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Interdisziplinärer Fachtag im Rahmen des 100+1-jährigen Jubiläums des LVkE

„Kinder schützen – das ist unsere gemeinsame Überzeugung"

„Ich bin auch dabei – Kinder schützen, das ist unsere gemeinsame Überzeugung" – so hatten die Veranstalter, die Arbeitsgemeinschaften katholischer Einrichtungen der Diözesen Regensburg und Passau, den interdisziplinär mit ausgewiesenen Expertinnen und Experten besetzten Fachtag überschrieben. Als Mitglieder im Landesverband katholischer Einrichtungen in Bayern (LVkE) leisteten sie damit einen Beitrag zu dessen Jubiläumsprogramm anlässlich des 100-jährigen Bestehens in 2020 und sensibilisieren die breite Öffentlichkeit für das hoch brisante Thema Kinderschutz.

Bild v.li.: Diözesan-Caritasdirektor Passau Michael Endres, LVkE-Geschäftsführerin Petra Rummel, Geschäftsführerin der AGkE Passau Erika Paul, Ministerialrätin Isabella Gold, Doris Kohl, Leiterin Soziale Dienste für Jugend und Familie des Jugendamts Straubing-Bogen, Professor Dr. Ute Ziegenhain von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm, Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der KJF Regensburg Dr. Hermann Scheuerer-Englisch, Leiterin der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der KJF in Cham Britta Ortwein Feiler mit Kollege Dipl. Psychologe Martin Kriekhaus, (vorne) LVkE-Vorsitzender und Direktor der KJF Regensburg Michael Eibl, Dr. Julia Prasser, Chefärztin des medbo Zentrums für Psychiatrie Cham (ZfP), Geschäftsführer der AGkE Regensburg Robert Gruber und Kinder- und Jugendpsychiater Hans Kiefel (medbo Amberg/Cham)

Die mit insgesamt rd. 200 Gästen sehr gut besuchte hybride Fachveranstaltung widmete der Vorsitzende des LVkE, Michael Eibl, dem vor kurzem plötzlich verstorbenen Jugendamtsleiter des Landkreis Regensburg, Werner Kuhn. Als Gast auf dem Podium hätte er stellvertretend für alle Jugendämter Bayerns an der Tagung teilgenommen und wurde schmerzlich vermisst. Eibl begrüßte aus dem Sozialministerium Ministerialrätin Isabella Gold, Kolleginnen und Kollegen aus der Heimaufsicht, aus Jugendämtern in Bayern, die Präventionsbeauftragten der Bistümer Regensburg und Passau, Diözesan-Caritasdirektor Michael Endres sowie Fachkolleginnen und -kollegen aus den Einrichtungen und Diensten der freien und öffentlichen Wohlfahrtspflege Bayerns, die sich in einem interdisziplinären Netzwerk für den Kinderschutz stark machen und wertvolle Arbeit leisten. Der LVkE war bestens durch dessen Geschäftsführerin Petra Rummel vertreten. Für die hervorragende Organisation der Tagung zeichneten Britta Ortwein-Feiler, die Leiterin der Erziehungsberatungsstelle in Cham, und ihr Team verantwortlich.

„Wir dürfen nicht mehr übers Geld diskutieren."

Michael Eibl erinnerte zu Beginn der Veranstaltung an den Augsburger Aufruf aus dem Jahre 1997 und den Journalisten Detlef Drewes, der damals mit schockierenden Fakten die sexuelle Ausbeutung von Kindern aufzeigte. Auch heute noch gelte das Gebot: „Schützt alle Kinder vor sexueller Ausbeutung!" Im Mai 2021 in der SZ veröffentlichte Zahlen müssten uns alarmieren: Um 53 % stieg die Herstellung und Verbreitung von Bildern und Filmen von sexualisierter Gewalt gegen Kinder. Die Kriminalstatistik für 2020 zeigt 16.921 angezeigte Fälle von Kindesmissbrauch auf – etwa 1.000 mehr Fälle als im Jahr zuvor. Die Dunkelziffer wird noch viel höher geschätzt. Angesichts dieser dramatischen Zahlen begrüßte Eibl das mit der SGB VIII-Reform vor kurzem in Kraft getretene, sogenannte Jugendstärkungsgesetz, und mahnte an, dass dafür auch die Finanzierung gegeben sein müsse, denn das SGB VIII sei ein Manifest: "was drinsteht, muss auch passieren." Das Jugendstärkungsgesetz sieht u.a. auch vor, dass im Kinder- und Jugendschutz alle Beteiligten enger zusammenarbeiten. Im interdisziplinären Netzwerk der Hilfen misst Eibl der Erziehungsberatung als einem sehr niederschwelligen Angebot eine wichtige Rolle bei.

„Kinderschutz braucht starke Netze."

Seit über 100 Jahren setzt sich der LVkE für das Wohl von Kindern und Jugendlichen ein und macht sich stark für deren Schutz und deren Rechte. Die Arbeit des LVkE habe während der Corona-Pandemie noch einmal mehr Bedeutung gewonnen, machte Britta Ortwein-Feiler deutlich. Denn die jungen Menschen seien besonders vulnerabel und bedürften besonderen Schutzes. So richtete auch Ministerialrätin Isabella Gold vor ihrem Grundsatzreferat ihren Dank an den LVkE mit seinen Mitgliedseinrichtungen und Fachkräften für ihr großartiges Engagement zum Wohle der Familien und ihrer Kinder. Sie stellte die interdisziplinäre Kooperation als die wichtigste Basis dafür heraus. „Kinderschutz braucht starke Netze", erklärte sie.

Präventiver Kinderschutz als maßgebliche Chance

Die Kinderschutzarbeit bewege sich in einem sensiblen Spannungsfeld zwischen Prävention und Intervention, was von den Fachkräften in Einzelfällen äußerst anspruchsvolle Abwägungsprozesse verlange. Da Eltern die prioritäre Verantwortung für ihre Kinder haben, sei die frühzeitige Unterstützung gerade in belastenden Lebenssituationen wichtig. Gold stellte ebenso wie Professor Dr. Ute Ziegenhain von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm, den präventiven Kinderschutz als maßgebliche Chance heraus. Dabei sind die Frühen Hilfen wichtig – noch bevor es zu einer Kindeswohlgefährdung kommt. So sieht das Bayerische Gesamtkonzept für Kinderschutz folgende Schwerpunkte vor: Prävention, eine starke staatliche Schutzfunktion, die Stärkung der interdisziplinären Zusammenarbeit und die bedarfsgerechte Weiterentwicklung der Hilfen. Mit dem KoKi-Förderprogramm etwa stellt das Sozialministerium seit 2009 flächendeckende Netzwerkstrukturen bereit. Schon sehr viel länger und als zentrales Angebot zur Bewältigung von Krisen und zur Stärkung von Kindern und Familien werden die Erziehungsberatungsstellen in Bayern durch das Sozialministerium gefördert. Sie sind ebenso wie die Jugendsozialarbeit (JaS) an Schulen wesentliche Bestandteile der Netzwerkstruktur.

Eltern-Kind-Beziehung ausschlaggebend

Prof. Dr. Ute Ziegenhein zeigte in ihrem Beitrag auf, wie entscheidend die emotionale Sicherheit bei Kindern von einem feinfühligen und intuitiven Verhalten der Eltern abhängt. Belastendes und entwicklungsgefährdendes Verhalten der Eltern – etwa in Folge einer eigenen psychischen oder Suchterkrankung der Eltern – führe zu Bindungsstörungen bei den Kindern mit zum Teil schwerwiegenden Folgen. Hier könnten bindungsbasierte Elternprogramme die Chance bieten, intuitives Elternverhalten zu reaktivieren, sofern bei den Eltern keine schwerwiegende Pathologie vorliegt oder es sich um Fälle von Misshandlung, Vernachlässigung und sexuellen Missbrauch handelt. In diesen schwerwiegenden Fällen besteht Handlungspflicht. Ein Eingreifen von staatlicher Seite auch gegen den Willen der Eltern ist erforderlich.

Erziehungsberatung im Kontext Kindeswohlgefährdung

Der Leiter der Regensburger Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern, Dr. Hermann Scheuerer-Englisch, stellte die Bedeutung der Erziehungsberatungsstellen als erste Anlauf- und Kontaktstellen für Kinder- und Jugendliche, ihre Familien oder anderer nahestehender Personen und Fachkräfte in latenten Gefährdungssituationen heraus. Ihr Angebot sei besonders wichtig, um Gefährdungen vor einer Unterbringung abzuwenden oder nach intensiven Maßnahmen zu stabilisieren. Sie können Familien lange, aber bedarfsorientiert auch sehr flexibel oder weniger zeitintensiv begleiten. Häufig gäbe es Unsicherheiten im Helfersystem, wann eine sog. „unfeinfühlige Elternschaft" das Kindeswohl gefährde. Deshalb sei die Kooperation aller Beteiligten so wichtig: KITA, Schule, Geburtshilfe, Ärzte, soziales Umfeld, Jugendamt, Familiengericht, Beratungsangebote und ambulante, aufsuchende Dienste sowie die Kinder- und Jugendpsychiatrie gehören u.a. dazu. Interessant in diesem Zusammenhang ist, von wo Hinweise aus dem Helfersystem kommen. Bei allen Altersstufen sind es die sozialen Dienste, Beratungsstellen und die Jugendhilfe als häufigste oder zweithäufigste Hinweisgeber auf eine Kindeswohlgefährdung, zeigte Dr. Scheuerer-Englisch auf.

Damit schwer belastete Kinder und Jugendliche in der Beratung schneller und besser erkannt werden, haben die Beratungsstellen der KJF Regensburg ein Schutzkonzept entwickelt, mit dem Gefährdungslagen systematisch erfasst und beurteilt werden können. Das Handlungskonzept gibt den Fachberaterinnen und Fachberatern eine klare Vorgehensweise bei einer Gefährdungslage vor, in der das Kind im Zentrum steht. Auf Basis einer gemeinsamen Einschätzung werden im Schutzkonzept entsprechende Interventionen benannt, durch die potentielle Risiken abgewendet und den betroffenen Kindern im weiteren Verlauf eine möglichst sichere und positive Entwicklung ermöglicht werden soll.

Netzwerkpartner auf dem Podium

Um die gemeinsame Verantwortung für den Kinderschutz im interdisziplinären Netzwerk ging es am Ende der Veranstaltung bei einer Podiumsdiskussion, bei der neben den genannten Hauptreferentinnen und Referenten der Familienrichter Stefan Simeth aus Cham, der Kinder- und Jugendpsychiater Hans Kiefel (medbo Amberg/Cham), Dr. Julia Prasser, Chefärztin des medbo Zentrums für Psychiatrie Cham (ZfP), Doris Kohl, Leiterin Soziale Dienste für Jugend und Familie des Jugendamts Straubing-Bogen, und Andrea Irouschek, Fachberaterin für Kindertageseinrichtungen im Bistum Passau, teilnahmen.

Text und Fotos: Christine Allgeyer