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10 Jahre Netzwerk Autismus

Experten fordern mehr Anlaufstellen für Diagnostik und Therapie im Versorgungsnetz der Region

Die Netzwerk Autismus Niederbayern Oberpfalz GmbH feierte ihr 10-jähriges Jubiläum. Allein in der Regensburger Beratungsstelle wurden 2018 189 Ratsuchende mit einer Störung aus dem Autismus-Spektrum beraten und begleitet: 300 Beratungsgespräche mit Betroffenen, 325 Beratungstermine mit Angehörigen oder Personen aus dem sozialen Umfeld und 90 Kontakte mit Einrichtungen und Diensten. Der Bedarf ist über die Jahre hinweg gewaltig gestiegen. Im Gründungsjahr des Netzwerks 2008 waren es lediglich 117 Anfragen. Das Netzwerk betreibt in Regensburg und Passau Beratungsstellen.

10 Jahre Netzwerk Autismus Niederbayern Oberpfalz GmbH: Eine Feier mit Netzwerkpartnern aus der Kommunalpolitik, Fachstellen und Diensten, ehrenamtlich Tätigen und dem Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, Holger Kiesel.

Das 10-jährige Jubiläum nahm Frank Baumgartner, Geschäftsführer der Netzwerk Autismus Niederbayern Oberpfalz GmbH zum Anlass, um sich bei allen Kooperationspartnern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und den 12 Gesellschaftern herzlich zu bedanken. Letztere hätten über die Jahre hinweg 220.000 Euro über den Eigenanteil hinaus in die Arbeit des Netzwerks eingebracht. Die Bezirke, das ZBFS - Zentrum Bayern Familie und Soziales, Selbsthilfegruppen, Fachstellen und Einrichtungen hob Baumgartner anerkennend hervor. Sie alle unterstützten das Netzwerk ganz hervorragend.

„Wir sind als Experten gefragt und werden auch bei Strukturfragen gehört."

Das erklärte Baumgartner bei der Feier. So beziehe die Bayerische Staatsregierung das Netzwerk aktuell bei der Ausarbeitung der Bayerischen Autismus-Strategie mit ein. Aus München mit dabei: Holger Kiesel, der Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung. Bürgermeister Jürgen Huber sagte: „Sie leisten einen wichtigen Beitrag dazu, dass sich Menschen mit Autismus und ihre Angehörigen in unserer Stadt  angenommen fühlen dürfen. Danke für Ihre großartige Unterstützung." Bezirkstagspräsident Löffler stellte das Thema Autismus als eines heraus, das mehr Öffentlichkeit verdient hätte. „Von Herzen gratuliere ich Ihnen. Was geschaffen wurde, hat allerhöchste Qualität." Die Wurzeln des Netzwerks lägen bei den Selbsthilfevereinen und ehrenamtlich Tätigen, so Löffler. Ernestine Namislo, ehemalige Vorsitzende des Regionalverbandes autismus Regensburg e.V., erwähnte er hier besonders. Deren aktueller Vorsitzender, Christof Hartmann, übergab Frank Baumgartner beim Jubiläum eine vierstellige Spende „im mittleren Bereich". Zum Geburtstag des Netzwerks hatte er drei Anliegen: Die Kommunikation mit Eltern von Kindern mit Autismus immer im Blick zu haben, bei allen Bemühungen nicht nur die Asperger-Autisten zu fokussieren, sondern auch Menschen mit funktionalem oder atypischem Autismus, und in der psychiatrische Versorgung von Autisten die erforderlichen Besonderheiten zu beachten.

Was leistet das Netzwerk Autismus?

Betroffenen und deren Angehörige, Arbeitgeber, Schulen, Behörden oder Einrichtungen und Dienste klopfen bei den Beraterinnen Heike Vogel und Janka Steuernagel in der Regensburger Beratungsstelle an. Es geht um eine genaue Abklärung der Einschränkung, therapeutische Maßnahmen, um die Themen Schule, Wohnen, Ausbildung bis hin zur Alltagsbewältigung, psychosozialen Versorgung und sozialrechtlichen Situation. „Wir unterstützen die Betroffenen auch dabei, Anträge zu stellen oder begleiten sie zu Ämtern und Behörden", erklärt Heike Vogel. Und weil die Zielgruppe in allen Lebensbereichen spezielle Rahmenbedingungen braucht, wissen Heike Vogel und Janka Steuernagel nur zu gut, wie wichtig Netzwerkarbeit, Öffentlichkeitsarbeit und Schulungsmaßnahmen sind.

Soziale Ausgrenzung eines der drängendsten Probleme

Das stellt Heike Vogel fest und kann es auch erklären. Zum einen fehle es am Verständnis für die Betroffenen, zum anderen erfordere die Arbeitswelt ein Maß an sozialer Kompetenz, Teamfähigkeit und Flexibilität, das Menschen mit einer Autismus-Störung nicht einbringen könnten. Etwas mehr Toleranz und Entgegenkommen würden schon helfen, meint Heike Vogel. Autisten sind anders und besonders. Sie sind empfindlicher gegenüber Reizen, können soziale Signale nicht angemessen aussenden oder deuten und soziale Regeln erfassen und anzuwenden. „Das stellt große Teilhabeeinschränkungen dar", sagt Heike Vogel. Diese Teilhabeeinschränkungen gelte es aus dem Weg zu räumen. „Viele positive Entwicklungen haben wir bereits angestoßen", stellt Heike Vogel heraus. Notwendig sei ein noch dichteres Netz in der Diagnostik und der therapeutischen Versorgung."

Exklusive Angebote für die Zielgruppe sind gefragt

Personen mit einer eher moderaten Ausprägung der ASS treffen auf eine unzureichende Versorgungsstruktur im Wohnbereich. Das berichtet Heike Vogel. Es gäbe noch zu wenig Anbieter in der Region, die flexible und individuell angepasste Unterstützung leisten könnten, ebenso wie niederschwellige Angebote zur Freizeitgestaltung und Rekreation. „Die besondere Zielgruppe braucht in mehrerlei Hinsicht exklusive Angebote, im therapeutischen Bereich etwa oder eine heilpädagogische Praxis", stellt Heike Vogel heraus. Das Netzwerk selbst bietet mittlerweile an vier Standorten Außensprechstunden an. Entwicklungsbedarf sieht Vogel in der weiteren Vernetzung von Einrichtungen und Diensten, kooperativen Veranstaltungen und in Sozialkompetenz-Trainings.

Text und Bild: Christine Allgeyer