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Meditativer Impuls Juli 2017

„Augenblicke vollständiger Achtsamkeit"

Passenger, dessen Videoclip zum Song „Let her go" inzwischen 1,5 Milliarden Internetaufrufe verzeichnen kann, gab beim Tollwood-Sommerfestival in München ein Konzert mit einer ganz besonderen Botschaft. Er bittet darum, die Smartphones wegzustecken und mit ihm gemeinsam die Musik zu genießen. Wörtlich: „Wir leben in einer so schönen Welt. Da sollten wir aufpassen, dass wir nicht den Großteil unserer Zeit damit verbringen, auf Bildschirmen zu starren." Diese Botschaft kam an. „Die Zuschauer hören auf Passenger und so schaffen sie gemeinsam mit ihm einen Augenblick der vollständigen Achtsamkeit in einer Welt voller digitaler Ablenkungen." (Donaukurier vom 28.6.2017, S. 19).

In derselben Zeitungsausgabe wird ein paar Seiten vorher in dem Artikel „Wenn Geborgenheit im Elternhaus fehlt" darauf hingewiesen, dass sich nach einer Studie der Bepanthen-Kinderförderung fast jedes dritte Kind zu wenig beachtet fühlt. Dabei kommen nach Aussage des Mikrosoziologen Klaus Bertram Mütter besser weg als Väter. „Bei Vätern jedoch gibt es Abstriche, weil sie während der Zeit mit ihren Kindern oft noch ihr eigenes Ding machen, zum Beispiel mit dem Handy surfen oder telefonieren." (ebd. S. 6.)

Die Kinder, Jugendlichen, Menschen mit Behinderung, aber auch Kolleginnen und Kollegen in unseren KJF-Einrichtungen und Diensten wollen gesehen und beachtet werden. Wer gesehen wird, bekommt Ansehen. Dies stärkt das Selbstvertrauen und fördert die Fähigkeit, viel bewirken zu können. Wer im Dienst das Smartphone gebraucht, sendet oftmals indirekt die Botschaft aus: Derjenige, mit dem ich jetzt in der Leitung verbunden bin, ist mir wichtiger als du Mensch neben mir.

Im Christentum gibt es das Bild des vorsehenden Auge Gottes. Es sieht hinein in unsere Welt und kennt die Lebenslagen eines jeden Menschen. Dargestellt wird es als ein von einem Strahlenkranz umgebenes Auge und ist meist von einem Dreieck umschlossen, das auf die göttlichen Personen Vater, Sohn und Heiliger Geist verweist. Wenn Gott auf uns schaut, tut er es nicht als der große Beobachter oder gar Kontrolleur. Er möchte uns Aug in Aug begegnen, damit wir im Kontakt bleiben, ihn und uns selbst näher kennenlernen.

Nicht nur Kinder lieben die Geschichte vom kleinen Zollpächter Zachäus, der auf einen Maulbeerfeigenbaum steigt, um Jesus zu sehen. Denn die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht. Als Jesus kam, „schaute er hinauf und sagte zu ihm: „Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein" (Lk 19, 5). Blicke verwandeln und machen den Weg frei für eine neue Zukunft. Jesus kehrte bei ihm ein und Zachäus bekam neues Ansehen.

Es ist ratsam, dass es in unseren Einrichtungen immer wieder zum Thema wird, wie wir einer „Welt voller digitaler Ablenkungen" Augen-Blicke der „vollständigen Achtsamkeit" erleben können. Denn diese Welt ist so schön.


Impulse/Fragen für Teams zum Weiterarbeiten:

  • Welche medienpädagogischen Maßnahmen sind erforderlich, um eine Kultur der gegenseitigen Achtsamkeit zu fördern? Wie fördern wir die Blickkontakte in den Gesprächen?
  • Wie sieht der Smartphone-Gebrauch in der eigenen Einrichtung aus? Sollte es im Arbeitsfeld „Smombies" (Jugendwort des Jahres 2015) geben, wie sprechen wir am geschicktesten dieses Thema an?
  • Wie schaffen wir immer wieder Aufmerksamkeit in den Gesprächsrunden, beim Essenstisch…? Soll privates Telefonieren, mailen, simsen, twittern… in Anwesenheit von Klienten erlaubt sein?
  • Die Zachäus-Geschichte (Lk 19,1-10) ist ein anschauliches biblisches Beispiel dafür, wie das Leben durch Blickkontakte wieder „heil", „ganz", „gesund" werden kann. Welche Impulse erhalten wir aus dieser Erzählung für unseren pädagogischen Alltag?

Georg Deisenrieder
Pastoralreferent