Volles Kino beim bundesweiten Aktionsabend "Kinder der Utopie"

Schulische Inklusion von Kindern mit Behinderung wurde unter großer Beteiligung diskutiert

In dem 80-minütigen Kinofilm DIE KINDER DER UTOPIE treffen sich sechs junge Erwachsene wieder. Vor zwölf Jahren wurden sie schon einmal dokumentiert – für den Film KLASSENLEBEN. Sie besuchten damals eine Berliner Grundschule, an der eine zu der Zeit noch außergewöhnliche Form des inklusiven Schulunterrichts stattfand: Kinder mit und ohne Behinderung wurden gemeinsam unterrichtet. Auch Schwerstbehinderte waren Teil der Klassengemeinschaft.

Gemeinsam sehen sich die jungen Erwachsenen Filmaufnahmen aus ihrer Schulzeit an, begegnen ihrem jüngeren Ich, sprechen bisher Ungesagtes aus und reden darüber, wie sie wurden, was sie sind. Die gemeinsame Schulzeit hat die jungen Menschen geprägt. Christian erzählt: „Dadurch, dass es Grundbestandteil des Klassensystems war, war es akzeptierter, dass es unterschiedliche Geschwindigkeiten gibt im Lernen. Diese Akzeptanz ist wichtig. Das war eben später dann nicht mehr so."

Im Anschluss an die Filmvorführung moderierte Petra Werner, Leiterin der Fachakademie für Heilpädagogik der KJF in Regensburg, eine Gesprächsrunde mit Experten und Entscheidungsträgen. Auf dem Podium waren Mütter mit Kindern, die über Einzelintegration berichten konnten, MdL Margit Wild, Bertin Abbenhues, Abteilungsleiter für Teilhabeleistungen in der Katholischen Jugendfürsorge, und die Sozialpädagogin Marina Siebert. Sie führten eine lebhafte Diskussion mit den Kinobesuchern, die sich mit dem Thema Inklusion auseinandersetzten.

Das sagen Beteiligte:

Ich bin Mutter einer 8 - jährigen Tochter mit Down Syndrom und einer 12 jährigen Tochter. Theresa ist in der Regelschule Burgweinting einzelinkludiert. Sie hat eine Schulbegleitung, die stets dann hilft, wenn es notwendig ist. Uns war ziemlich schnell klar, dass es für uns und Theresa das Beste ist, wenn sie möglichst vor Ort mit den Nachbarskindern zusammen den Alltag meistert. Bereits in Krippe und Kindergarten, war es beeindruckend, wie andere Kinder sie motivieren konnten etwas zu erlernen. Sie sucht immer Kontakt zu Kindern und möchte mit ihnen zusammen spielen.
Ich musste mir klar werden, dass ich als Mutter, nicht mit anderen Kindern mithalten konnte, da Theresa das, was sie voniIhnen lernte, immer motivierter umsetzen konnte, als wenn ich mich allein mit ihr mit Fördermaterial beschäftigte. Mein Mann und ich haben uns bewusst auch für ein Wohngebiet mit vielen Familien entschieden. Um uns herum gibt es zahlreiche Spielplätze und viele Kinder. Für uns wäre es keine gute Alternative Theresa aus diesem Umfeld heraus zu nehmen und sie in eine gesonderte Schule wegbringen zu lassen, da wir doch genau diesen sozialen Kontakt wollten. Sie geht jeden Morgen mit anderen Kindern zusammen in die Schule. Sie verabredet sich mit Klassenkameraden und Nachbarskindern oder klingelt auch spontan bei ihnen an der Haustüre. Sie ist natürlich nicht so selbstständig unterwegs, wie es ihre große Schwester mit 8 Jahren war, aber ich bin glücklich und stolz, dass Theresa so tolle Freunde in ihrer Nachbarschaft hat.
Wie es im Unterricht konkret aussieht, kann ich nur aus Berichten der Klassenleitung und der Schulbegleiterin weitergeben. Sie berichten tatsächlich wie „gut es funktioniert" und wie liebevoll die Kinder der Klasse mit ihr umgehen. Oft begrüßen sie sie mit einer Umarmung. Ein Junge in ihrer Klasse kümmert sich unglaublich liebevoll um Theresa und für die gesamte Klasse scheint das „Down Syndrom" überhaupt kein Thema zu sein, womit sie sich länger aufhalten müssten. Theresa ist ganz normal dabei. Sie macht alles mit, was sie kann, und auch wenn sie etwas nicht schafft, wird es so akzeptiert. Ich selbst habe den Eindruck, dass alle Kinder in der Klasse sehr herzlich miteinander umgehen.
Ich habe von anderen Eltern schreckliche Geschichten über Mobbing gehört und kann immer nur betonen, dass dies seltsamerweise bei Theresa nie der Fall war. Hervorzuheben ist aber besonders auch die Einstellung unserer fantastischen Lehrerin. Sie sieht alle Kinder als Individuum. Jeder hat besondere Fähigkeiten und Schwächen.  Kein Kind ist gleich. Und sie bemüht sich darum auf diese Stärken und Schwächen einzugehen. Theresa ist ihr erstes I-Kind. Sie hat aber sofort zugesagt, sie zu unterrichten, auch wenn sie zugeben musste Respekt und auch ein wenig Angst davor zu haben. Wir sind dankbar dafür, dass sie sich auf unsere Theresa trotzdem eingelassen hat und wir so eine unglaublich engagierte Lehrerinn für die ersten 2 Jahre der Schule gefunden zu haben. Theresa kann inzwischen lesen und schreiben und kleine Rechenaufgaben lösen.
Ich bin durch unsere Erfahrung sicher, dass Inklusion gelingen kann, wenn das Team der Lehrerinnen und Lehrer sowie Eltern von Kindern mit und ohne Behinderung offen für Veränderungen in der Schule sind und zusammenarbeiten. Die Angst vor einer neuen Aufgabe und Herausforderung sollte den Weg der Inklusion nicht versperren. Der Erfolg der Inklusion hängt meiner Meinung nach also stark von den Menschen vor Ort ab.

(Anne Weinmann)
 

Gut gemachte Filme und Dokumentationen über Inklusion inspirieren und motivieren mich, mich privat und beruflich weiterhin für eine inklusive Gesellschaft einzusetzen. Wie im Film „Kinder der Utopie" werden positive Beispiele gelungener Inklusion dargestellt. Diese machen deutlich, wie die Utopie oder die Vision einer inklusiven Gesellschaft aussehen kann.
„Die Inklusion wird die Welt nachhaltiger verändern als die Französische Revolution." Eine gewagte These, aber deshalb völlig abwegig? Inklusion als gesamtgesellschaftliche Zielsetzung hat ohne Zweifel utopischen oder visionären Charakter. Doch Visionen - verstanden als Wunschbild oder Zukunftsentwurf - gingen in der Geschichte der Menschheit häufig gesellschaftlichen Veränderungen voraus. Als das Volk von Paris vor fast genau 230 Jahren die Bastille erstürmte (am 14. Juli 1789), hatte sie die Vision von einer freiheitlichen, gleichberechtigten und brüderlichen Gesellschaft. Heute zählen Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität selbstverständlich zu den Grundwerten jeder demokratischen Verfassung. Um Visionen Wirklichkeit werden zu lassen, braucht es Menschen, die an der Realisierbarkeit ihrer Träume glauben und sie in der Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, im Arbeitsleben, im Verein, in der Partei, etc. auch leben und begeisternd vertreten.
Trotz des gut gemeinten Wunsches, die Welt zu verbessern, dürfen wir allerdings den Blick für gesellschaftliche Realitäten nicht aus den Augen verlieren. Die visionäre Dimension der Inklusion bedeutet aber auch, dass Inklusion - also eine vollendete inklusive Gesellschaft – meines Erachtens nach nie endgültig erreicht werden kann. Genauso wie eine völlig befriedete Gesellschaft.
Inklusion als „gesellschaftlicher Grundwert" verstanden, ist eine Vorstellung, ein Ideal, welches in einer Gesellschaft allgemein als wünschenswert anerkannt ist und den Menschen Orientierung für nächste Schritte in eine angestrebte Richtung gibt. Wenn wir erkannt haben, dass die Verwirklichung einer inklusiven Gesellschaft ein erstrebenswertes Ziel darstellt, sind wir aufgefordert, das gesellschaftliche Zusammenleben entsprechend zu gestalten. Dies hat u.a. Konsequenzen für die Gestaltung des Bildungswesens, Arbeitslebens, kulturellen Lebens, Freizeitbereichs, Wohnungswesens, etc. Jeder einzelne von uns und jede gesellschaftliche Institution ist gefordert, an der Umsetzung inklusiver Strukturen und Organisationsformen mitzuwirken.
Als Abteilungsleiter bei der Katholischen Jugendfürsorge möchte ich daran mitwirken, die Fördereinrichtungen zu Inklusions- bzw. Kompetenzzentren weiterzuentwickeln, in denen Menschen mit und ohne Behinderung gefördert werden. In unseren Einrichtungen werden Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit hoher Professionalität und Qualität mit dem Ziel gefördert, begleitet und betreut, sie auf ein möglichst eigenständiges und selbstbestimmtes Leben vorzubereiten. Wo möglich soll dies in einem inklusiven Setting erfolgen. Entweder in einer Fördereinrichtung, die sich für Kinder und Jugendliche ohne Behinderung öffnet, oder in einer Regeleinrichtung, die von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung besucht werden. Die spezielle Förderung durch Sonderpädagogik, Heilpädagogik, Therapie etc. muss auch im Regelsystem gewährleistet werden. Auch wenn dies fachlich, personell und organisatorisch im konkreten Alltag eine große Herausforderung darstellt.
Die UN-Behindertenrechtskonvention schließt besondere Fördermaßnahmen in speziell dafür eingerichteten Institutionen nicht aus, fordert aber Zugangsmöglichkeiten für alle zu den Regelsystemen. Eltern sollten die Wahlmöglichkeit haben, um für ihr Kind den richtigen Förderort auswählen zu können. Inklusion kann folglich nicht heißen, jeden Menschen gleich zu behandeln, sondern ist im Gegenteil der respektvolle Umgang mit menschlicher Individualität, weil alle Menschen zwar frei und gleich an Würde und Rechten, aber mit unterschiedlichen individuellen und sozialen Voraussetzungen geboren werden. Der Staat muss daher zur Wahrung der Würde und Rechte jedes Einzelnen entsprechende gesellschaftliche Rahmenbedingungen schaffen, um trotz unterschiedlicher individueller Voraussetzungen eine gerechte Verteilung von Zugangs- und Lebenschancen für jede und jeden sicherzustellen.
Aufgrund vieler Begegnungen mit Eltern, deren Kinder einen besonderen Förderbedarf haben, als auch aus persönlicher Erfahrung mit meiner mittlerweile 23jährigen geistig behinderten Tochter heraus, lehne ich jede ideologische Grundhaltung zur Inklusion ab, die z.B. die Abschaffung aller „Sondereinrichtungen" fordert. Inklusion ist nicht mit der „Brechstange" zu erzwingen. Inklusion ist etwas, das sich in den Köpfen der Menschen vollziehen muss. Deshalb lässt sich Inklusion auch nicht „von oben" vorschreiben oder verordnen. Inklusion muss wachsen.
In einem Chinesischen Sprichwort heißt es: "Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen." Lassen Sie uns gemeinsam Windmühlen bauen! Ich bin dabei!


(Bertin Abbenhues, Vater eines Kindes mit Behinderung und Abteilungsleiter der Katholischen Jugendfürsorge)