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10. Abensberger Fachtagung des B.B.W. St. Franziskus

Selbstbestimmt Teilhabeleistungen in Anspruch nehmen

Das steht hinter dem sogenannten „Persönlichen Budget", mit dem seit 1. Januar 2008 jeder behinderte Mensch nach § 19 des Sozialgesetzbuches SGB IX einen Rechtsanspruch auf eine alternative Leistungsform zur Teilhabe und Rehabilitation durch Geldbeträge oder Gutscheine hat. Dies stellt auch für Menschen mit Autismus eine adäquate Möglichkeit dar, ihren Unterstützungsbedarf individuell und auf die spezifischen Belange hin abzudecken. Die aktuelle Fachtagung im B.B.W. Abensberg zeigte dazu konkrete Erfahrungen aus der beruflichen Rehabilitation auf, die im Rahmen eines Projektes des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales gewonnen wurden.

Bild von BBW-Gesamtleiter Walter Krug beim 10. Abensberger Fachtag

B.B.W.-Gesamtleiter Walter Krug begrüßt das Fachpublikum und weitere interessierte Teilnehmer/innen des 10. Abensberger Fachtags.

Wie schon in den Jahren zuvor bot die Veranstaltung mit ausgewiesenen Experten/innen Gelegenheit zum fachlichen Diskurs und zur Begegnung mit Kollegen/innen aus dem Kompetenznetzwerk der beruflichen Rehabilitation. Was bedeutet das Persönliche Budget für die Inklusion von Menschen mit Behinderung? Welche rechtlichen Grundlagen und Verfahrensweisen gibt es? Wie lässt sich das in der Praxis umsetzen? Diese und andere Fragen griff die 10. Abensberger Fachtagung auf gewohnt hohem Niveau auf. Über 120 Teilnehmer/innen aus dem gesamten Bundesgebiet besuchten die Fachveranstaltung: „Das Persönliche Budget für Menschen mit Autismus" - Erfahrungen aus einem Modellprojekt des BMAS.

15 Jahre Praxiserfahrung in der Ausbildung von jungen Menschen mit Autismus
„Damit hat sich das Berufsbildungswerk in Abensberg eine Expertise erworben, die weit über die Region hinausreicht", bestätigt KJF-Direktor Michael Eibl die Bedeutung der Erfahrungen, die in 15 Jahren beruflicher Qualifizierung junger Menschen mit Autismus im B.B.W. gemacht wurden. Hinzu käme die wissenschaftliche Begleitung und Anwendung neuester Forschungsergebnisse in der Praxis wie sie in den beiden durch das BMAS (Bundesministerium für Arbeit und Soziales) geförderten Projekten erfolgte. „Das Projektteam hat sich intensiv mit der sozialen und beruflichen Teilhabe von Menschen mit Autismus auseinandergesetzt. Es hat sich gezeigt, dass sie entgegen früheren Auffassungen sehr gut in der Lage sind, eine Berufsausbildung zu absolvieren. Häufig verlassen sie die Einrichtung mit guten bis überdurchschnittlichen guten Berufsabschlüssen", so Eibl. Dieses erreicht zu haben, bedeute für die betroffenen Menschen mehr Lebensperspektiven und eine verbesserte Lebensqualität.

B.B.W.-Gesamtleiter Walter Krug beschreibt die berufliche Qualifizierung von Menschen mit Autismus als eine hoch individualisierte Vorgehensweise, denn „sie sind sehr unterschiedlich in ihren Fähigkeiten, Einschränkungen und Lebenssituationen." Das Störungsbild Autismus, das durch den Begriff der „Autismus-Spektrum-Störung" abgelöst wurde, stellt hohe Anforderungen an die Förderung. Damit diese gelingt und eine nachhaltige Integration erreicht werden kann, „brauchen die meisten der jungen Leute nach Abschluss der Rehabilitationsmaßnahme weiterführende Unterstützung und Hilfestellung im Berufsleben, in der Alltagsbewältigung und im Bereich der sozialen und personalen Kompetenzen", stellt Projektkoordinatorin Heike Vogel heraus.

Maria Kaminski vom autismus Deutschland e.V., dem Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus, machte beim Abensberger Fachtag deutlich: „Es ist der Wunsch da, die Gesellschaft zu verändern, damit Menschen mit Autismus und Menschen ohne Behinderung gemeinsam aufwachsen. Dies gelte auch für Menschen mit Migrationshintergrund oder anderen Behinderungen." Inklusion stehe von Anfang an auf der Agenda des Bundesverbandes.

Das Persönliche Budget als „Königsweg"
Walter Krug bringt es auf den Punkt: „Mit der Individualisierung der im Sozialgesetzbuch verankerten Hilfen sichert das Persönliche Budget in vorbildlicher Weise das Wunsch- und Wahlrecht betroffener Menschen und ihrer Familien." Jedoch gäbe es erhebliche Widerstände zu überwinden. „Fehlende Erfahrungen und mangelnde Bereitschaft bei den Leistungsverpflichteten, Ängste bei den betroffenen Personen und noch nicht angepasste Angebote der Institutionen führen dazu, dass die Umsetzung des Persönlichen Budgets nur stockend in Gang kommt." Mit jedem neuen gelingenden Persönlichen Budget werde die Bereitschaft für den Einsatz dieses innovativen Instrumentes des Sozialgesetzbuches größer werden, ist sich Krug sicher.

Wie wertvoll und wichtig die Fachtage im B.B.W. insbesondere auch für Betroffene sind, zeigt sich im Gespräch mit einer Teilnehmerin aus Voburg, deren 19-jähriger Sohn Autist ist: „Ich habe Hilfen für meinen autistischen Sohn gesucht. Er hat vergangenes Jahr das Abitur gemacht. So bin ich auf das B.B.W. St. Franziskus gestoßen. Die Agentur für Arbeit war sehr behilflich. Heute erfahre ich, dass es Hilfen gibt, von denen ich bisher noch nichts wusste. Ich bin begeistert, insbesondere von dem Instrument Persönliches Budget."

Autismus – eine tiefgreifende Entwicklungsstörung
Derzeit absolvieren etwa 124 junge Menschen mit Autismus-Spektrums-Störung (ASS) eine Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme oder eine Ausbildung im Berufsbildungswerk Abensberg. Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, deren Symptomatik je nach Ausprägung der Störung variieren kann. Menschen mit Autismus sind von Störungen in der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung betroffen und leiden unter Einschränkungen im Bereich der Kommunikation und sozialen Interaktion. Ein soziales Miteinander muss oft erst mühsam erlernt werden. Menschen mit Autismus sind häufig auf Hilfen bei der Strukturierung und Bewältigung ihres Alltages angewiesen.

Chancen des Persönlichen Budgets für Menschen mit Autismus
Im Team des am B.B.W. angesiedelten Projekts arbeiteten Prof. Dr. Matthias Dalferth von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Regensburg, Sozialpädagogin Heike Vogel aus dem B.B.W. und Sozialpädagogin Kathrin Hainzlmeier zusammen. Sie wurden unterstützt von einem Beirat mit 14 weiteren Fachleuten. Die Projektmitarbeiterinnen stellen fest, dass Leistungsträger als auch Leistungserbringer nach wie vor über unzureichende Kenntnisse hinsichtlich des Persönlichen Budgets sowie des Behinderungsbildes Autismus verfügen. Dies bringe erhebliche Problemstellungen bei Beantragung, Bedarfserhebung und Bewilligungsverfahren sowie bei der Suche nach geeigneten Unterstützungsleistern mit sich. Auch hätten bislang nur sehr wenige Leistungserbringer budgetfähige Leistungsangebote ausgewiesen. „Wenn es gelingt, Kostenträger, Leistungserbringer aber auch Leistungsberechtigte mit ausreichenden Informationen und Kenntnissen auszustatten, dann zeigen die positiven Beispiele, die wir im Laufe der Projektarbeit sammeln konnten, dass das Persönliche Budget einen wesentlichen Beitrag zur Inklusion von Menschen mit Autismus darstellen kann."