Kinder, die Systeme sprengen?

Der Begriff „Systemsprenger" geistert virulent durch Medien und Gesellschaft. Die Fachwelt stellt sich längst die Frage, ob die subjektive Zuweisung der Ursachen des Scheiterns junger Menschen im System der Hilfen zur Erziehung auf den, der „sprengt", nicht zu kurz gegriffen ist.

Was führt dazu, dass Kinder und Jugendliche in unterschiedlichsten Angeboten der Jugendhilfe nicht mehr weiter betreut werden können? Nicht selten sind es Momente, in denen ein Kind Grenzen gegenüber anderen Kindern oder Mitarbeitern massiv überschreitet. Momente der Bedrohung, verbunden mit körperlichen Übergriffen und daraus resultierenden Ängsten. Momente, in denen Kinder sich selbst oder andere erheblich gefährden. Momente, in denen Kinder völlig enthemmt auftreten und die Belastbarkeit von „Systemen" oder auch Bezugspersonen über alle Grenzen hinaus testen. Auch ein zunehmender Konsum von Suchtmitteln oder die Wahrnehmung, dass ein Kind nicht „andockt", sind Beispiele für Situationen, die Betreuungen scheitern lassen. Wiederholt sich dieses Scheitern von Maßnahmen oder das Scheitern des Kindes in verschiedenen Maßnahmen, spricht man von „Systemsprengern". Es sind junge Menschen, die sich vermeintlich nicht in Maßnahmen halten lassen.

Wir wissen, dass die Zahl an Kindeswohlgefährdungen kontinuierlich steigt und psychische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter im Bereich der stationären Hilfen zur Erziehung bei 60 % der Betreuten festgestellt werden können. Wir wissen auch, dass die Fallzahlen im Bereich der stationären Hilfen zu Erziehung kontinuierlich zunehmen und dies trotz rückläufiger Bevölkerungs­entwicklung. Wir nehmen wahr, dass es eine steigende Zahl an Kindern und Jugendlichen gibt, die unsere „Systeme" herausfordern und kaum zu halten sind.

Im Rahmen einer Fachtagung des Kinderzentrums St. Vincent der KJF mit 250 Gästen aus dem Bereich der Hilfen zur Erziehung in der Continental-Arena in Regensburg wurde nach Ansätzen gesucht, wie dieser Kreislauf aus Überlastung, Krisen und Abbrüchen unterbrochen werden kann. Dabei kamen Experten aus Forschung, Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie zu Wort. Ansätze gibt es zahlreich, klar ist aber auch: Belastbar ist das Hilfesystem nur im gemeinsamen Handeln. Ein ausdifferenziertes System an Hilfen, mit hochqualifizierten Mitarbeitern, in dem es gelingt, reaktionsschnell zu sein und deeskalierend zu arbeiten, funktioniert nur dann nachhaltig, wenn die Zusammenarbeit aller Beteiligten hochprofessionell angelegt ist. Das beinhaltet Vertrauen ineinander, die Bereitschaft, Risiken gemeinsam zu tragen, den Verzicht auf Schuldzuweisungen in Krisensituationen, die Bereitschaft, Belastungen gegenseitig anzuerkennen und sich zuverlässig wechselseitig zu entlasten. Vor allem aber bedeutet es, jedes einzelne Kind, jeden Jugendlichen mit seiner persönlichen Lebensgeschichte im Focus des Handelns zu behalten. Jedes Kind ist es wert, individuell und abseits von Patentrezepten immer wieder eine neue Chance zu bekommen.

 

Zum Autor: Frank Baumgartner, M.A., Diplom Sozialpädagoge(FH), ist Gesamtleiter des Kinderzentrums St. Vincent der KJF in Regensburg und Mitglied im Vorstand des Landesverbandes katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen in Bayern e.V. (LVkE)