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Meditativer Impuls Dezember 2021

Macht hoch die Tür

Auf dem Bild sind 24 Möglichkeiten abgebildet, wie man Türen öffnen und sich Zugang verschaffen kann. Früher hieß es: Je größer die Häuser, umso schwerer die Schlüssel. Zum Entriegeln mancher Stadttore mussten Menschen so viel Kraft aufbringen, dass sie es alleine gar nicht schafften konnten. Heutzutage geht das einfacher: Es gibt Einsteckschlösser mit Schlüsseln, die in jede Hosentasche passen. Autotüren öffnen sich per Funk auf Knopfdruck, ins Hotelzimmer und zum Bankschalter gelange ich mit einer Chip-Karte. In den PC komme ich mit einem Passwort, in das Smartphone mit einer Pin, oder noch einfacher: per Fingerabdruck oder Gesichtserkennung.

Advent ist die Zeit der Schlösser und Türen. Besonders die Kinder freuen sich, wenn sie jeden Tag ein Türchen am Adventskalender öffnen dürfen. Wahrscheinlich gibt es inzwischen auch schon Personality-Adventskalender zu kaufen, deren Türchen zur Schokolade mit Hilfe von digitalen Einlog-Systemen aufspringen. Die eigentliche Botschaft dahinter ist immer dieselbe: Die Vorfreude auf das Weihnachtsfest soll wachsen dürfen. Indem wir jeden Tag eine neue Tür öffnen, öffnen wir uns selbst für das Kommen Gottes, damit ER in dieser Zeit Mensch werden kann. Denn diese Welt schreit danach, menschlicher zu werden. Es kann sich jede Leserin und jeder Leser selbst Gedanken machen und ausmalen, wie es wäre, wenn das Evangelium von der Geburt im Stall und die Botschaft der Engel „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden" Zutritt bekäme in alle Bereiche unserer Arbeitswelt, Finanzwelt, Verkehrswelt und Medienwelt einschließlich des World Wide Web. Würde sich nicht auch an den Lebenswelten der Migranten Vieles verbessern? Bei ihnen, die in diesen Tagen an den verschlossenen Toren der Ländergrenzen ausharren und denen keine QR-Codes auf Covid-Zertifikaten, um in ein Kino oder Theater zu kommen, nur ansatzweise weiterhelfen?

Mit Freude und Dankbarkeit darf ich aber auch in die vielen Häuser und Räume schauen, zu denen Gott sich längst einen Zugang geschaffen hat und Licht in diese Welt bringt. Es sind Orte, wo Menschen sich solidarisch zeigen und einander mit Herz und Hand helfend zur Seite stehen. Deshalb sind in diesem Bild auch die Türöffner zum Haus St. Klara, einer Wohngemeinschaft für Menschen mit körperlicher Behinderung, zum Senioren-Marienheim der Caritas oder zur KJF-Geschäftsstelle, zu finden. Sie stehen stellvertretend für alle sozialen, caritativen, medizinischen und pflegerischen Einrichtungen und Dienste. Dort wird heute der Heiland geboren, hier tritt Gott selbst ins Leben, wenn es auch oft nur im Stillen und Verborgenen geschieht.

Wir sehen 24 Möglichkeiten, für jeden Tag im Advent eine, damit der Immanuel, der „Gott mit uns" kommen kann. Dazu zähle ich auch die Räume der Stille, der warmleuchtenden Kerzen und der Andacht. Und bitte zwischendurch nicht vergessen: Stimmschlüssel für Musikinstrumente hervorholen und beim Singen die Notenschlüssel beachten! Schließlich sollen alle Tonlagen, von der quietschend-hellen Stimme eines Säuglings bis zum brüchigen Bass eines alten Greises miteinstimmen dürfen:

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit…"

Fotos und Text: Georg Deisenrieder