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Probleme haben ihren Schrecken verloren

Die zehn Erziehungsberatungsstellen der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Regensburg e. V. (KJF) in der Oberpfalz und in Niederbayern geben Kindern, Jugendlichen und Eltern Rückhalt. Die Anzahl der Ratsuchenden ist mit 4.472 im Jahr 2016 nach wie vor hoch und leicht angestiegen. Die breit gestreuten Hilfen, Beratung und Betreuung sind mit 90 Prozent erzielter Zufriedenheit extrem wirksam. Das zeigte die bundesweite Studie „Wir.EB", an der die Beratungsstellen der KJF in Regensburg und Eggenfelden beteiligt waren.

Erfahrene Fachkräfte in der Erziehungsberatung sind wertvolle Partner und Lebensbegleiter für Familien und deren Kinder im Erziehungsalltag.

„Unsere Fachleute in der Erziehungsberatung werden mehr denn je gebraucht", erklärt KJF-Direktor Michael Eibl, „sie stärken und unterstützen Familien in ihren vielfältigen Erziehungsaufgaben." Die Fallzahlen belegen es: Familien brauchen verlässliche Wegbegleiter im Erziehungsalltag; insbesondere, wenn sie diesen nicht mehr alleine bewältigen. 2016 lag die Fallzahl bei 4.472 Familien mit Kindern und Jugendlichen. In 52,9 Prozent der Fälle hatten Kinder die Trennung der Eltern erlebt, weitere 36,1 Prozent sind allein erziehend. Armut in Familien, Suizidversuche bei jungen Menschen oder eine psychische Erkrankung eines Elternteils sind einige Gründe mehr, warum sich Familien an die Erziehungsberatungsstellen wenden.

„Unser Beratungsangebot dürfen und sollen Eltern, Kinder und Jugendliche als selbstverständlichen Service nutzen, um für ihr Leben und ihre Familie bei Sorgen, Konflikten und Fragen gute Wege zu finden. Wir freuen uns über das Vertrauen der Familien und sie dürfen sich bei uns verstanden und unterstützt fühlen", erklärt Dr. Scheuerer-Englisch, der Sprecher der zehn Erziehungsberatungsstellen der KJF.

Erziehungsberatung wirkt

In einer deutschlandweiten Forschungsstudie wurden erstmals die Zufriedenheiten von Klienten der Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstellen und die Wirkungen der Beratungsprozesse erforscht. Zwei Beratungsstellen der KJF – in Regensburg und Eggenfelden – waren daran beteiligt. Dr. Joachim Weiß, Leiter der Beratungsstelle in Eggenfelden, wirkte als Mitglied der Arbeitsgruppe im Forschungsprojekt mit. Etwa 100 Beratungsstellen beteiligten sich mit rd. 6.000 Datensätzen an der Studie „Wir.EB" des Instituts für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) in Mainz.

Es zeigte sich, dass Erziehungsberatung erhebliche Verbesserungen im familiären Zusammenleben bewirkt und neben einer Förderung der Erziehungskompetenz insbesondere dazu beiträgt, dass sowohl Eltern als auch junge Menschen besser mit belastenden Situationen umgehen können. Die sogenannten „Effektstärken" – ein Maß für das Ausmaß der Veränderungseffekte – waren dabei hoch – und höher als erwartet. Es stellte sich außerdem heraus, dass längere Beratungsprozesse von mindestens zehn persönlichen Terminen noch mehr bewirken konnten, ebenso wenn ein Beratungskontakt zu beiden Elternteilen bestand. Hohe Effekte wurden darüber hinaus begünstigt, wenn die Eltern selbst die Beratung initiierten, und schließlich, wenn das Ende des Beratungsprozesses einvernehmlich war. Spezifisch in Bezug auf junge Menschen bewährten sich eine Kooperation der Beratungsstelle mit anderen Diensten sowie eine ausführliche Fachdiagnostik. „Insgesamt ist es sehr erfreulich, dass das niederschwellige Angebot der Erziehungsberatungsstellen derartig hohe Effektstärken in wichtigen Veränderungsdimensionen zeigt, und dass die Beratung im Leben der jungen Leute und Familien entsprechend viel bewegt", erklärte Dr. Joachim Weiß. Die Ergebnisse der Studie könnten sehr gut für die Weiterentwicklung der Beratungskonzepte genutzt werden, so Weiß. Eine Fortführung des Projekts sei ab 2018 geplant und habe dies zum Ziel.

Was bedeutet Erziehungsberatung für Betroffene?

Beim Jahrespressegespräch der KJF-Erziehungsberatungsstellen belegten Dr. Hermann Scheuerer-Englisch, der Leiter der Beratungsstelle aus Straubing, Johann Kirmer, und die Leiterin der Beratungsstelle aus Kelheim, Brigitta Hable, die Wirksamkeitsdarstellung aus dem Forschungsprojekt mit eigenen Video- und Podcast-Rückmeldungen von Klientinnen. Am Beispiel einer alleinerziehenden Mutter etwa wurde deutlich, wie wichtig es ist, Rückmeldung zur alltäglichen Erziehungsarbeit zu bekommen. „Probleme haben ihren Schrecken verloren", sagt eine junge Mutter, „weil sie besprochen und weil Lösungsansätze gefunden werden." Sie fühle sich jedes Mal gestärkt nach dem Gespräch und lasse Ballast da. Erziehungsberatung sei, so die Klientin „eine wertvolle Möglichkeit, Gefühle, die man nicht mit der Familie oder Freunden besprechen möchte, und Probleme, die man sonst eher mit sich ausmacht, in einem geschützten Rahmen rauslassen zu können und Unsicherheiten zuzulassen."

Väter sind wichtige Partner in der Erziehungsberatung

Das zeigten der Diplom Psychologe Martin Kriekhaus und sein Kollege Diplom-Sozialpädagoge Dominik Six aus der Erziehungsberatungsstelle in Cham auf. Unabhängig davon, ob Väter ihre Väterrollen als Väter ihrer leiblichen Kinder in normalen Familien, Patchwork-Familien oder als Umgangs-Wochenend-Papa ausübten, geben sie entscheidende Impulse für die Entwicklung ihrer Kinder und sind unersetzliche Bezugspersonen. Väter eröffnen ihren Kindern Entwicklungschancen, die ohne sie so nicht möglich wären. Unstrittig ist, dass Kinder mit einer dauerhaft positiv besetzten Beziehung zu ihren Vätern sich sozial, emotional und kognitiv besser entwickeln können. Um nur zwei Beispiele zu nennen, Männer eröffnen ihren Söhnen als Rollenvorbilder Wege in die Männerwelt. Weiterhin können sie ihren Kindern als Bezugspersonen in der Pubertät helfen, die oftmals engen Bindungen zur Mutter zu lockern und sich abzulösen.

Für Väter ist es in der Regel einfacher in die Beratung zu kommen, wenn ein männlicher Ansprechpartner zu Verfügung steht. Dies senkt die Hemmschwelle deutlich, insbesondere wenn Väter noch einem traditionellen Rollenbild verhaftet sind. Gelingt es, Väter davon zu überzeugen, dass sie als Bezugspersonen für ihre Kinder wichtig sind und auf deren Entwicklungsmöglichkeiten großen Einfluss ausüben, so beobachten die Beraterinnen und Berater immer wieder eine hohe Compliance beobachten.

Für die Erziehungsberatungsstelle Cham lässt sich für die Jahre 2014-2016 festhalten, dass insgesamt 1.262 Mütter und 514 Väter Beratung in Anspruch genommen haben. Die durchschnittliche Beratungsdauer betrug bei den Müttern 5,7 Stunden, bei den Vätern 4,3 Stunden. Diese durchaus in Anzahl und Dauer positive Nachfrage der Beratung von Vätern wollen Martin Kriekhaus und Dominik Six steigern. Von ihnen erfolgreich durchgeführte Vater-Sohn-Erlebnisaktionen belegen, dass das spezielle Angebot für Väter wertvoll und besonders wirksam ist.

Text:

Dr. Hermann Scheuerer-Englisch, Dr. Joachim Weiß, Diplom Psychologe Martin Kriekhaus, Diplom Sozialpädagoge Dominik Six, Christine Allgeyer