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Meditativer Impuls Oktober 2017

Ökumenische Caritas – 500 Jahre Reformation

Im Oktober ist es nun so weit: Am 31. Oktober 2017 vor 500 Jahren veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen. Es ist zweitrangig, ob die Lehrsätze am Portal der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen oder über andere Publikationswege verbreitet wurden. Ganz Deutschland jedenfalls freut sich am Vortag zum Fest Allerheiligen über den zusätzlichen Feiertag in diesem Jahr. Papst Franziskus betont bei Begegnungen mit protestantischen Christen immer wieder, dass Luther die Absicht hatte, die Kirche zu reformieren; er „wollte sie erneuern, nicht spalten". Es kam jedoch anders. Die Glaubenskämpfe und Auseinandersetzungen wirken nach bis in unsere Zeit hinein. Während die einen Christen Jubiläum feiern, ist es für andere eher ein nachdenklich stimmender Tag. Für uns in der Katholischen Jugendfürsorge kann der diesjährige Reformationstag eine besondere Einladung sein, über das, was uns im Glauben eint, nachzudenken:

Caritas gibt es nur ökumenisch: „Gott ist Liebe" übersetzt auch Martin Luther das lateinische „Deus caritas est" (1 Joh 4,8). Die in unseren KJF-Einrichtungen und Diensten gelebte Caritas, die von Gott kommende Nächstenliebe, lässt sich nicht auf konfessionelle Grenzen einengen. Sie ist immer größer und weiter als wir uns vorstellen können.

  • Wer die Caritas Gottes erfährt, wird befähigt zu einem Tun in grenzenloser Freiheit. Als Augustinermönch kannte Luther diese große Freiheit des Hl. Augustinus: „Liebe und tu, was du willst". Diese Liebe kann man nicht machen, sie ist ein Geschenk, ist Gnade.
  • Schnell neigen wir dazu, unsere soziale Arbeit, unser Tun und Handeln in den Mittelpunkt zu stellen. Schließlich sind wir in der KJF doch dafür da. Doch Martin Luther nennt dies „Werkgerechtigkeit", wenn wir meinen, wir könnten uns durch soziales Engagement, Spenden, Wallfahrten oder anderen geistliche Übungen (Exerzitien) ein Stück Himmel erbeten, erkaufen oder erarbeiten. Gott stärkt den Glauben, der unser Handeln prägt und uns gute Werke hervorbringen lässt.
  • Luther und die protestantischen Kirchen stellen die Heilige Schrift ins Zentrum. Der große ökumenische Heilige, Franz von Assisi, dessen Gedenktag wir ebenfalls im Oktober feiern, lebte ganz aus der Kraft des Evangeliums, man könnte auch sagen „evangelisch". Der Mann aus Umbrien wird deshalb nicht nur in vielen KJF-Einrichtungen (BBW St. Franziskus, Wohngemeinschaft St. Franziskus, Haus St. Klara), sondern auch von den Kirchen der Reformation verehrt. Wie sieht der „wechselseitige Entdeckungsprozess von sozialer Arbeit und Evangelium" (vgl. Pastoralkonzept der KJF) in unseren Einrichtungen und Diensten heute aus?
  • Ohne Erneuerungsprozesse, ohne Wandlung und Veränderung gibt es keine Zukunft: Dies gilt für die ganze Gesellschaft, für alle Religionen und Konfessionen dieser Welt, aber auch für jeden einzelnen von uns. Ein beeindruckendes Wort hat Edgar Itt, der 10 Jahre lang einer der schnellsten 400m-Hürdenläufer der Welt war und nun als Betriebswirtschaftler und Persönlichkeitscoach tätig ist, gefunden:


„Reformation gehört für mich zur Schöpfung: Sie ist nie abgeschlossen.
Wir haben den Auftrag, uns immer wieder zu erneuern,
zu hinterfragen und schöpferisch zu sein."

 

Allen, die sich zur Aufgabe gemacht haben, Reformen mutig anzugehen, wünschen wir, dass sie gute Wege finden zwischen Tradition und Innovation, zwischen Rigorismus und Ausverkauf, zwischen Individualität und Solidarität, zum Wohl eines friedvollen Miteinanders in dieser einen Welt.

Georg Deisenrieder
Pastoralreferent