digitalen Sozialräume Jugendlicher zu werfen, da sie ein großer Bestandteil ihrer Lebenswelt sind."

Aus der Praxis des B.B.W. berichteten Stephanie Hasenöhrl, Abteilungsleitung Gesundheits- und Förderdienste im B.B.W., und Katharina Lache, Casemanagement. Sie zeigten u.a. auf, was Teilnehmerinnen und Teilnehmer brauchen, deren subjektives Empfinden von Einsamkeit einen Leidensdruck erzeugt, den sie ohne Unterstützung nicht bewältigen können, und wie der Wunsch nach Freiraum, Rückzug und Eigenständigkeit in deren Alltag gestaltet werden kann.

Text und Bild: Christine Allgeyer